Anne-Frank-Comic: Mit Galgenhumor durch das Grauen

    Video18. Dezember 2017, 17:43
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    "Das Tagebuch der Anne Frank" als Graphic Novel: Eine Bilderwelt zwischen Spott und Hölle

    Teenager sein ist schwer: Man ist der Mittelpunkt des Universums und fühlt sich doch vollkommen verlassen und verloren. Ganz genauso geht es Anne Frank, als sie im Frühsommer 1942 ihre Aussprache mit Kitty beginnt. "Niemand kann verstehen, dass ein Mädchen von dreizehn ganz allein auf der Welt steht", ist einer ihrer ersten Einträge in jenes Tagebuch, in dem sie ihre Gedanken, meist adressiert an die imaginäre Kitty, aufschreibt. Es wurde zum wohl einflussreichsten Zeugnis der nationalsozialistischen Judenverfolgung und -vernichtung.

    foto: ari folman / david polonsky - s. fischer verlag 2017

    Es ist diese Wechselwirkung zwischen der selbstbezogenen Innensicht jener Anne Frank, die einfach eine Teenagerin ist, und jener Anne Frank, die den äußeren Umständen des Nazi-Regimes völlig hilf- und verständnislos gegenübersteht, die ihren Briefen einen so eindringlichen Sog gibt. Im Stil von Ari Folman und David Polonsky, die "Das Tagebuch der Anne Frank" in einer neuen Graphic Novel kondensiert haben, spiegelt sich diese Gegensätzlichkeit: Plastische, klar konturierte und fast greifbare Figuren heben sich vor dem diffusen Hintergrund, etwa der grauen Masse eines Nazi-Aufmarschs ab. Das erinnert ein wenig an die großartige Trickfilm-Doku "Waltz with Bashir" (2008) über den Libanon-Krieg, für die Folman und Polonsky eine einzigartige, folienartige Bildsprache entwickelt haben.

    Gestochen scharfe Sicht

    Ari Folman, israelischer Filmregisseur und Sohn polnischer Holocaust-Überlebender, und der Comiczeichner David Polonsky geben Annes Geschichte, über die man schon alles zu wissen glaubte, eine überraschend lebendige Dimension: Sie fassen die gestochen scharfe Sicht des Mädchens in klare Bilder, zeigen die Verwerfungen zwischen den Bewohnern des Verstecks im Hinterhof eines Amsterdamer Lagerhauses, die Einschränkungen des Alltags, die täglichen Kämpfe um Anerkennung und Verstandenwerden.

    foto: ari folman / david polonsky - s. fischer verlag 2017

    Noch mehr zeigt das Comic-Tagebuch aber, was zwischen den Zeilen steckt:_Es greift Annes Gedanken, Abgründe und Ängste auf und führt sie in einer Bilderwelt aus verblassten Pastelltönen weiter. Annes Vorstellung von einem Arbeitslager malen sich Folman und Polonsky als eine Art Pyramidenbau aus, bei der die Häftlinge an einem monumentalen Reichsadler schuften. Die immer detaillierteren Informationen über die Vernichtungslager manifestieren sich als höllenartige Szenerien, die zermürbende Angst vor den Bomben und dem Entdecktwerden, die immer depressivere Stimmung schlägt sich in albtraumhaften Illustrationen nieder.

    Karikaturesk zugespitzt

    Das bemerkenswerte an dieser grafischen Umsetzung ist aber weniger die Darstellung des Grauens, sondern jene des Galgenhumors, der Ironie und des Spotts, die einen großen Reiz von Anne Franks Tagebuch ausmachen. Ihr Hassobjekt Nummer eins ist die Hinterhaus-Mitbewohnerin Frau van Daan, "eine abgetakelte Diva", die ständig mit Anne im Clinch liegt. In karikaturesk zugespitzten Einschüben bringen die Comicautoren deren weltfremden Marotten, über die sich Anne immer wieder lustig macht, auf den Punkt, genauso wie den dauerhaft schwelenden Vergleich mit der ach so braven Schwester Margot und den Konflikt mit der Mutter.

    foto: ari folman / david polonsky - s. fischer verlag 2017

    In zeichnerischen Volten verknüpfen Folman und Polonsky Elemente aus Malerei, Bildlexika und klassischen Comic-Strips, fügen teils komplett abgedruckte Passagen aus dem Originaltext an fiktive Dialoge. Von den mangahaft überzeichneten Augen darf man sich nicht irritieren lassen.

    Bis Anne 1944 nach Auschwitz verschleppt wurde und später in Bergen-Belsen starb, ist Kitty Annes beste Freundin und Begleiterin. Das Comic endet mit dem letzten Tagebucheintrag. Es ist ein guter Anlass, sich (wieder) einzulassen auf die freche Lebensklugheit und Reflexion einer ganz besonderen Heranwachsenden. (Karin Krichmayr, 12.11.2017)

    anne frank fonds
    Englischer Trailer zum Anne Frank-Comic, zur Verfügung gestellt vom Anne Frank Fonds.

    Leseprobe auf der Seite des Verlags samt Nachwort von Ari Folman hier.

    Im Comic-Blog Pictotop forscht Wissenschaftsredakteurin Karin Krichmayr in den Weiten des Comic-Universums nach Graphic Novels mit Fokus auf Wissenschaft, Forschung, Geschichte und Gesellschaft.

    • Ari Folman und David PolonskyDas Tagebuch der Anne Frank. € 20,60 / 160 Seiten. S. Fischer, Frankfurt 2017
      foto: ari folman / david polonsky - s. fischer verlag 2017

      Ari Folman und David Polonsky
      Das Tagebuch der Anne Frank. € 20,60 / 160 Seiten.
      S. Fischer, Frankfurt 2017

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