Ottakringer-AR-Chefin Wenckheim über Quoten, Gefühl, Wasser und Bier

Interview11. November 2017, 08:00
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Seit sie Ottakringer-Aufsichtsratschefin ist, ist Christiane Wenckheims Bier nicht mehr nur das Bier

Vom Würstelstand in den Vorstand der Ottakringer Brauerei: Vorgezeichnet war der Weg nicht. Heute, da sie Aufsichtsratschefin der Ottakringer Getränke AG ist, ist Christiane Wenckheims Bier aber nicht mehr nur das Bier. Um herauszufinden, wie man Unternehmen mehr Kreativität einhaucht, hat sie sogar noch einmal studiert. Eine Frauenquote hielt sie lange nicht für notwendig. Heute sieht sie das anders.

STANDARD: Sie sind vor zwei Jahren Ihrem Vater als Aufsichtsratsvorsitzende der Ottakringer Getränke AG nachgefolgt. Jetzt wachen Sie über Bier, Wasser, Getränkehandel, Immobilien und eine hippe Eventlocation. Gehen Sie es jetzt wirklich wie geplant ruhiger an?

Wenckheim: Ja, das war bewusst so gedacht. Erstens weil ich als Brauereichefin sehr dominant in der Szene war und weil ich auch Platz machen wollte für die neue Führung. Außerdem habe ich mir einen Wunsch erfüllt und bin studieren gegangen, habe einen Master in Change-Management gemacht.

STANDARD: Was haben Sie da gelernt?

Wenckheim: Wie Veränderungsprozesse in internationalen Unternehmen entstehen, was in Organisationen und was mit Menschen passiert. Selbstreflexion, zuerst einmal ruhig werden, bevor man schießt. Aber auch, wie man die Menschen abholt, die man um sich hat. Und wie man viele Meinungen integrieren und eine breitere Akzeptanz für Themen finden kann.

foto: standard/matthias cremer
Als Brauereichefin war Christiane Wenckheim ziemlich präsent. Jetzt zieht sie die Fäden im gesamten Unternehmensreich.

STANDARD: Und was machen Sie jetzt mit diesem Wissen?

Wenckheim: Ein Thema, das mich sehr beschäftigt, ist der Mensch im Mittelpunkt der Organisation. Zahlen, Daten, Fakten – die rationale Ebene funktioniert bei uns in der westlichen Welt sehr gut. Jetzt geht es darum, mehr Kreativität und die emotionale, intuitive Komponente mehr zu fördern. Ein Output ist etwa der salonartige Raum, in dem wir jetzt sitzen. Die Mitarbeiter haben ihn entwickelt. Hier kann man eine ganz andere Art von Gesprächskultur leben. Es geht auch darum, das spielerische Element in unsere Welt zu bekommen. Wir wollen ja, dass die Jungen uns in Zukunft attraktiv finden. Es soll alles ein bisschen lustiger, lockerer, weniger schwerfällig, interaktiver werden. Wir brauchen mehr Input von vielen, damit wir à la longue viel bessere Ideen verwirklichen.

STANDARD: Das klingt nach einem weiblichen Führungsstil.

Wenckheim: Bis zu einem gewissen Grad haben wir Frauen diese integrierende und abholende Art. Aber ich bin sicher, dass Männer das auch können und machen. Zudem entspricht es dem Zeitgeist, miteinander die Lösungen zu finden.

STANDARD: Das kommt vermutlich auch bei Frauen gut an. Wie hoch ist der Anteil der weiblichen Beschäftigten mittlerweile?

Wenckheim: Bei den Angestellten nähern wir uns in der gesamten Gruppe, also inklusive Vöslauer, schon der 50-Prozent-Marke. Und wir haben seit Anfang 2017 in der Konzernmutter eine Frau in den Vorstand bekommen. Das freut mich besonders.

STANDARD: Als Sie Vorständin wurden, hat man Sie als Vorzeigefrau herumgereicht, erfolgreich in einem Männerbusiness. Hat das genervt oder geschmeichelt?

Wenckheim: Ich habe das als eine Art Atout und eine Chance gesehen, für die Marke zu stehen. Das Unternehmen zu promoten und damit erfolgreicher zu machen, das habe ich lustig gefunden. Als Bierbrauerchefin bist du bei den Menschen. Das habe ich geliebt. Ich habe gefunden, dass du als Frau die Chance hast, anders zu sein und dadurch auch aufzufallen. Ich habe das immer als Chance gesehen.

