Novemberpogrome: "Der Exzess war etwas Besonderes"

    9. November 2017, 07:24
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    Zerstörte Synagogen, demolierte Wohnungen und gezielte Morde: Die Novemberpogrome markieren den Beginn der Shoah – eine Collage des braunen Terrors

    Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gilt als der Auftakt zum Massenmord. Die Novemberpogrome, das gewaltsame Ausschreiten gegen die jüdische Minderheit, ging durch das gesamte Deutsche Reich: Morde, Plünderungen, Verhaftungen.

    Doch es war nicht nur diese eine Nacht, ausgelöst durch den Anschlag auf den ersten deutschen Botschaftssekretär Erich Rath in Paris, es gab eine Vorgeschichte. Die Übergriffe, die Zerstörung durch das NS-Regime und seine Handlanger waren bereits einen Monat lang im Alltag präsent. "Das Ausmaß der Gewalt war aber eruptiv. Der Exzess war etwas Besonderes", sagt Dieter J. Hecht, Historiker am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte an der Akademie der Wissenschaften. Gemeinsam mit Eleonore Lappin-Eppel und Michaela Raggam-Blesch stellt er gerade eine Quellenedition – auch zu den Novemberpogromen – zusammen.

    foto: döw
    Löscharbeiten bei der in Brand gesteckten Synagoge in Klosterneuburg, aufgenommen von einem SA-Bildberichterstatter.

    Kommendes Jahr soll das Kompendium fertiggestellt sein und auf diese Weise ein "möglichst umfassendes Geschichtsbild" erlauben. Bisher seien noch nicht alle Aspekte aufgearbeitet, erklärt der Historiker das Vorhaben. Der Ansatz soll eine integrierte Geschichtsschreibung ermöglichen, in der nationalsozialistische wie auch jüdische Quellen zusammengefasst werden.

    Vor allem in Wien und Innsbruck waren die Ausschreitungen besonders brutal (siehe Berichte unten). "SA und SS wurden gezielt eingesetzt, um die Zerstörungen voranzutreiben – dadurch war das Ausmaß auch kontrollierbar", sagt Hecht. Es wurde gesteuert, welche Synagogen brennen dürfen, und abgewogen, wo die Gefahr für die umliegenden Häuser zu groß war.

    foto: döw
    Abbruch der Grazer Synagoge.

    Teile der Bevölkerung hätten "begeistert mitgemacht", viele andere einfach zugesehen. Juden waren plötzlich vogelfrei, ohne jeden Schutz. "Es war nichts, was man nicht bemerkt hätte. Natürlich wurde das allerorts wahrgenommen", resümiert Hecht, der das Erinnern an diese Ereignisse für "äußerst relevant" hält, denn: "Nur so erreicht man eine breite Öffentlichkeit und auch vor allem die Jungen."

    foto: döw
    Brennende Synagoge in der Großen Schiffgasse in Wien.

    Die Bilanz des braunen Terrors: Allein in der Nacht auf den 10. November 1938 wurden 30 Juden ermordet, 7800 verhaftet und zirka 4000 von Wien ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Synagogen etwa in Wien, Klosterneuburg, Berndorf, Klagenfurt, Linz oder Graz wurden zerstört. In Baden wurden alle Juden verhaftet, in St. Pölten 137. Viele Juden begingen Selbstmord. (Marie-Theres Egyed, Peter Mayr, 9.11.2017)


    WIEN

    "Sprengung des Tempels, umliegende Häuser untersucht"

    Auszüge aus dem Brandbuch der Wiener Feuerwehr:

    "10.12 Uhr, Feuer, VI., Stumpergasse 40: 29 Feuerwehrmänner (...) Brannte ein Teil der Einrichtung des Tempels, Übergreifen auf das Dach (...) verhindert.

    10.20 Uhr, Lockeres Mauerwerk, X., Humboldtgasse 27, 6 Feuerwehrmänner (...) Sprengung des Tempels, umliegende Häuser untersucht, keine Bauschäden.

    10.28 Uhr, Feuer, III., Untere Viaduktstraße 11: 21 Feuerwehrmänner (...) Das Bethaus untersucht, keine Brandnester vorgefunden.

    10.30, Feuer, VI., Schmalzhofgasse 1,, 26 Feuerwehrmänner (...) Im Tempel brannte (...) teilweise die Einrichtung."

    Brandbuch der Wiener Feuerwehr Am 10. 11. 1938 um 9.15 Uhr wird der erste Brand einer Synagoge eingetragen. In Wien wurden 42 Synagogen und Bethäuser angezündet und zerstört. Die restlichen wurden geplündert und demoliert.


