"Star Trek": Im nächsten Fernsehjahrhundert

    Userkommentar8. November 2017, 18:34
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    Die Discovery-Reihe thematisiert das Dilemma, persönliche, beziehungsweise gesellschaftlichen Ideale in Kriegszeiten aufrecht zu erhalten. Die dramaturgische Frischzellenkur der neuen Sternenflottengeneration tut gut. Eine Replik auf Stefan Pfeifer

    Einer der besten Dialoge im Star-Trek-Universum findet am Ende der zweiten Staffel von "Deep Space 9" (DS9) statt. DS9 ist der popkulturell am wenigsten bekannte Ableger des erfolgreichen Franchises, in Bezug auf Vielschichtigkeit der Charaktere, deren Motive und Handlungen wird sie aber von vielen Fans als die beste Serie angesehen. Im besagten Dialog geigt der Ferengi Quark dem Sternenflottenkommandanten Sisko mal so richtig die Meinung:

    "... wissen Sie Commander, ich weiß, wieso die Menschen uns Ferengi nicht leiden können. So wie ich das sehe, waren die Menschen früher genauso wie die Ferengi: gierig, raffsüchtig und nur gewinnorientiert. Wir erinnern Sie ständig an den Teil Ihrer Vergangenheit, den Sie gerne verdrängen. Aber Sie übersehen da etwas: Die Menschen waren zu der Zeit noch viel schlechter als die Ferengi: Sklaverei, Konzentrationslager, interstellare Kriege ... Wir haben nichts in unserer Vergangenheit, dass auch nur annähernd dieser Barbarei gleich kommt."

    Diese Zeilen, intoniert vom großartigen Armin Shimerman, bedeuteten eine Trendwende. DS9 drang in Galaxien vor, welche weder Kirk ("Star Trek") noch Picard ("Star Trek: Next Generation") je gesehen hatten. Plötzlich war die Vereinte Föderation der Planeten nicht mehr ein Hort von Humanisten und Weltverbesserern, sondern ein arroganter Haufen, der andere Spezies herablassend behandelte. Im Laufe von DS9 bricht ein Krieg aus und die hässlichen Seiten, ja die Doppelmoral der Menschheit kommt Stück für Stück zum Vorschein.

    Thematisierung heißt nicht Verherrlichung

    "Star Trek: Discovery" steigt direkt in einen Krieg ein und thematisiert von Anfang an das Dilemma, persönliche, beziehungsweise gesellschaftlichen Ideale in Kriegszeiten aufrecht zu erhalten, auch wenn deren Negierung in manchen Situationen sogar tausende von Menschenleben retten könnte. Das wird fast in jeder Folge deutlich, wenn zum Beispiel die Heldin Michael Burnham ein empfindungsfähiges Wesen ziehen lässt, obwohl es als Geheimwaffe eingesetzt werden könnte, oder wenn Captain Lorca zwischen der Rettung von Zivilisten und taktischer Geheimhaltung entscheiden muss. Ja, das ist nicht mehr die gute alte Episode, wo strahlende Helden einen Planeten besuchen und am Schluss von den einfachen Einheimischen die Hände vor lauter Dankbarkeit geschüttelt bekommen. Discovery opfert sogar den Star-Trek-Archetyp des Captains als Fels in der Brandung und verlässlicher moralischer Kompass zugunsten eines gebrochenen Mannes, welcher mit sich selbst und seinen Entscheidungen ringt. Das soll Schwarz-Weiß-Malerei sein? Die Thematisierung einer Militarisierung ist mitnichten eine Verherrlichung derselben. Dann hätte man dies auch DS9 vorwerfen müssen.

    Weiters würde eine von Stefan Pfeifer behauptete bi-polare Galaxisordnung nicht die dunkle Seite der ach so perfekten Vulkanier porträtieren, eher im Gegenteil. Im übrigen eröffnen die Vulkanier das Feuer auf die Klingonen nicht aus Aggression, sondern, weil es die einzige Möglichkeit ist, einen Kontakt mit ihnen herzustellen. Dementsprechend mündet dieses "vulkanische Hallo" in den Händen der Grünblütler eben nicht in einen Krieg, sondern in einen Dialog.

    tlhIngan maH (Wir sind Klingonen!)

