Joachim Meyerhoff: Endlich verliebt!

12. November 2017, 12:00
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"Die Zweisamkeit der Einzelgänger" heißt der vierte Band der sehr erfolgreichen Romanreihe des Burg-Schauspielers. Darin erzählt der Autor über seine ersten Bühnenengagements – und die erste große Liebe. Ein Vorabdruck

Obwohl ich nichts über Judith wusste, war ich mir sicher, sie schon bald wiederzusehen. Ich spazierte durch die Straßen Bielefelds und rechnete jeden Augenblick mit einem Zusammentreffen. Zufall als verlässliche Größe würde uns einander begegnen lassen. Wie ein Wünschelrutengänger in eigener Sache ließ ich mich durch die Stadt lenken, blieb an jeder Ecke, vor jedem Geschäftseingang stehen und erspürte den Weg, der uns zusammenprallen lassen würde.

Doch überraschenderweise verpassten wir uns. Der erste Tag verging, der zweite, der dritte, und allmählich erlahmte mein hellseherischer Optimismus. Einmal war ich sogar mitten in der Nacht wieder aufgestanden und hatte mich auf den Weg zu einem Platz gemacht, da ich in einer prächtig dreidimensional animierten Vision deutlich vor mir gesehen hatte, wie sie sich auf ebendiesen Platz zubewegte. Zwei rote Punkte im Bielefelder Stadtplan, aufeinander zustrebend zur vorherbestimmten Kollision.

Doch als ich unseren Schicksalsort erreichte, stieß ich mit nichts anderem zusammen als mit ihrem Ausbleiben und knallte frontal gegen eine Leerstelle von erstaunlicher Präsenz. Es blieb mir nichts anderes übrig, als sie aktiv zu suchen, was mich etwas ernüchterte, da ich mir eine kosmischere, von höheren Kräften gefügte Wiederbegegnung gewünscht hätte. Der vierte Tag verging, der fünfte. Immer und überall hielt ich Ausschau nach ihr, suchte zwischen Passanten und Autos nach ihren weißblonden Haaren, nach dem schwarzen Trenchcoat.

Ein halber Liebender

Am sechsten Tag nach meiner Premiere fuhr ich in die Universität und aß in der Mensa zu Mittag. Obwohl viele der Studenten älter waren als ich, kam ich mir wie ein betriebsfremder Eindringling vor. Ich ließ mir Zeit, observierte meine Umgebung und verbrachte gute zwei Stunden mit einer vorzüglichen Kohlroulade und einer roten Grütze. Oder war sie etwa noch auf der Schule, durchfuhr es mich, war sie jünger, als ich sie geschätzt hatte?

Ich hatte keine Proben und beschloss, die Stadt, die mir vor jener Nacht luftabschnürend klein vorgekommen war, nun aber doch groß genug zu sein schien, um sich permanent zu verpassen, mit einer gewissen Systematik abzusuchen. Bei gutem Wetter würde ich mich den Morgen über in verschiedenen Parks aufhalten, dann die Fußgängerzone abwandern, erneut den Campus überwachen, am späten Nachmittag ins Freibad gehen, am Abend Studentenkneipen besuchen und vielleicht die Suche in einer Diskothek ausklingen lassen.

Da geschah etwas, das mich überraschte: Die Stadt gefiel mir von Tag zu Tag besser. Orte, die ich bis dahin nicht gekannt hatte, wurden durch die Möglichkeit, ihr zu begegnen, aufgewertet und verheißungsvoll. Nie war ich Bielefeld mit Neugier, immer nur mit Vorbehalten begegnet, jetzt, da ich ein halber Liebender war, blühte die Stadt nicht nur wegen der ersten Maitage auf. Die Parks lagen voller wie von einer Frühlingsexplosion kreuz und quer in das Gras geschleuderter Körper.

Artistische Sprünge

Im Freibad döste ich rauchend auf meinem Handtuch dahin und dachte über die zurückliegende Woche nach. Wahrscheinlich würde ich sie erst treffen, wenn ich nicht mehr nach ihr suchen würde. Mehr und mehr misstraute ich dem Eindruck, dass ich ihr etwas bedeutete. Oder hatte sie mich längst abgehakt und gedacht: Du liebe Güte, was war denn das für ein todlangweiliger Schwachkopf.

