Auch die Slowenen wollen etwas Neues

Analyse13. November 2017, 11:41
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Der parteilose Marjan Šarec hat Präsident Borut Pahor fast die Show gestohlen. Ein Experte sieht Ähnlichkeiten zu Sebastian Kurz

Ljubljana/Sarajevo – Der amtierende Präsident Borut Pahor hat am Sonntag mit 52,93 Prozent die zweite Runde der slowenischen Präsidentenwahl gewonnen. Sein Konkurrent Marjan Šarec kam auf 47,07 Prozent, die Wahlbeteiligung lag lediglich bei 41,7 Prozent.

Betrachtet man die Ausgangsposition beider Kandidaten, könnte man eher Šarec als Gewinner bezeichnen. Denn von dem parteilosen Bürgermeister der Kleinstadt Kamnik hatte man nicht einmal angenommen, dass er es in die zweite Runde schafft. In Pahors Büro fragt man sich deshalb nun, wie es möglich sein konnte, dass "ein Niemand aus dem Nichts" fast den populärsten und talentiertesten Politiker Sloweniens besiegt.

Pahors Problem sei gewesen, dass er so populär sein wollte, dass er dafür jegliche politischen Positionen vermied, sagt der Politologe Marko Lovec von der Universität Ljubljana. "Die Leute haben begonnen, sich zu fragen, wozu man seine politische Funktion überhaupt braucht."

Bewegungen statt etablierter Parteien

Eine weitere Erklärung für das gute Abschneiden des ehemaligen Komikers Šarec ist ein größerer Trend, der zuletzt auch in Tschechien, Österreich und Frankreich zu beobachten war. Viele Leute wenden sich "Bewegungen" zu, die neu erscheinen und denen Veränderung zugetraut wird. Dazu kommt, dass etablierte Parteien weniger ankommen. Die Umfragen für die regierende Partei SMC in Slowenien sind extrem schlecht. Kommendes Jahr finden in dem Land mit zwei Millionen Einwohnern Parlamentswahlen statt. "Šarec hat das Potenzial, künftig auch in die parlamentarische Politik zu gehen", sagt Lovec.

Es gebe jetzt sogar Gerüchte, wonach mit ihm eine "Partei der Bürgermeister" gebildet werden könnte. Bürgermeister sind in Slowenien auf dem Land – neben den Priestern – die wichtigsten Figuren. "Sie haben weitreichende Autorität, die vom Verträgeschmieden mit Geschäftsleuten bis zur Verheiratung von Leuten reicht. Sie verwenden eine einfache Sprache. Und sie gelten als 'Macher'. Die Leute wollen solche Figuren, die in der Lage sind, etwas zu verändern", sagt Lovec.

Ähnlichkeiten zu Kurz-ÖVP

Sollte der 39-jährige Šarec landesweit bei der Parlamentswahl antreten, könnte die neue Partei Mitte-rechts orientiert sein, ähnlich der ÖVP von Sebastian Kurz, nimmt Lovec an. "Er würde möglicherweise auf wirtschaftlichen Nationalismus, Dezentralisierung, Entbürokratisierung, weniger Steuern und eine 'Politik für die Familie' setzen." Allerdings würde Šarec dazu ein großes Team, Zeit und finanzielle Ressourcen brauchen.

Einigen Umfragen zufolge haben jedenfalls eher rechtsgerichtete Wähler vom Land dem Shootingstar ihre Stimme gegeben. In seinem Heimatbezirk Kamnik kam er auf 73,5 Prozent der Stimmen. Er konnte aber auch in vielen anderen nord- und mittelslowenischen Bezirken eine Mehrheit für sich gewinnen.

Šarec' Erfolg hat sicherlich auch mit seiner Bühnenpräsenz zu tun. Er hat eine Schauspielausbildung absolviert und an der Akademie für Theater und Film in Ljubljana studiert. Šarec arbeitete als Journalist beim Staatsfernsehen, wurde aber vor allem durch seine Radiobeiträge bekannt – er kann vor allem berühmte Politiker perfekt und auf sehr unterhaltsame Weise imitieren. In der Folge trat er auch als Komiker auf der Bühne auf. Als er sich 2010 um Bürgermeisteramt in Kamnik bewarb, dachten viele noch, es handle sich um einen Scherz. Aber er kam in die zweite Runde, die er dann auch gewann. (Adelheid Wölfl, 13.11.2017)

  • Amtsinhaber Borut Pahor (rechts) konnte die zweite Runde der Präsidentenwahl nur knapp für sich entscheiden. Von Marjan Šarec, parteiloser Bürgermeister von Kamnik, hatte man zunächst nicht einmal angenommen, dass er es in die zweite Runde schaffen würde.
    foto: reuters/srdjan zivulovic

    Amtsinhaber Borut Pahor (rechts) konnte die zweite Runde der Präsidentenwahl nur knapp für sich entscheiden. Von Marjan Šarec, parteiloser Bürgermeister von Kamnik, hatte man zunächst nicht einmal angenommen, dass er es in die zweite Runde schaffen würde.

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