STANDARD: Wie geht es Ihnen mit der aktuellen Debatte über sexuelle Belästigung?

Wenckheim: Es liegt mir am Herzen, dass man nicht über Leute hinweggeht und respektlos mit jenen umgeht, die eine solche Erfahrung machen müssen. Das fände ich schmerzlich.

STANDARD: Erfolgreiche Geschäftsfrauen und Unternehmerinnen sind häufig gegen eine Frauenquote. Wie sehen Sie das?

foto: standard/matthias cremer
Angefangen hat sie in jungen Jahren als Gastro-Unternehmerin. Der Einstieg in die Brauerei war eigentlich nicht geplant.

Wenckheim: Ich war eigentlich immer gegen eine Frauenquote. Allerdings habe ich da meine Meinung bis zu einem gewissen Grad revidiert. Ich glaube, es ist wichtig, dass Frauen in gute Positionen kommen und dass wir uns dafür engagieren müssen. Noch schwieriger ist es aber oft, Frauen zu überzeugen, in diese Positionen zu gehen. Ich habe immer wieder erlebt, dass ich Frauen Positionen angeboten habe und sie nicht wollten. Da hilft auch eine Quote nicht. Ich finde es aber sehr wichtig, dass wir Frauen fördern. Und wenn es eine Quote braucht, damit es funktioniert, dann soll es so sein.

STANDARD: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist damit aber noch nicht erledigt.

Wenckheim: Ja, es ist ganz wichtig, ein Umfeld zu schaffen, in dem Frauen gerne in eine führende Position kommen, eine Arbeitswelt, in der Kinder akzeptiert werden und auch, dass man einmal früher nach Hause geht.

STANDARD: Ihre Arbeitswelt war insgesamt recht bunt. Man könnte mit den Geschichten über Ihre zahlreichen Jobs ein Buch füllen. Gar nicht schlecht für Ihr Alter, oder?

Wenckheim: Ich weiß nicht. Ja, vielleicht. Ich bin viel in der Welt herumgekommen. Ich war in Amerika, ich war in Südamerika, in Restaurants, auf einer Ranch. Ich war Tellerwäscherin und habe ein Restaurant geführt, war in der Schweiz, wo ich studiert habe. Ich habe mir viel angeschaut. Zurück in Österreich bin ich Würstelstandlerin geworden.

STANDARD: Vom Würstelstand in den Vorstand – die Geschichte hat vielen gefallen. Sie haben mit 24 Ihr erstes Bier getrunken und Ihr eigenes Unternehmen gegründet. Wie war es als junge Gastro-Unternehmerin?

Wenckheim: Ich habe dadurch die Brauerei von der Kundenseite her kennengelernt. Das war super. Ich habe viele Beziehungen zu Mitarbeitern aufgebaut und mich sehr intensiv mit unseren Produkten im Familienkonzern beschäftigt. Sowohl mit Vöslauer als auch mit dem Bier. In die Brauerei bin ich durch einen Zufall gekommen. Meinem Vater ist die gesamte Marketingabteilung ausgefallen, und ich habe ihm angeboten, dass ich ihm helfe.

STANDARD: Und sind geblieben ...

Wenckheim: Ja, ich bin vom Marketing in den Vorstand gekommen, bin also meinem Vater in der Brauerei nachgefolgt und nach 17 Jahren in den Aufsichtsratsvorsitz.

STANDARD: Womit wir wieder in der Gegenwart wären. Höfe, Gewölbe, weitläufige Gänge: Es ist sehr altehrwürdig, gediegen, ein bisschen einschüchternd und altmodisch hier. Ist das die Welt, in der Sie aufgewachsen sind?

foto: apa/neubauer
Die moderne Anlage im kleinen Brauwerk Ottakring. Früher gab es in der großen Brauerei nebenan auch offene Bottiche mit Schaumkronen.

Wenckheim: Ich bin immer gern hergekommen. Früher waren die Bottiche, in denen das Bier gegärt hat, offen. Ich habe die Bilder in Erinnerung, wie die Schaumkronen, die Kräusen, herausgewachsen sind. Je intensiver die Gärung wurde, umso höher wuchsen diese Schaumberge. Es hat unglaublich toll gerochen. Natürlich hieß es, Kind, pass auf, dass du nicht reinfällst. Meinen Kindern gefällt am besten das Labor. Dort oder bei den Robotern, die die Bierflaschen auf die Paletten räumen, könnten sie stundenlang stehen. So hat jede Generation etwas anders zu bestaunen.

