Verkalktes Steinchen entpuppte sich als archäologischer Schatz

    8. November 2017, 17:49
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    Der Fund eines beispiellosen Miniatur-Kunstwerks in einem 3.500 Jahre alten mykenischen Kriegergrab verblüfft Forscher

    Cincinnati/Wien – Im Jahr 2015 legten Archäologen der University of Cincinnati bei Pylos auf dem Peloponnes einen Schatz frei: Sie hatten das 3500 Jahre alte Grab eines mykenischen Kriegers entdeckt, das neben Gebeinen auch etliche kostbare Beigaben enthielt. Zwischen Schmuckstücken aus Gold, Elfenbeinkämmen und einem reich verzierten Bronzeschwert fand sich auch ein auf den ersten Blick weit weniger spektakuläres Stück: ein Objekt kaum größer als eine Perle, das bis zur Unkenntlichkeit mit Kalk überzogen war.

    foto: university of cincinnati
    Der Stein nach dem Fund 2015.

    Beispielloses Kunstwerk

    Nun aber berichtet das Team um Shari Stocker und Jack Davis in Hesperia, dass es sich dabei wohl um das bedeutendste Artefakt der Fundstätte handelt: Unter den Ablagerungen kam ein kunstvoll verzierter Siegelstein ans Licht, auf dem eine Kampfszene in verblüffenden Details abgebildet ist. Der nur 3,6 Zentimeter lange Stein dürfte für Tonabdrücke verwendet worden sein.

    foto: university of cincinnati
    Ans Licht kam eine kunstvoll gefertigte Kampfszene.


    Manche Einzelheiten und die aufwendigen Verzierungen sind so klein, dass sie mit freiem Auge kaum sichtbar sind, sagte Davis. "Es ist faszinierend, sie messen vielleicht einen halben Millimeter." Doch das ist nicht der einzige erstaunliche Aspekt an dem Fund. Denn wie auch andere Funde aus dem bronzezeitlichen Grab, das einem mächtigen Mykener zugerechnet wird, entstammt der Siegelstein der Minoer-Kultur.

    foto: university of cincinnati
    Erst die Vergrößerung verdeutlicht den Detailreichtum.

    Heroische Legende

    "Die Minoer haben offenbar Kunstwerke in einer Qualität geschaffen, die ihnen bislang niemand zugetraut hat", sagte Davis. "Darstellungen des menschlichen Körpers in solchem Detail finden sich erst 1000 Jahre später in der griechischen Klassik wieder."

    illustration: university of cincinnati
    Vergrößerte Zeichnung der Kampfszene.

    Die Abbildung zeigt einen siegreichen Krieger, der gerade zum Todesstoß gegen seinen Kontrahenten ansetzt, ein dritter Kämpfer liegt bereits am Boden. Die Inszenierung erinnere an die epischen Schlachten in Homers Werken, so die Forscher. Sie vermuten, dass es sich um eine Szene aus einer Legende handelt, die sowohl Minoern als auch Mykenern bekannt war. "Der Siegelstein muss äußerst wertvoll und repräsentativ gewesen sein", so Stocker. "Der Besitzer identifizierte sich wohl mit dem Helden." (dare, 8.11.2017)

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