Klimawandel bedroht Skiorte: Wenn der Schnee aus der Kanone kommt

    9. November 2017, 07:00
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    Weil die Winter wärmer werden, ermöglicht oft nur künstliche Beschneiung den Skibetrieb. Noch kommen genug Gäste – aber wie lange noch?

    Murau/Wien – Die schillernden Farben des Herbstes sind in der Obersteiermark monotonem Braun gewichen. Die eine oder andere Bergspitze ist schon leicht angezuckert. Idealerweise sollten Wiesen und Felder in wenigen Wochen von winterlichem Weiß zugedeckt sein. Sollten – denn ideal ist schon lange nichts mehr.

    In Murau, dem Hauptort des gleichnamigen steirischen Bezirks, kann man ein Lied davon singen. Die Winter werden trockener; bei Nordlagen, wenn etwa Skandinavientiefs nahen, bekommen oft nur noch die Niederen Tauern etwas Schnee ab. Die Frauenalpe ist das jüngste Opfer dieser Verhältnisse. Fast 55 Jahre gab es Skibetrieb auf dem Hausberg der Murauer. Damit ist nun Schluss. Drei der fünf Lifte sind bereits abgebaut.

    "Das Aus trifft auch die Stadtgemeinde, obwohl Lifte und Pisten auf dem Gemeindegebiet von St. Georgen liegen", sagt der Bürgermeister von Murau, Thomas Kalcher (ÖVP), dem STANDARD. Murau müsse für den Winterdienst aufkommen, damit die Gastrobetriebe auf dem Berg erreichbar blieben. Kostenpunkt: 32.000 Euro.

    Eingeschränkter Skibetrieb

    Außerdem hängt der Gemeinde ein Sportzentrum mit fast 200 Betten am Hals. 1974 gegründet, war es auf Schulskikurse ausgerichtet. "Weil der Skibetrieb meist nur eingeschränkt und im letzten Winter gar nicht möglich war, gab es kaum noch Anmeldungen", sagt Kalcher. "Die Betreiber haben null investiert, auch nicht in Beschneiung. Klar, dass keiner oben wohnen will, wenn erst wieder ein Bus bestiegen und zum Kreischberg gefahren werden muss."

    Obwohl das Sportzentrum inzwischen geschlossen wurde, fallen Fixkosten von 20.000 Euro pro Jahr an. Man versuche, das Haus zu verkaufen, das Interesse halte sich aber in Grenzen, sagt Kalcher.

    Ganz anders die Situation wenige Kilometer weiter, am Kreischberg. Noch zu Zeiten, als Karl Schmidhofer dort Geschäftsführer war, wurde massiv in Lifte und Beschneiung investiert. "Die stoßen teils an Kapazitätsgrenzen", sagt Kalcher. Schmidhofer, Onkel der Weltmeisterin im Super-G von St. Moritz, Nicole Schmidhofer, hat neben dem Kreischberg auch das Skigebiet Lachtal auf Vordermann gebracht. Nun versucht er Ähnliches in St. Lambrecht mit dem Skiberg Grebenzen. Hier wie dort lautet das Rezept: In Lanzen und Kanonen investieren. Ohne Kunstschnee scheint nichts zu gehen, zumindest nicht in Lagen unter 1500 Metern. Mancherorts – siehe Frauenalpe – ist selbst in höheren Regionen kein Verlass mehr auf Naturschnee.

    Millioneninvestitionen am Berg

    Doch sind Investitionen in die Schneesicherheit tatsächlich eine Lösung, die nachhaltig ist? Die Seilbahnwirtschaft sagt ja und steckt jedes Jahr hunderte Millionen Euro in die Aufrüstung am Berg. Der Großteil geht in den Tausch alter bzw. den Bau neuer Sessellifte und Seilbahnen – mit geheizten Bänken, Kälteschutz und WLAN. Ein erklecklicher Teil ist für künstliche Beschneiung reserviert. Allein seit 2007 sind rund 1,5 Milliarden Euro in Kanonen, Lanzen und Speicher geflossen.

    Oliver Fritz, der im Wirtschaftsforschungsinstitut zu Strukturwandel und Regionalentwicklung forscht, ist skeptisch, was die Nachhaltigkeit dieser Investments betrifft. "Aus Erhebungen wissen wir, dass Touristen im Winter viel mehr ausgeben als im Sommer und dass mehr Jobs daran hängen. Wegen des Klimawandels schätze ich das Risikopotenzial für den Wintertourismus deutlich höher ein", sagt Fritz. Seine Begründung: "Es wird mehr Wasser zur Schneeproduktion benötigt, und viel mehr Strom. Das treibt die Kosten und damit auch die Preise."

    Tatsächlich ging es mit den Ticketpreisen zuletzt steil bergauf. Alle, die meinten, mit 50 Euro sei bei Tageskarten eine Schmerzgrenze erreicht, wurden jedoch eines Besseren belehrt. Viele Skigebiete liegen bereits deutlich darüber. Wer etwa auf die Streif in Kitzbühel will, zahlt 55 Euro am Tag. Noch kommen die Gäste, ein Rekord folgt auf den nächsten. Aber wie lange noch?

    Nächstes Mal Karibik

    "Wenn jemand mehrere schneearme Winter in Folge erlebt, wird er nächstes Mal möglicherweise in die Karibik fahren, für weniger Geld", sagt Fritz. Ein Schneeband mit braunen Rändern sei nicht das, was sich Touristen unter Wintertraumlandschaft vorstellten. Es sei der Schnee, der im Winter zähle. "Wenn der längere Zeit fehlt, dann gute Nacht."

    In den Wintersportorten träumt man währenddessen von einer weiteren guten Saison. Die bisher eingegangenen Buchungen gäben Anlass für Optimismus, sagt Andreas Steibl, Tourismusdirektor von Ischgl. So wie viele andere Destinationen startet man am 25. November in den Winter. Andrea Berg wird singen, Helene Fischer die Saison am 30. März beenden. Steibl: "Deutschsprachige Musik liegt im Trend, dem folgen wir." (Günther Strobl, 9.11.2017)

    • Viel Wiese, wenig Schnee – ein Problem für den heimischen Wintertourismus.
      foto: apa/barbara gindl

      Viel Wiese, wenig Schnee – ein Problem für den heimischen Wintertourismus.

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