    Womit wir bei den Klingonen wären, einer oft missverstanden Kultur. Bei Kirk waren sie noch eine Metapher für die Sowjets, also den Kalten Krieg, bei Picard wurde ihre Kultur viel weiter entwickelt. Der britische Autor Paul Cornell hat sie einmal mit den amerikanischen Black Muslims verglichen, abweichend vom Mainstream, was Ritus und Ehrbegriff betrifft, aber nichtsdestotrotz ein integrierter Teil der Gesellschaft. Solche Analogien sind immer nur teilweise zutreffend, die Klingonen aus Discovery aber mit radikalen Islamisten zu identifizieren, schießt den Photonentorpedo jetzt wirklich weit über den Bird of Prey hinaus. Radikale Islamisten sprengen sich auf Marktplätzen in die Luft, um so viele Zivilsten wie möglich zu töten. Der IS benutzt systematische, sexuelle Gewalt als Kriegswaffe. Letzteres praktizierten die Cardassianer in DS9 aber für Klingonen wäre beides abscheulich, feige und mit sofortiger Entehrung verbunden, auch für die von Discovery.

    Wenn der Anführer T'Kuvma von der Reinheit der Klingonen doziert, sieht er diese durch die Föderation bedroht und bezeichnet deren friedliche Absichten als Täuschungsmanöver, um die klingonische Kultur zu unterwandern. Das erinnert doch eher an die Einwanderungspolemik eines Viktor Orbán oder Donald Trump als an Propagandavideos des IS. Die Klingonen hatten immer schon eine orthodoxe Religiosität (in der Next Gerneration klonen sie ihren vor Jahrtausenden gestorbenen Anführer!) aber deswegen sind sie in Discovery aufgrund neuer Riten und des Verzichts auf Synchronisation (sie reden in Klingonisch untereinander, was dem Ganzen eine fremdartige Aura verleiht) nicht gleich Fanatiker. Man muss nicht aus jeder fiktiven Religiosität reflexartig auf den Islam schließen. Wie Counsellor Troi zu Data sagt, als der Androide versucht, seine Träume zu analysieren: "Manchmal ist ein Kuchen nur ein Kuchen." Und manchmal sind Klingonen nur Klingonen.

    Immer noch an der Final Frontier

    Pfeifer hat natürlich recht, dass "Star Trek" mit einer ethnisch-gemischten Brückenbesatzung auf der Enterprise und einem afroamerikanischen Commader auf DS9 gesellschaftlicher Vorreiter war. Umso erstaunlicher ist, dass die Entscheidung, die Hauptrolle einer US-Serie einer afroamerikanischen Frau zu geben, beziehungsweise ein offen schwules Pärchen zu porträtieren als pseudohaftes Gender- und Diversity abgetan wird. Haben das nicht genauso die konservativen Kritiker in den 60er Jahren behauptet, also sie Uhura, Chekov und Sulu sahen?

    Nach "Breaking Bad" oder auch "Game of Thrones" kann man eine Serie nicht wie in den 60er oder 90er konzipieren. Viele Star-Trek-Fans stimmen auch überein, dass keine kleine Anzahl der alten Folgen mühsam im Storytelling und hölzern bei den Charakteren ist. Die dramaturgische Frischzellenkur tut Discovery gut, aber deswegen muss man es nicht gleich mit den Blut-, Sex- und Beuschel-Mix aus "Game of Thrones" gleichsetzen. Der Winter mag vielleicht kommen, aber der Weltraum hat immer noch unendliche Weiten. (Matthias Blaickner, 8.11.2017)

    • Kein verlässlicher moralischer Kompass mehr: Captain Lorca auf der Discovery
      foto: cbs

      Kein verlässlicher moralischer Kompass mehr: Captain Lorca auf der Discovery

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