Online gegen die Erdoğan-Maschine

    9. November 2017, 11:00
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    Seit der Verhängung des Ausnahmezustands haben türkische Journalisten im Land und im Exil regierungskritische Nachrichtenseiten gegründet. Die neueste heißt "Ahval"

    Die Ansage ist typisch Yavuz Baydar: kämpferisch und prinzipientreu bis zur Sturheit. Eine "kleine Gruppe abgehärteter, mutiger und engagierter Kollegen" habe sich zusammengefunden, gab der 60-jährige türkische Journalist dieser Tage bekannt. Was sie gemeinsam mit ihm aufgebaut hat, nennt Baydar eine "Drehscheibe für tiefgehende Berichte, Nachrichtenanalysen und vielfältige Meinung über die Türkei", das Land in der Faust von Tayyip Erdoğan. "Wir werden nicht weich", verspricht Baydar. Nur "Wahrheit und Ehrlichkeit entscheiden in diesen Zeiten der Verrücktheit", so kündigt er das neue Nachrichtenportal "Ahval" an.

    Der Begriff "Ahval" stammt noch aus dem Osmanischen und ist eher weit gefasst. Als "Situation", "Umstand" oder "Position" kann man ihn übersetzen. Baydars "Ahval" erscheint auf Türkisch, Englisch und Arabisch – ähnlich wie die 2012 gegründete regionale Nachrichtenplattform "Al-Monitor" – und soll der Propagandamaschine des autoritär regierenden Staats- und Parteichefs Paroli bieten. Ein halbes Dutzend solcher Nachrichtenportale hat sich seit Putsch und Verhängung des Ausnahmezustands mittlerweile etabliert. Manche im Ausland wie "Ahval" oder – seit dem Frühjahr dieses Jahres – "Arti Gercek" und Arti TV; andere innerhalb der Türkei wie "Gazete Duvar", die linksliberale "Zeitungsmauer" des Militärdienstverweigerers Vedat Zencir.

    Schwierige Finanzierung

    Ihr Publikum ist der aufgeklärte, kritisch denkende Teil der türkischen Gesellschaft, aber ebenso die internationale Öffentlichkeit. Die Finanzierung ist oft schwierig, die politische Ausrichtung bisweilen verdeckt. Neue englischsprachige Nachrichtenseiten wie "Turkish minute" und "Turkey purge" zum Beispiel lassen die Handschrift der Gülenisten erkennen, der ins Ausland geflüchteten oder schon vor dem Putsch dort lebenden Anhänger des türkischen Predigers Fethullah Gülen. Ihn macht die Führung in Ankara für den Staatsstreich vom 15. Juli 2016 verantwortlich.

    Baydar, der Chefredakteur von "Ahval", schließt solche Verbindungen für sich aus. "Ich verspreche keine Zugehörigkeit zu irgendeiner Aktivisten- oder Interessengruppe. Keine. Jene, die mich kennen, wissen, dass ich kein solches Projekt leiten oder in irgendeiner Weise daran teilhaben würde", heißt es in der Ankündigung der neuen Internetzeitung.

    "Ahvalnews" wird von einem bisher nicht genannten Verleger in London finanziert. Zu Baydars Mitarbeitern zählt Ilhan Tanir, ein langjähriger USA-Korrespondent türkischer Zeitungen, die ihn nach und nach fallenließen, weil sich die Regierung in Ankara über seine Berichte ärgerte. Tanir startete Anfang 2017 auch die Online-Nachrichtenseite "Washingtonhatti", die sich auf die amerikanisch-türkischen Beziehungen konzentriert. Er ist zudem einer der Angeklagten im Prozess gegen 17 Mitarbeiter der Tageszeitung "Cumhuriyet".

    Baydar hat sich nach dem Putschversuch nach Frankreich abgesetzt. Andere gingen nach Berlin wie Can Dündar, der ehemalige, bereits zu einer Haftstrafe verurteilte "Cumhuriyet"-Chefredakteur – er startete das Exilmagazin "Özgürüz" – oder Hayko Bagdat, ein Buchautor und Kolumnist der zwangseingestellten Tageszeitung "Taraf". Celal Başlangiç, ein anderer exilierter Veteran des türkischen Journalismus, registrierte seine "Arti"-Medien in den Niederlanden.

    Ausweichen Richtung Online

    Schon vor Putsch und Verhängung des Ausnahmezustands war der Druck auf regierungskritische Medien in der Türkei so stark geworden, dass Journalisten ins Internet auswichen. "Diken" – der Dorn – sticht schon seit 2014 die Mächtigen im Land. Auf "T24" kann die türkische Öffentlichkeit noch politisch liberale Kolumnisten wie Hasan Çemal und Baskin Oran lesen, die aus dem offiziellen Medienbetrieb verbannt sind. TV-Sender für Diskussionsrunden sind aufgetaucht wie "Webiz" auf Twitter und Facebook oder das 2015 von dem Kolumnisten Ruşen Çakir gegründete "Medyascope".

    Dabei genügt ein Anruf aus dem Präsidentenpalast, damit die staatliche Rundfunkaufsichtsbehörde RTÜK oder das Ministerium für Verkehr und Kommunikation den Zugang zu einer Webseite blockiert. Wikipedia ergeht das in der Türkei bereits seit sieben Monaten so. Die neuen Post-Putsch-Medien aber lässt Ankara noch weitgehend gewähren. Die Justiz greift sich lieber einzelne Journalisten heraus.

    Das Stockholm Center for Freedom, eine Nachrichtenseite exilierter türkischer Journalisten in Schweden, protokolliert seit einem Jahr die Festnahmen von Kollegen in der Türkei, die Schließung von Zeitungsverlagen und Sendern und andere Repressionen gegen die Meinungsfreiheit im Land. Abdullah Bozkurt, der ehemalige Leiter des Ankara-Büros der Tageszeitung "Today's Zaman" und ein vielgelesener Kommentator, ist einer der Initiatoren dieser Monitoring-Webseite. Eine Gülen-Unternehmung sei sie nicht, sagt Bozkurt, es gehe um die Demokratie in der Türkei und um die Kollegen, die im Gefängnis sind. "Man kann es das Schuldgefühl von Überlebenden nennen, aber wir waren glücklich, dass wir herausgekommen sind. Viele schafften es nicht." (Markus Bernath, 9.11.2017)

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      Der türkische Journalist Yavuz Baydar kündigte das neue Nachrichtenportal "Ahval" an.

    • Der türkische Präsident Erdoğan.
      foto: apa/afp/adem altan

      Der türkische Präsident Erdoğan.

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