STANDARD: Ihr Vater heiratete mit Ihrer Mutter in die Haupteigentümerfamilie ein. Wer hatte in Ihrem Elternhaus das Sagen?

Wenckheim: Zu Hause die Mutter. Wenn der Vater gekommen ist, hat er mit ihr meist über ein neues Etikett oder eine neue Biersorte reflektiert, und wir Kinder waren halt auch dabei. So habe ich ihn immer erlebt. Mein Bruder, der vor mir in der Brauerei in Ungarn gearbeitet hat, hat gesagt, du wirst sehen, wenn du in die Brauerei kommst, wirst du so viel eh schon wissen, weil du von klein auf so viel mitbekommen hast. Das war dann wirklich so.

STANDARD: Bier ist immer noch ein wichtiges Produkt, auch wenn der Absatz in Österreich generell stagniert. Sie haben Ottakringer sehr früh zum Lifestyleprodukt gemacht, so wie mittlerweile auch Vöslauer. Die Brauerei ist eine hippe Eventlocation. Brauchen Sie das Wirtshaus überhaupt noch?

Wenckheim: Natürlich. Unbedingt. Das Wirtshaus ist das Aushängeschild bei uns, für uns als Familienunternehmen der wichtigste Partner neben dem Handel.

STANDARD: Verdienen Sie mit dem Veranstaltungsbereich auf dem Ottakringer-Gelände auch Geld, oder ist das Liebhaberei?

foto: ottakringer
Lustige Marketingideen gehören zum Geschäft mittlerweile nicht nur bei Ottakringer, sondern auch bei der Konkurrenz dazu.

Wenckheim: Das ist ein Herzstück der Brauerei. Wir haben dieses tolle Areal, wo wir nicht nur Events machen, sondern auch überlegen, wie wir es in Zukunft ein Stück entwickeln können. Ein urbanes Viertel zu werden wäre auch eine Vision für die Zukunft für uns als Familienkonzern.

STANDARD: Sie haben nicht nur in Ottakring Immobilien. Auch die Therme in Bad Vöslau gehört dazu. Wann werden Sie mit Immobilien mehr verdienen als mit Bier?

Wenckheim: Das ist schon ein wichtiges Standbein der Zukunft. Das Brauereiareal hier in Ottakring mit viereinhalb Hektar ist noch relativ wenig entwickelt für andere Zwecke als unsere eigenen. Auch Bad Vöslau ist ein wunderschönes Areal, jetzt bauen wir gerade auf dem Gelände Sommerwohnungen. Wir haben in Innstadt eine Immobilie mit einem tollen Wohnprojekt entwickelt. Aber für mich sind die Vöslauer, die Ottakringer und die Getränke-Fachhändlergruppe mit insgesamt fast 800 Mitarbeitern schon das zentrale Herzensanliegen.

STANDARD: Dem Bier geht es in Österreich ziemlich gut. Während die deutschen Brauereien in den letzten Jahren ziemlich gejammert haben, das Bier auch zur Ramschware verkommen ist, bleibt hier der Pro-Kopf-Verbrauch hoch, es gibt so viele Brauereien wie noch nie. Wie kommt's?

Wenckheim: Ich glaube, das liegt an der Qualität und an der Vielfalt. Wir haben etwa hier in Ottakring immer sehr qualitätsvolles Bier gebraut und immer schon auf große Sortenvielfalt gesetzt, das tun die großen deutschen Brauereien gewiss nicht in diesem Maße. Wir haben etwa Zwicklbier, dunkles Bier, Märzen, Pils, Radler, Null Komma Josef, Biobier, wir haben inzwischen sogar eine kleine Craftbrauerei, wo wir ganz spezielle Biere zaubern. Jetzt zum Beispiel ein Schnittenbier gemeinsam mit der Firma Manner. Schnittenfahrt heißt das. Da sind wir sehr kreativ.

STANDARD: Craftbier liegt im Trend. Ist die Konkurrenz bei Spezialbieren gut?

