Gegenseitig unter Generalverdacht

    Kommentar der anderen7. November 2017, 17:42
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    #MeToo, generalverdächtige Männer und ein Kommentar der anderen, der auch Standard-intern heftigste Diskussionen über Feminismus, Meinungsfreiheit und "alte weiße Männer" ausgelöst hat: ein Leserforum zur aktuellen Debatte

    Betrifft: "Männer nicht unter Generalverdacht stellen" von Katharina Braun der Standard.at, 2.11.2017

    Begehrenskommunikation

    Wüsste ich nicht, wer die Autorin ist, hätte ich vermutet, es handle sich um einen emotional verunsicherten Mann, der seine eigene Furcht auf Frauen übertragen will: "Wenn ihr #MeToo schreibt, will niemand mehr Sex mit euch haben! Und warum habt ihr euch nicht früher gemeldet?", sagen auch Richter und Betriebsräte, die keine Ahnung haben und nicht "sensibilisiert" sind.

    Dabei verfolgt #MeToo keine Generalverdächtigung von Männern. Unter diesem Hashtag berichten Frauen (und Männer) von ihren jeweiligen, individuellen Erlebnissen. Es geht um sexuelle Belästigung, die von der Autorin – wie auch von Nina Proll – angeblich nicht gutgeheißen wird. Wenn man allerdings dagegen aufschreit, würde eine "nor- male Kommunikation" gefährdet? Keine Sorge, Frau Braun, wenn Sie das nächste Mal Frauen (oder Männer) anflirten und ihr Begehren normal kommunizieren, kann Ihnen höchstens passieren, dass Sie abblitzen.

    Stefan Antonik-Seidler, per Mail

    Verlassen der Tabuzone

    Ich sehe die #MeToo-Kampagne differenziert: sowohl aus eigener (77-jähriger) Lebenserfahrung als auch im Zusammenhang mit meiner Arbeit als Psychotherapeutin.

    Aber zunächst: gut, dass dieser Themenkreis als wichtiger Teil des Diskurses um Zuschreibungen des biologischen und des sozialen Geschlechts sowie um die geforderte Geschlechtergerechtigkeit die Tabuzone verlässt und offen diskutiert wird. Die sozialen Medien eröffnen hier neue Möglichkeiten!

    Ich unterstütze Katharina Brauns Forderung, Männer nicht unter Generalverdacht zu stellen. Ich folge jedoch nicht ihrem Umkehrschluss, den sie darauf zuspitzt, dass auch Männer sich durch zu "freizügig angezogene Frauen belästigt fühlen könnten", mit der Folge, dass "ein Mann eine Frau verklagt, weil diese zu offenherzig bekleidet war und sich ihm in ihrer weiblichen Sexualität aufdrängte". Das hatten wir doch schon!

    In einschlägigen Gerichtsprozessen aus hoffentlich vergangenen Zeiten führte die vor allem den Frauen unterstellte animalisch-erotische Ausstrahlung, un-terstützt durch freizügige Kleidung, zu deren Verurteilung, wie dies zum Beispiel in Albert Drachs verfilmtem Roman Untersuchung an Mädeln dargestellt wird.

    Helga Ranzinger, 1190 Wien

    Einseitige Polemik

    Mir ist unbegreiflich, wie eine, noch dazu akademisch gebildete, Frau sich so undifferenziert diesem Thema widmen kann.

    Es ist wohl ein himmelweiter Unterschied, ob eine lapidar als "Flirtversuch" bezeichnete sexuelle Annäherung innerhalb eines Dates, in das beide Beteiligte eingewilligt haben, passiert (und auch in dem Fall nur im weiterführenden, beiderseitigen Einverständnis) oder im Rahmen eines oft beruflichen Autoritätsverhältnisses stattfindet und somit ein Machtverhältnis ausgenutzt wird.

    Völlig zu Recht haben sich weltweit jene Frauen gemeldet, die nicht Opfer eines fehlgeschlagenen "Flirtversuchs" bei einem "Date" wurden – diese einseiti- ge Polemik einer Frau tut auch den verteidigten Männern nichts Gutes.

    Christine Sonn-Rankl, 1130 Wien

    Aufruf wider die Feigheit

    Betrifft: "Die Blattlinie als Richtschnur" der Standard, 6. 11. 2017

    Der Kommentar von Frau Braun sollte also nicht erscheinen. So die Meinung mancher Feministinnen, Meinung soll bzw. muss unterdrückt werden, wenn diese nicht ins Weltbild passt. Das ist weder liberal noch feministisch.

