Personaler, traut euch! Was der Mitarbeiter 4.0 braucht

    Gastkommentar16. November 2017, 08:00
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    Gerade jetzt könnten Personalverantwortliche die gestalterische Rolle einnehmen, von der sie immer geträumt haben – wenn sie sich trauen

    Die industrielle Produktion hat unter dem Begriff Industrie 4.0 in den letzten Jahren eine enorme Veränderung erfahren und befindet sich seitdem in einem besonderen Wandlungsprozess. Die Folgen dieser Umgestaltungen werden sich auf die Menschen in diesen neuen Arbeitswelten auswirken. Neue Wege müssen beschritten, neue Lösungen gefunden und vor allem neue Denkweisen entwickelt werden. Auch eine neue offene, partizipative Unternehmenskultur wird für den "Mitarbeiter 4.0" erforderlich sein.

    Ansprüche werden steigen

    Die immer noch vorherrschenden hierarchischen Führungsstrukturen werden dieser Notwendigkeit mit Sicherheit nicht mehr dienen. Auch wird es andere Arbeitszeit- und Vergütungsmodelle brauchen, die letztendlich den Anforderungen der Mitarbeiter und der Unternehmen gleicherart gerecht werden.

    Eines wird sich sicherlich nicht ändern: Der Mensch ist auch in einer gänzlich digitalisierten Produktionswelt nicht wegzudenken. Im Gegenteil, die Bedeutung qualifizierter Mitarbeiter wird weiter steigen. Kein Unternehmen wird es sich leisten können, auf jahrelange Erfahrungswerte und die menschliche Intuition zu verzichten. Damit verbunden werden aber die Ansprüche an die Mitarbeiter ebenso steigen, sowohl bei fachlichen als auch bei sozialen Kompetenzen.

    Durch die Digitalisierung und Industrie 4.0 werden sich viele Arbeitsplätze in Unternehmen grundlegend verändern oder verloren gehen. Auch wenn davon höherwertige Berufsbilder nicht unberührt bleiben werden, treffen diese Veränderungen vor allem den Produktionsbereich und niedrig qualifizierte Arbeitskräfte. Geht diese Gruppe als Verliererin aus der vierten industriellen Revolution hervor? Pauschalen Aussagen ist mit Skepsis zu begegnen, denn es entstehen auch neue Arbeitsplätze, und eine positive oder negative Gesamtbilanz wird vom Entstehen neuer Beschäftigungsfelder abhängen und ist von Branche zu Branche differenziert zu betrachten. Neue Technologien verändern die Arbeitswelt, doch Automatisierung ist nicht gleichzusetzen mit Arbeitsplatzverlust. Hier gilt es für größtmögliche Sicherheit zu sorgen.

    Berechtigte Ängste

    Unsere Arbeit wird sich in Zukunft qualitativ verändern und der arbeitspolitische Gestaltungsbedarf somit zunehmen. Das innewohnende Prinzip der Digitalisierung wie jedes technischen Fortschritts folgt einer Steigerungslogik und beruht auf Wachstum. Industrie 4.0 impliziert neben Fortschrittsversprechen und Automatisierung somit auch weitere Beschleunigung. In diesem Zusammenhang wird künftig noch mehr Verantwortung, mit steigendem Tempo und Komplexität umzugehen, an die Mitarbeiter weitergegeben. Es gilt, die Organisation und die Mitarbeiter zunehmend vor sich selbst bzw. überbordenden Anforderungen zu schützen. Um höheren Kompetenzanforderungen begegnen zu können, braucht es Qualifizierung und Führungskräfte, die aktiv an der Gestaltung von Systemen und Abläufen mitwirken. Das Ziel wird ein möglichst breit qualifizierter Mitarbeiter sein, um die durch Industrie 4.0 an ihn gestellten Anforderungen meistern zu können.

    Zu einer Entspannung am Arbeitsmarkt, der bereits jetzt einen eklatanten Fachkräftemangel aufweist, wird diese Entwicklung ebenfalls nicht beitragen. Die Unternehmen werden sich noch wesentlich stärker auf die Bedürfnisse der (zukünftigen) Mitarbeiter einstellen müssen, als dies bereits jetzt der Fall ist. Dies stellt auch neue Anforderungen an das arbeitsrechtliche Umfeld, um auch weiterhin gesetzeskonform agieren zu können. Das Recruiting digitaler Talente wird für den Erfolg eines Unternehmens essenziell werden. Da stellt sich die Frage, ob alle HR-Verantwortlichen dafür auch fit genug sind, um diese Aufgabe meistern zu können.

    Befinden wir uns mit Industrie 4.0 auf den Weg zum "gläsernen Mitarbeiter"? Die Ängste bezüglich einer totalen Überwachung und Kontrolle spielen in der Belegschaft eine wesentliche Rolle. Gute betriebliche Regelungen können entscheiden, ob in Organisationen Vorteile oder Nachteile überwiegen werden. Wir brauchen dafür intelligente Organisationslösungen.

    Nach Antworten suchen

    Eine weitere Befürchtung: Werden Roboter den Menschen bald als bessere und zuverlässigere Mitarbeiter ablösen, die weder Krankenstand brauchen noch beim Betriebsrat intervenieren? Können Roboter die zukünftigen, besseren Manager von morgen verkörpern?

    Allesamt Fragen, die direkt die HR betreffen. Was können wir tun? Eine Antwort darauf suchen in Oberösterreich derzeit das Netzwerk Humanressourcen von Business Upper Austria gemeinsam mit dem Institut für Arbeitsforschung und Arbeitspolitik an der JKU Linz mit der Entwicklung eines HR-Reifegradmodelles. Bisherige Ansätze und Überlegungen beschäftigen sich vorwiegend mit Technologien sowie Produktionsabläufen. Ein Modell, das den HR-Bereich hinsichtlich Industrie 4.0 messbar macht, um damit mögliche Handlungsfelder rechtzeitig und ganzheitlich aufzuzeigen, gibt es bisher noch nicht. HR solcherart generell mess- und angreifbar zu machen wäre wohl ein großer Wurf für die HR-Szene. (Andreas Berger, 16.11.2017)

    • Andreas Berger ist Head of Human Resources der Rosenbauer International AG und Beiratssprecher des Netzwerks Humanressourcen Business Upper Austria.
      foto: ludwig schedl

      Andreas Berger ist Head of Human Resources der Rosenbauer International AG und Beiratssprecher des Netzwerks Humanressourcen Business Upper Austria.

    • Wann, wenn nicht jetzt? Für Personalverantwortliche schlägt gerade eine besondere Stunde: Es geht um den Mitarbeiter 4.0. Ängste bezüglich einer totalen Überwachung und Kontrolle spielen in der Belegschaft eine wesentliche Rolle.
      foto: imago/hartenfelser

      Wann, wenn nicht jetzt? Für Personalverantwortliche schlägt gerade eine besondere Stunde: Es geht um den Mitarbeiter 4.0. Ängste bezüglich einer totalen Überwachung und Kontrolle spielen in der Belegschaft eine wesentliche Rolle.

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