Auf einem für die Öffentlichkeit gesperrten Sprungturm trainierte ein Paar, beide braungebrannt. Er mit weißem Haar und weißer Badehose, sie mit weißer Haube und rotem Badeanzug. Die ersten Sprünge hatte ich, ganz in Judith-Gedanken versunken, nur beiläufig verfolgt, doch als sie vom Einmeterbrett auf das Dreimeterbrett wechselten, erregten sie auch mein Interesse. Sie sprangen abwechselnd, der eine stand am Beckenrand und verfolgte den Sprung des anderen. Erste Badegäste hatten sich um das Sprungbecken versammelt und bestaunten die zunehmend artistischeren Sprünge des Paares.

Etwas war eigenartig an den beiden. In der Luft waren sie geschmeidig, aber wenn sie sich aus dem Wasser wuchteten und insbesondere wenn sie die Leiter des Sprungturmes hinaufkletterten, wirkten sie schwerfällig, ja gehandicapt. Ich drückte meine Zigarette in die Wiese, stand auf und schlenderte zum Becken hinüber. Ich sah, wie der Mann mühsam den Fünfmeterturm erklomm. Er stellte sich an die Kante, wischte sich mit einem Tuch den hageren, durchtrainierten Körper ab und warf den Lappen von der Plattform – ein Ritual, das ich auch im Folgenden nicht begreifen sollte – und machte sich für seinen Sprung bereit.

Spritzerlos ins Wasser

Er breitete die Arme aus, stand da, und die Sonne erleuchtete ihn, warf einen extra grellen Strahl auf seine gebräunte Haut, seine weiße Badehose, in sein dichtes weißes Haar hinein. Er sprang ab, drehte sich aus einer doppelten Schraube heraus in einen zweifachen Salto – fallende Kastanie! – und tauchte spritzerlos ins Wasser ein. Die Freibadbesucher klatschten. Als er aus dem Wasser kletterte, war wieder die Anstrengung deutlich sichtbar, und als er zu seiner Sprungpartnerin ging, traute ich meinen Augen kaum.

Er war ein alter, ja uralter Mann, und auch sie war eine hochbetagte Frau. Nun war sie an der Reihe. Ein wenig füllig geworden, kletterte sie den Sprungturm hinauf, pausierte alle fünf, sechs Sprossen, wischte sich oben angekommen mit dem Lappen über Arme und Beine und stellte sich rücklings an die Kante. Ruckelte sich noch ein wenig weiter hinaus, sodass ihre Fersen frei in der Luft schwebten. Auf den Zehenspitzen drückte sie sich nach oben und sprang einen dreifachen Rückwärtssalto. Wieder Applaus, sobald sie auftauchte.

So wie die Zuschauer war auch ich in einer Mischung aus Bewunderung und Sensationslust gebannt von den beiden fliegenden Alten. Jemand sagte neben mir: "Toll, oder? Und beide über achtzig." Der Körper des Mannes hatte in seiner sehnigen Durchtrainiertheit etwas Befremdliches. Die Gebrechlichkeit, die beim Erklimmen des Turmes nicht zu verbergen war, löste sich während des Sprungs jedes Mal in Luft auf, in von Perfektion erfüllte Luft.

Driftende Tagträume

Ich stellte mir mehrere Fragen: Würde ich jemals so alt werden? Würde ich jemals drei Sekunden meines Lebens mit diesem Quantum an Können füllen? Würde ich jemals jemanden finden, der mir bei dem, was ich versuche, zusieht, jemanden, der tatsächlich Kriterien für das hat, was mich umtreibt? Oder würde ich so ein leicht verschrobener Einzelgänger werden, der lebenslang nur Arschbombe vom Startblock macht?

Wie so oft verfiel ich in driftende Tagträume, die Sehschärfe verschob sich zugunsten der inneren Bilder, und nur noch schemenhaft sah ich die beiden braungebrannten Flugkörper durch mein von Visionen getrübtes Sichtfeld stürzen. Warum nur suchte ich seit Tagen wie ein Besessener nach dieser Frau? Was wollte ich eigentlich von der? Das war doch realitätsferner Quatsch! Dieser brennende Rauchgeruch, wenn sie mir nahegekommen war, woher kam der nur? Dachte sie überhaupt hin und wieder an mich? Wann würden die beiden zum letzten Mal in ihrem Leben springen? Würde der eine ohne den anderen überhaupt springen können?

