Jeannée in "Österreich", Fellners "Talkshow", mehr GIS für ORF, insolventer Fachverlag

Kolumne13. November 2017, 07:00
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Bis Mittwoch muss der Rundfunk sein Budget 2018 vorlegen – in dem die jüngste Gebührenerhöhung erstmals zwölf Monate wirkt

1. Zahlungsunfähig

Für einen Branchenmagazinverleger beginnt die vermutlich schwierigste Woche in der jahrzehntelangen, ohnehin nicht einfachen Geschichte seines Unternehmens. Ich höre von Zahlungsunfähigkeit, Insolvenzverfahren, Troubles mit einem Gesellschafter und rund 20 Jobs, um die es da geht. Nein, es ist keiner der Branchenverlage, die uns gleich einfallen. Mehr dazu, wenn wir Bestätigungen meiner Informationen haben – vom Verlag oder von einem der Kreditschutzverbände. Update: Es handelt sich um den a3 Wirtschaftsverlag. Mehr dazu finden Sie hier.

2. Zahlentag im ORF

Ein fast schon milliardenfach größeres Medienunternehmen muss bis Mittwoch seine Zahlen für 2018 vorlegen. Alle Jahre wieder verlangt das ORF-Gesetz vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk, seinen 35 Stiftungsräten das ORF-Budget für das kommende Jahr zu übermitteln.

Absehen lässt sich: Rund eine Milliarde Euro Umsatz, vielleicht knapp darüber. Rund 650 Millionen Euro davon aus Gebühren nach knapp 630 Millionen 2017. Denn: 2018 wirkt die GIS-Gebührenerhöhung vom Mai 2017 erstmals das ganze Jahr. Wenn nicht noch ein Streaming-Boom die Einnahmen drückt. 2015 hat der Verwaltungsgerichtshof ja festgestellt, dass internetbasierte Nutzung kein Rundfunk ist, und nur für betriebsbereite Rundfunkempfangsgeräte darf die GIS Gebühren verrechnen.

Absehen lässt sich schön langsam auch: Weniger Budget für den Premium-Sport – mit dem beschlossenen Wegfall des wöchentlichen Bundesliga-Livespiels und der Champions League.

Mit einem Budgetbeschluss der Räte ist üblicherweise erst in der Dezember-Sitzung der Räte zu rechnen. Schon am 23. November tagen sie auf Drängen bürgerlicher Räte. Es wird wohl um das leidige 303-Millionen-Projekt ORF-Bau- und Sanierungsprojekt Küniglberg gehen. Wie budgetrelevant der Standort sein kann, zeigte der ORF-Jahresabschluss 2016 mit 29,6 Millionen Euro Minus (und 24,2 Millionen Minus im Konzern), weil der einkalkulierte Verkauf des Funkhauses sich zumindest verzögerte. 2017 soll der ORF wieder knapp positiv abschließen, für 2018 wird er sich das gewiss neuerlich vornehmen.

3. Gebühren für Flimmit

Wo wir schon bei der GIS sind: Was wurde eigentlich aus dem Umbau von Flimmit, von der kommerziell gedachten, österreichischen Antwort auf Netflix und Amazon Prime mit einer Million Jahresverlust zum gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Portal? Bald mehr, soweit ich in Erfahrung bringen konnte. Medienbehörde und Wettbewerbsbehörde scheinen dem Vorhaben nach bisherigem Stand durchaus aufgeschlossen gegenüberzustehen.

4. ORF-Programm, linear und doch zeitversetzt

Üblicher Schwerpunkt in den Novembersitzungen des Stiftungsrats ist das Programmschema für das kommende Jahr. Die ORF-1-Reformen in voller Pracht werden sich für die Sitzung eher schwer ausgehen – ORF-Chef Alexander Wrabetz schickte die Arbeitsgruppe dafür am vergangenen Montag auf eine Extrarunde zu einer tägliche Info-Show mit ORF-Strategen Franz Manola. Die dafür formierte Untergruppe mit ORF-1-Infochefin Lisa Totzauer sollte diese Woche ein Stück weiter kommen. Update: Es blieb vorerst beim sollte – im Dezember trifft sich die Arbeitsgruppe wieder.

5. Weiterkommen im ORF

Womit wir (wieder einmal) bei Namen wären, die – in der absehbaren Konstellation der Bundesregierung und damit auch der ORF-Gremien – für Führungsjobs im ORF hoch gehandelt werden.

ORF-General Alexander Wrabetz hat im Frühsommer angekündigt, er werde unmittelbar nach der Nationalratswahl nun aber wirklich die Channel Manager für ORF 1 und ORF 2 und die Chefredakteure für diese beiden Kanäle ausschreiben. Gut möglich, dass er das in den nächsten Tagen, knapp vor dem nächsten Stiftungsrat, tatsächlich tut, wo sich die nächste Regierungskonstellation doch schon recht deutlich abzeichnet.

Die Chancen der gemeinhin als bürgerlich eingeordneten Lisa Totzauer auf den Job der ORF-1-Channel-Managerin, so sie sich bewirbt, sind jedenfalls seit 15. Oktober 2017 nicht gesunken. Gesunken sind eher die Chancen, dass sie diesen Job langfristig behält und nicht mehr wird im ORF. Noch ein paar mögliche Kandidaten für ORF-Führungsjobs finden Sie in meiner Übersicht aus dem Sommer.

Nicht in dieser Liste, aber in den vergangenen Tagen von Menschen mit Einblick als FPÖ-Wunschkandidat für ORF 2 ins Spiel gebracht: "ZiB"-Mann Matthias Schrom, bisher etwa stellvertretender Chronikchef der "ZiB", 2015 Listenführer und Gegenkandidat von Dieter Bornemann bei der Wahl der "ZiB"-Redakteurssprecher, Chef vom Dienst bei Ö3, davor ORF-Radio Wien und Tirol und Programmchef der Antenne Tirol. Die "Kleine Zeitung" brachte den Namen schneller (am Freitag in ihrer ORF-Prognose-Coverstory).