    STEIERMARK

    "Was sage ich Leute, vertierte Bestien"

    In seinen Aufzeichnungen Meine Lebenswege berichtet der steirische Landesrabbiner David Herzog über das Novemberpogrom in Graz. Er schreibt:

    "Gegen halb drei Uhr nachts stürmte es an der Tür. Meine Frau war totenbleich vor Schrecken geworden, fiel zusammen und sagte mir: ,Geh hinaus. SS-Leute stehen draußen und verlangen Einlass, widrigenfalls sie die Tür einbrechen werden.' (...) Als ich öffnete, stürmten 12 SS-Leute, was sage ich Leute, vertierte Bestien, herein und schrien mich an: ,Mache dich fertig, kleide dich rasch an, denn jetzt soll Rache an dir, du Mörder, du Verbrecher, du Vampir, genommen werden! Rasch, rasch.' Da ich als alter Mann nicht so rasch mich ankleiden konnte (...) – später wusste ich, warum sie es so eilig hatten -, ging ein Lausbub von etwa 18 Jahren her und schlug mich mit seiner Faust so stark ins Gesicht, dass mir das Nasenbein schwer wurde. Inzwischen zündeten sie alle Lampen in der Wohnung an und schrien: ,Da schaut, wie die Juden wohnen!'"

    Meine Lebenswege – Persönliche Aufzeichnungen des Grazer Rabbiners David Herzog, Clio-Verlag, Graz 2013


    WIEN

    "In Wien wurden ungefähr 4038 Geschäfte gesperrt"

    Josef Trittner war SS-Hauptsturmführer und beim Sicherheitsdienst (SD) tätig. Als Führer des sogenannten SD-Unterabschnitts Wien berichtete er:

    "Die Gauleitung Wien gab an die Kreisleitungen bezügl. der Judenaktionen einen Befehl, dessen wichtigste Punkte waren: 1. Uniformverbot, 2. Strengstes Verbot bezügl. Plünderungen, 3. Brandstiftungen sind verboten. (...) Die Aktionen gegen Wohnungen und Geschäfte wären disziplinierter durchzuführen gewesen, in vielen Fällen wurde sinnlos zerstört und auch geplündert bzw. bei den Transporten gestohlen. (...) In Wien wurden ungefähr 4038 Geschäfte gesperrt. Im Kreis I allein wurden 1950 Judenwohnungen ausgeräumt."

    Josef Trittner, Führer des SD-Unterabschnitts Wien, berichtet Auszug aus der dokumentarischen Sammlung "Die Kristall-Nacht" von Tuviah Friedman (Hg.)



    TIROL

    "Man versprach mir die Urne. Ich habe sie nie bekommen"

    Der Auftrag von Gauleiter Franz Hofer war eindeutig: Die SS solle wohlhabende Innsbrucker Juden ermorden und deren Villen übernehmen. Eines ihrer Opfer war Richard Graubart, Besitzer eines Schuhgeschäftes. Graubart wurde erstochen, sein Haus kaufte im Jahr 1939 Gauhauptstellenleiter Otto Wurmhöringer. Graubarts Frau Margarete, der die Flucht gelungen war, bekam das Haus 1954 restituiert. 1996 wurde die Villa verkauft, Margarete Graubart zog zu ihrer Tochter nach England. Auszug aus ihrem Bericht:

    "Es war 3 Uhr früh. Wir schliefen bereits. Gepolter und Lärm weckten uns. (...) Es waren junge Leute, und nicht alle trugen die SA-Uniform. Sie verlangten meinen Mann. (..) Als uns später der Hausmeister aus dem Zimmer befreite, fanden wir meinen Mann erstochen auf. (...) Die Leiche meines Mannes wurde auf Befehl der Behörden nach München überführt und dort eingeäschert. (...) Man versprach mir die Urne. Ich habe sie nie bekommen."

    Margarete Graubart berichtet über die Ermordung ihres Mannes In "Jüdisches Leben im historischen Tirol" – Thomas Albrich (Hg.), Haymon-Verlag


    WIEN

    "Das Küchenpersonal wurde gezwungen, das Lokal zu verlassen"

    Schon im Oktober gibt es Angriffe auf jüdische Einrichtungen. Besorgt wendet sich Josef Löwenherz, Amtsdirektor der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), an den Wiener Polizeipräsidenten. Er zählt darin die Übergriffe und Zerstörungen auf (Auszug):

    "In den frühen Morgenstunden des 7. Oktober wurden im Ausspeisungslokal der Kultusgemeinde Wien XX. Kluckygasse 7 mehrere Scheiben eingeschlagen und das Küchenpersonal durch Drohungen gezwungen, das Lokal zu verlassen. (...) In der Nacht zum 14. Oktober wurden in mehreren Wiener Synagogen die Fensterscheiben eingeschlagen. (...) In der Nacht zum 15. Oktober drangen Männer in Zivilkleidung in das Bethaus Wien II ein ...