Vielleicht, malte ich mir aus, würden sie eines Tages, wenn sie merkten, dass sie es schon bald nicht mehr auf den Turm hinauf schafften, sich in ein Flugzeug setzen und ohne Fallschirm beidseitig von den Tragflächenspitzen in die Tiefe hüpfen. Er in Badehose, sie im Badeanzug, und dann eine Schraube nach der anderen drehen, unzählige Saltos schlagen, synchron in Luftpirouetten auf die Erde zurasen, um sich in einem wahnwitzigen Taumel aus Vollkommenheit und Schwindel aufzulösen.

Boden der Realität

Den knallharten sogenannten Boden der Realität nie erreichen, niemals aufschlagen, sondern auf ewig abstürzen. Mich faszinierte der Gedanke: Die eigenen Atome zu zentrifugieren, sich im Mixer der Unendlichkeit kleinzuhäckseln und sich auf ewig als beseelte Partikel in den Äther zu blasen. Ja, das war es wohl, was man versuchen musste, den unabwendbaren tagtäglichen Sturz mit möglichst vielen Kunststücken zu verzieren, und wenn man Riesenglück hatte, dabei nicht allein zu sein.

Applaus weckte mich. Die beiden standen nun tatsächlich nebeneinander, hoch oben auf dem Zehner, als hätte ich das mit meinem Tagtraum heraufbeschworen, und hielten sich an den Händen. Sie sprangen gemeinsam, jeder die Kopie des anderen, zwei Saltos, eine Schraube, keine Spritzer. Ich drehte mich um und ging. Es wurde mir zu viel der akrobatischen Zweisamkeit für diesen Nachmittag.

Hollywoodartige Aktionen

Die zweite Woche meiner Suche ging auf ihr Ende zu. Jetzt blieben eigentlich nur noch hollywoodartige Aktionen übrig. Kondensstreifen mit J+J oder Kleinflugzeug mit Spruchbanner "Ich weiß, dass du nicht Judith heißt", mit dem Lautsprecherlaster durch die Straßen fahren, die Stadt mit Steckbriefen zupflastern oder am besten gleich zur Polizei gehen, sie als vermisst melden und ein Phantombild anfertigen. Wusste ich überhaupt noch, wie sie aussah? Ja, das wusste ich. Das wusste ich genau. Das würde ich auch noch in hundert Jahren wissen. Wie eine Holografie drehte sich ihr Kopf in meinem. Von allen Seiten konnte ich sie zu jeder Tages- und Nachtzeit in meiner prächtig illuminierten Gehirnvitrine betrachten.

Ich fuhr nach Dortmund zum Vorsprechen. Der offensichtlich hochfragile Intendant hatte zarte Löckchen, die wie spiralartige Fühler wippten, wenn er vorsichtig lachte oder hüstelte. Er saß zusammengekauert da, ließ sich eine dampfende Tasse bringen, drückte mit dem Kinn den wild verschlungenen Seidenschal ein wenig herunter und pustete mit geschürzten Lippen eine wellige Landschaft auf die Oberfläche seines Tees.

Sein Mund hatte etwas Unanständiges, erinnerte mich an das saugende Maul des großen Fensterputzerfisches, der die Scheiben im Aquarium meines Bruders saubergesuckelt hatte. "Wie freundlich von dir, dass du die Mühe auf dich genommen hast, zu uns nach Dortmund zu reisen." Ich konnte ihn kaum verstehen, so leise sprach er. Ich spielte meine Rollen vor, und nach jeder einzelnen lobte er mich, was mir ungemein wohltat, sagte dann allerdings, nachdem ich Hamlet in Unterhose gegeben hatte, auch: "Wow, du hast ja irre schöne Beine!"