Wenckheim: Craftbier ist ein weltweiter Trend, den kann man nicht aufhalten. Die Ottakringer Brauerei ist im internationalen Maßstab vergleichsweise klein mit enorm vielen Sorten. Insofern ist Ottakringer selbst eine Craftbier-Brauerei. Die Vielfalt ist aber in jeder Branche mittlerweile ein Thema. Bei uns auch in der Vöslauer. Wir haben Biolimonade oder ganz neu auch einen Tee.

foto: fesch og/ philipp podesser
Auch wenn der Absatz stagniert: Österreich ist immer noch eine Biertrinkernation. Trotzdem ist das Business schon lange sehr viel weitverzweigter. Lifestyle, inszeniert in und von der Brauerei, gehört bei den Ottakringern mittlerweile zum täglich Brot.

STANDARD: Vöslauer war offenbar ein guter Griff. Der Marktanteil ist kräftig auf 40 Prozent gestiegen. Welche Pläne haben Sie damit?

Wenckheim: Wir haben jetzt die Expansion Richtung Deutschland laufen. Wobei wir schon in vielen Trendhotels und Trendlokalen sind und in urbanen Zentren immer bekannter werden.

STANDARD: Das heißt, jetzt geht es statt mit Bier mit Wasser in die Welt hinaus? Ich erinnere mich an das alkoholfreie Bier mit Ananasgeschmack für Saudi-Arabien.

Wenckheim: Das gibt es nicht mehr. Dafür haben wir jetzt etwa einen Minze-Zitronen-Radler für Österreich.

STANDARD: Die weite Welt lockt nicht mehr?

Wenckheim: Ungarn ist eines unserer Kernexportländer für die Brauerei, angrenzende Länder wie Italien sind ein Ziel. Aber die Exportquote ist mit etwa drei Prozent sehr klein. Bei Vöslauer Mineralwasser ist sie mit etwa zehn Prozent deutlich höher.

STANDARD: Sie haben vom Thema Chancenmanagement geredet. Sehr viele Österreicher wünschen sich auch politisch Veränderungen. Welche Wünsche haben Sie an die neue Regierung?

Wenckheim: Positives Denken, Dynamik, Energie und ganz wichtig: nicht auf die Humanität vergessen, die menschlichen Werte, den sozialen sowie den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bei diesen Themen würde ich mir wünschen, dass jetzt eine Aufbruchsstimmung kommt.

STANDARD: Und fürs Unternehmen?

Wenckheim: Unternehmen muss es leichter gemacht werden. Ich nehme wahr, dass viel zu viel bis ins Kleinste geregelt ist. Der Vergleich zwischen Wien und Niederösterreich etwa, den wir als Wiener Brauerei und niederösterreichische Vöslauer ja beurteilen können: Ein Kollege ist einmal gekommen und hat gesagt, für Wien brauchen wir einen riesigen Akt, damit wir eine Maschine genehmigt bekommen, in Niederösterreich reicht dafür ein Blatt. Da muss schon achtgegeben werden, dass wir nicht demnächst gesagt bekommen, wie groß ein Schnitzel sein muss. Ich glaube, man sollte den Menschen viel mehr zutrauen, ihnen mehr Möglichkeit zur Gestaltung geben und sie mehr Entscheidungen treffen lassen. Das ist auch meine Philosophie in unserem Unternehmen. Und ich denke, das täte ganz Österreich gut.

STANDARD: Ihrem Familienunternehmen geht es gut, die Aktie ist aber weiterhin im Dornröschenschlaf. Ist Ottakringer denn im Kühlschrank besser aufgehoben als im Depot?

Wenckheim: Es ist jedenfalls immer sehr gut, ein Ottakringer und ein Vöslauer im Kühlschrank zu haben.

Christiane Wenckheim (52) kümmert sich seit 2015 im Ottakringer-Getränkekonzern ums große Ganze. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Ehe die Kunstliebhaberin eher zufällig in der Brauerei landete und später auch deren Chefin wurde, tingelte sie ausgiebig in der Welt herum.

Zur börsennotierten Ottakringer Getränke AG gehören neben der Brauerei auch Vöslauer und große Teile der Vertriebsspezialisten Kolarik & Leeb und Del Fabro. Sie ist hauptsächlich im Eigentum der Familien Wenckheim und Menz. 1962 übernahm Christiane Wenckheims Vater Engelbert mit ihrem Onkel Gustav Harmer die 1837 gegründete Brauerei. Christiane Wenckheim, seit 2010 Vorstandsvorsitzende, folgte ihrem Vater 2015 als Aufsichtsratsvorsitzende nach. Die Gruppe erwirtschaftete 2016 mit 800 Mitarbeitern 229,9 Millionen Euro Umsatz und 10,8 Millionen Euro Gewinn.

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