    Schreiben an die Polizei Am 19. 10. 1938 schreibt IKG-Amtsdirektor Josef Löwenherz an den Wiener Polizeichef; Central Archives History of the Jewish People


    VORARLBERG

    "Inventar über die Inneneinrichtung der Synagoge Hohenems"

    Die Synagoge in Hohenems blieb während der Pogrome unbeschädigt, weil die Marktgemeinde den Besitz einfach übernommen hatte, um ihn anderwertig nutzen zu können. Auch das Inventar war für den Bürgermeister interessant. Er ließ eine Liste über das "Inventar über die Inneneinrichtung der Synagoge Hohenems" erstellen und beschlagnahmen – vieles blieb für immer verschwunden: "12 Stück Bibelrollen, 1 Vorhang, 2 Kandelaber, 10 Wandleuchten, 8 Hängelampen, 1 Bodenteppich vor dem hl. Schrein, 21 Betbänke, 1 Schirmständer, 2 Stück alte Vorhänge, ca. 400 Stück Wickel für Bibelrollen, 8 Wandtafeln, 1 Aufruftafel, 1 Halter für Seelenlicht, 1 Wandschrank mit alten Büchern und Schriften, 1 alte Altardecke, verschiedene Kultusakten (...)."

    Inventarliste der Synagoge Hohenems vom 17. 11. 1938 Aus Hanno Löwy (Hg) "Heimat Diaspora" (2008)


    KÄRNTEN

    "Bei den anderen Wohnungen war auch alles auf der Straße"

    Eine damals neunjährige Nachbarin berichtet über die Zerstörung der Wohnung der Familie Weissberger in Villach. Sie wurde mit ihren Mitschülern aus dem Unterricht geholt und musste auf den Hauptplatz marschieren. Viele Schaulustige hatten dem Mob beim Wüten zugesehen: "Als ich heimkam, sind die Mutter und die Tante weinend in der Küche gesessen. Sie haben vor Aufregung gezittert, weil im Nachbarhaus die Möbel aus dem Fenster geflogen sind. (...) Sie erzählte, dass Arbeiter in blauer Arbeitermontur mit Lastautos hergeführt wurden. (...) Dort haben sie alles kaputtgemacht. Sie haben die Gläser mit Eingekochtem gegen die Wand geschmissen und auch die Eier. (...) Die Arbeiter sind noch zu uns hergekommen, um eine Hacke zu holen, damit sie das Klavier zerhacken können, weil es für das Fenster zu groß war. (...) Am Abend sind die Eltern nachschauen gegangen, ob sie das überall gemacht haben – so viele Juden waren nicht in Villach -, und bei den anderen Wohnungen war auch alles auf der Straße."

    Ein Kind berichtet Ein Mädchen erzählt von den Zerstörungen von Wohnungen: www.erinnern-villach.at/interviews


    WIEN

    "Der Judentempel war in wenigen Minuten ein Raub der Flammen"

    Noch in der Nacht des 10. November wurde eine Radioreportage von Eldon Walli über den völlig zerstörten Tempel in der Tempelgasse in Wien-Leopoldstadt ausgestrahlt. Seine Arbeit ist Teil der antisemitischen Propaganda der Nationalsozialisten. Walli selbst war Mitglied von SS und NSDAP. "Wir stehen mit unserem Mikrophon in dem großen Leopoldstädter Judentempel. Ihn heute noch so zu bezeichnen ist eigentlich schon etwas geschmeichelt, denn die erbitterten Einwohner, arischen Einwohner dieses Bezirks haben nach dieser ruchlosen Tat von Paris es sich nicht nehmen lassen, um auch hier ihren abgrundtiefen Hass gegen das Judentum zu bezeugen. Der Judentempel war in wenigen Minuten ein Raub der Flammen (...) Und dieses Gerüst ist schon so baufällig, dass das Wahrzeichen des Judentums, auf das sie besonders in Wien so stolz waren, hoffentlich in wenigen Tagen zur Gänze dem Erdboden gleichgemacht wird und zur Gänze hier in Wien verschwinden wird."

    Radio-Reportage Zerstörung des Tempels in Wien-Leopoldstadt:

    www.mediathek.at

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