Ehrliche Hässlichkeit

Ich war am Morgen mit dem Zug nach Dortmund gekommen, und vom ersten Augenblick an hatte mir die Stadt in ihrer, wie es mir vorkam, ehrlichen Hässlichkeit gefallen. Auf der Heimfahrt zurück nach Bielefeld überlegte ich, was ich machen sollte, falls mich das Theater in Dortmund engagierte, und ich wunderte mich über meine Unentschiedenheit. Alles ist besser als Bielefeld, ermahnte ich mich, na klar gehst du nach Dortmund, wenn die dich wollen.

Aber etwas haderte in mir, und als ich begriff, dass es immer noch jene Nacht war, deren Echo nach mir rief, es immer noch die Hoffnung war, sie zu finden, die mich fesselte, forderte ich mich auf, endlich einen Schlussstrich unter diese ganze aberwitzige Verirrung zu ziehen. Es gibt sie nicht!, beschwor ich mich, es hat sie nie gegeben, sie ist ein Phantom. Eine plattnasige Fata Morgana. Nach einer halben Stunde autosuggestiver Überzeugungsarbeit trennte ich mich von ihr, machte mental Schluss und erreichte erleichtert Bielefeld.

Abschiedsgeschenk

Eine letzte Sache aber wollte ich noch tun, im Grunde ein Abschiedsgeschenk an mich selbst, an meinen Irrglauben, sie jemals wieder zu Gesicht zu bekommen. Ich wollte die Lichtung besuchen, auf der wir an jenem Morgen gelandet waren. Ich kaufte mir einen Stadtplan, brach frühmorgens auf und irrte umher. Doch kein einziger Weg kam mir auch nur ansatzweise bekannt vor. Ich wanderte zum Hermannsdenkmal und machte mich von dort auf die Suche nach dem Wegweiser, den ich in der Nacht mit ihrem Feuerzeug erhellt hatte. Nichts. Alle Wegrekonstruktionen liefen ins Leere.

Ich arbeitete mich in Holzwege hinein und kehrte wieder um. Mehrmals erkletterte ich aus einem akuten anfallartigen Gefühl von Vertrautheit mit dem Gelände steile Hänge. "Da oben, da ist die Lichtung!" Crocodile Dundee im Teutoburger Wald. Doch genauso schockartig wie die Gewissheit der Orientierung über mich gekommen war, verließ sie mich wieder, und ich wusste nicht einmal mehr, in welcher Richtung die Stadt lag. Weder fand ich die Villen, einen der Wege, die wir gegangen waren, noch die Lichtung.

Am späten Nachmittag kehrte ich durstig und zornig in meine Wohnung zurück, aß eine ganze Packung Cornflakes und beendete das Thema Judith. Die Tatsache allerdings, dass ich mittlerweile todsicher war, dass sie nicht Judith hieß, dass das der unsinnigste Name überhaupt war, dass sie mich belogen hatte und ich sie niemals namentlich verfluchen konnte, nie sagen konnte "Fahr zur Hölle, Judith!", machte mich halb und in ein paar Momenten ganz wahnsinnig. (Joachim Meyerhoff, Album, 12.11.2017)

foto: kiepenheuer & witsch
Joachim Meyerhoff, geb. 1967 in Homburg/Saar, aufgewachsen in Schleswig, ist seit 2005 Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. In seinem sechsteiligen Theater-Zyklus "Alle Toten fliegen hoch" trat er als Erzähler auf die Bühne und wurde zum Theatertreffen 2009 nach Berlin eingeladen. Für seinen Debütroman "Amerika" wurde er 2011 mit dem Franz-Tumler-Literaturpreis ausgezeichnet. Im September 2016 erhielt er den Nicolas-Born-Debütpreis, den Euregio-Schüler-Literaturpreis, im Jänner 2017 die Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz.

Auf der Buch Wien liest er am Sonntag, 12. 11., um 14 Uhr auf der ORF-Bühne.

Joachim Meyerhoff
, "Die Zweisamkeit der Einzelgänger". € 24,70 / 416 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017.
  • Meyerhoff: "Ich ließ mir Zeit, observierte meine Umgebung und verbrachte gute zwei Stunden mit einer vorzüglichen Kohlroulade und einer roten Grütze."
    foto: ingo pertramer

    Meyerhoff: "Ich ließ mir Zeit, observierte meine Umgebung und verbrachte gute zwei Stunden mit einer vorzüglichen Kohlroulade und einer roten Grütze."

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