Zwischen politischer Öffentlichkeit und Privatheit

10. November 2017, 00:00
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Nationale und feministische Anliegen im Werk der kanadischen Filmemacherin Joyce Wieland

Wien – Die aktuellen Auseinandersetzungen um den Status von Katalonien haben ein selten bemerktes Vorbild in den Unabhängigkeitsbestrebungen der kanadischen Front de libération du Québec vor allem in den 1960er-Jahren. Auch damals ging es um eine Verbindung von nationaler Identität mit progressiver, wenn nicht revolutionärer Politik. Einer der wichtigsten Aktivisten damals war Pierre Vallières, der seine linke Agenda immer wieder in den Dienst diskriminierter Afroamerikaner und indigener Amerikaner zu stellen versuchte.

Eines der interessantesten Dokumente in diesem Zusammenhang ist ein gut 15-minütiger Avantgardefilm von Joyce Wieland (1931-1998), in dem Vallières seine Standpunkte darlegt. Das Bild zeigt ihn dabei aber nicht, wie man annehmen würde, als Sprecher in halbnaher Einstellung, sondern nur seinen Mund: ein Organ als Sprachrohr, wenn man so will. Mit Pierre Vallières reagierte die Filmemacherin auch auf ihre Rückkehr nach Kanada, nachdem sie davor über viele Jahre zu den führenden Mitgliedern der New Yorker Experimentalfilmszene gehört hatte. Sie erlebte sich in diesem Männerbund immer wieder als marginalisiert – so ist es vielleicht kein Zufall, dass Vallières bei ihr ausführlich über Frauenbefreiung spricht.

Das Mumok erinnert nun an zwei Abenden an Wielands Werk. Kuratorin Bettina Brunner beschäftigt sich schon seit längerem mit strukturellem Film und wird Pierre Vallières vor allem als Porträtfilm lesen, zuerst in einem Vortrag und dann in einem Gespräch mit der Filmwissenschaftlerin Lucy Reynolds. Eine Woche später wird vor allem A and B in Ontario im Mittelpunkt stehen, ein 1984 fertiggestellter Film, der aber auf Material beruht, das 1967 entstanden war.

Wieland war damals mit Hollis Frampton zusammen, einer anderen Zentralfigur des experimentellen Films. Die Aufnahmen, die sie von ihrer Zeit in Toronto und Umgebung machten, wurden nach dem Tod Framptons von Wieland montiert – zu einem schönen Porträt von Intimität und geteilter Autorenschaft über den Tod hinaus, und auch über die Geschlechterspannungen hinweg, die gerade das Feld des Avantgardefilms mit seinen vielen "great men" stark geprägt haben.

Ergänzt werden Wielands Arbeiten durch Werke jüngerer Filmemacher wie Luke Willis Thompson, Laure Prouvost oder Beatrice Gibson. (Bert Rebhandl, Spezial, 10.11.2017)

Mumok-Kino, 22. / 29.11., 19.00


Spezial Mumok ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Artikelbild
    foto: arsenal - institut für film und videokunst
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