6. Karo der Woche

Wo wir schon bei Politik und Persönlichem sind: Das "Editor's Dinner" von "Profil" lieferte freundlicherweise das Schaubild der Woche: Sebastian Kurz und Christian Rainer in fein abgestimmtem Karo.

foto: vgn/profil/walter wobrazek
Kanzler in spe Sebastian Kurz und Christian Rainer, "Profil"-Herausgeber seit bald zwei Jahrzehnten.

Ich schwänze die Veranstaltung seit Jahren, entnehme aber der Presseaussendung interessiert: "Ich bin jedes Jahr gerne zu Gast. Der informelle Austausch zwischen Medien, Politik und Wirtschaft ist etwas Positives und dieser findet hier statt." (Sebastian Kurz, derzeit Außenminister)

"Das profil Editor`s Dinner vereint gutes Essen in freundschaftlicher Atmosphäre, dennoch weiß jeder die richtige Distanz zu wahren. Das betrifft Journalisten und Politiker, aber auch Männer und Frauen. Beim Editor`s Dinner werden bekanntlich aktuelle Themen besprochen wie die MeToo-Kampagne oder der Rücktritt des Peter Pilz." (Christian Rainer, derzeit "Profil"-Herausgeber).

ORF-Chef Alexander Wrabetz und ORF-Programmdirektorin Kathrin Zechner waren auch da. Wrabetz wirkt auf dem Pressefoto nicht sehr fröhlich.

foto: vgn/profil/walter wobrazek
ORF-General Alexander Wrabetz (rechts) mit Flughafen-Vorstand Günther Ofner.

7. Fellner live

Diesen Mittwoch findet Ö24TV endlich ein schlüssiges Format für seinen eifrigsten Mitarbeiter. "Fellner Live" nennt sich ab Mittwoch eine (laut Eigenwerbung) tägliche "Talkshow" auf Fellners Kanal um 21.15. Ich fände ja schlüssiger, den Sender so zu benennen.

foto: faksimile "österreich"
Werbung für "Fellner live" in "Österreich am Sonntag".

Die "Talkshow" startet mit nicht ganz überraschenden Gästen: Sebastian Kurz (Mittwoch) und Heinz-Christian Strache (Donnerstag). Für die weitere Besetzung nominiere ich unzuständigerweise Niki Lauda oder einen ausreichend bedrohlichen Kometen. Micaela Schäfer war ja leider gerade erst ausführlich im Ö24TV-Studio.

8. Gegendarstellung nach Belieben – oder: Jeannée in "Österreich"

Zu den spannendsten Tagungen meines an Tagungen nicht armen Mediendaseins zählt das Rundfunkforum des REM – also des Forschungsinstituts Recht Elektronischer Massenmedien. Das liegt an den Kapazundern insbesondere des öffentlichen Rechts, die sich da zusammenrotten. Und an den Experten, die sie einladen, und ihren Vorträgen.

Medienanwalt Peter Zöchbauer zum Beispiel referierte beim jüngsten Rundfunkforum über das "Gegendarstellungsrecht unter 'postfaktischen' Bedingungen". O-Ton: "Wir beschränken im Moment das Gegendarstellungsrecht auf unwahre Tatsachenmitteilungen. Warum wollen wir nicht das Gegendarstellungsrecht öffnen und auch für wertende Äußerungen aufmachen. Vielleicht wie früher nicht nur auf das Kriterium der Wahrheit oder Unwahrheit abstellen." Zöchbauer vertritt zum Beispiel die Mediengruppe Österreich in Medienverfahren.

Alfred Noll, auch Medienanwalt, schlug beim Rundfunkforum vor, statt des geltenden Rechts auf Gegendarstellung Menschen, über die berichtet wird, das Recht einzuräumen, "genau denselben Raum zur Selbstdarstellung" im jeweiligen Medium einzuräumen. "Retorsionsmodell" nennt Noll das.

Noll erklärt es so: "Wenn Zeitungen damit Geschäfte machen, dass sie mit Berichten über Personen die Aufmerksamkeit des Publikums und damit die Reichweite erhöhen, und deshalb glauben, dass dieser Person der auch am Konto ablesbare Wert zukommt. Dann sollen sie es sich auch gefallen lassen müssen, dass diese Person denselben oder einen vergleichbaren Raum bekommt, die eigene Sicht darzustellen."

Das regte meine Fantasie an, Michael Jeannée und die "Krone" könnten "Österreich"-Befunde über den "Krone"-Postler und sein Wirken nicht allein zu Mitteilungen über Klagen wegen übler Nachrede, Beschimpfung und Verspottung anregen, sondern auch zur einen oder anderen Jeannée-Kolumne in "Österreich", zum Beispiel über "Fellner live".

A propos Selbstdarstellungsrecht: Alfred Noll, seit voriger Woche auch Abgeordneter der Liste Pilz zum Nationalrat, wird nach seinen Worten beim Rundfunkforum "sicher versuchen, das in die Diskussion um eine allfällige Novellierung des Mediengesetzes einzubringen". (Harald Fidler, 13.11.2017)

Die Etat-Wochenschau ist eine sehr subjektive Auswahl und Interpretation anstehender Ereignissen in der – vor allem österreichischen – Medien- und gelegentlich auch Werbebranche. Wie sich die Prognosen in der Medienrealität materialisieren, lesen Sie so rasch wie möglich auf derStandard.at/Etat.

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