    Der Kommentar von Frau Braun ist auch ein Aufruf wider die Feigheit, sich erst nach Jahren gegen Übergriffe zu wehren.

    Mut hat immer auch was mit Risiko zu tun, denn eine saftige Ohrfeige für einen Grapscher unmittelbar nach der Tat kann (möglicherweise) die Karriere gefährden. Aber liebe angebliche Feministinnen, Mut kann man sich halt nicht kaufen. Wenn die Angst vor dem Karriereknick größer ist, wird sich auch kaum was ändern.

    Josef Kreilmeier, 4020 Linz

    Starke Stücke

    24 Diskussionsbeiträge, ausschließlich von Standard-Personal, unter dem Titel "Kommentar der anderen" zu veröffentlichen ist ja schon ein starkes Stück.

    Dass sich rund die Hälfte der Beiträge dagegen ausspricht, dass in der Rubrik "Kommentar der anderen" Meinungen der "anderen" veröffentlicht werden sollen, auch. Schlimmer noch ist allerdings, dass es eine redaktionelle Meinung gibt, die allen Ernstes einzuhalten ist – was schon sehr nach Zensur riecht!

    Erich Félix Mautner, 1120 Wien

    Nicht nur ein Kamm

    Interessiert verfolge ich die Diskussion um dieses Thema. Es ist richtig und wichtig, dass es in der Öffentlichkeit zur Debatte steht. Ich vermisse aber das Augenmaß, das in so einer Debatte unbedingt notwendig wäre.

    Es kann nicht sein, dass jegliches diesbezügliche Verhalten über einen Kamm geschert wird und dabei eine Menschenhatz eröffnet wird. Frauen werden in diesem Zusammenhang als Opfer, die sich nicht wehren können, dargestellt. Wir leben in einem Rechtsstaat, an den sich Opfer sexueller Übergriffe wenden können.

    Hat jemand bedacht, was es für Menschen bedeutet, deren sicher nicht zu akzeptierendes Verhalten an die Öffentlichkeit gezerrt wird, ohne den Schweregrad ihrer Tat zu berücksichtigen? Es gibt in dieser Republik Wichtigeres zu tun in Zeiten wie diesen.

    Gerade Peter Pilz hat sich große Verdienste als Aufdecker erworben, und es ist schwer, sich vorzustellen, auf ihn verzichten zu müssen. Vielleicht sollte man bedenken: "Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein!"

    Kehren wir also zur Normalität zurück und wenden wir uns den wirklich drängenden Problemen unserer Zeit zu.

    Marianne Hummer-Koppendorfer, per Mail

    Bitte, gerne!

    Als langjährige treue Leser und Abonnenten wollen wir zum Ausdruck bringen, wie wichtig Offenheit, Meinungsvielfalt und grundsätzlich Liberalität für uns sind.

    Ein Standard, der Meinungen wie die von Proll und Braun nicht mehr als Meinung gelten lassen kann, sondern als verbale Gewalt begreift und damit auch verbietet, wäre nicht mehr "unser" Standard gewesen.

    Öffentlichkeit generiert sich durch Austausch unterschiedlicher Meinungen: ohne kontroversielle Meinungen keine Öffentlichkeit, ohne Öffentlichkeit keine Res publica, ohne Res publica keine Demokratie. Wie gesagt: herzlichen Dank!

    Carmen Mucha, per Mail

    Dümmliches Klischee

    Betrifft: Alte weiße Männer

    Ich möchte Sie dringend bitten, auf das rassistische, vorurteilsgeladene, vorgestrige und dümmliche Klischee des (übergriffigen, seine tatsächliche oder vermeintliche Macht missbrauchenden) "alten weißen Mannes" zukünftig zu verzichten.

    Ich bin auch ein "alter" (besser: älterer) "weißer Mann" in einer vermeintlichen "Machtposition" und war weder jemals in meinem Leben übergriffig, noch habe ich meine Stellung irgendwie missbraucht, im Gegenteil.

    Ich weiß nicht, wie es beim Standard zugeht bzw. wie Sie es im Berufsleben "gelernt" haben, aber in dem Unternehmen, in dem ich tätig sein darf (ein großes börsennotiertes Unternehmen), wird auf Augenhöhe, kollegial, respekt- und rücksichtsvoll zusammengearbeitet – vom Pförtner über den Abteilungsleiter bis zum Vorstand, dem ich angehöre.

    Nur so haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Unternehmens auch am Arbeitsplatz eine hohe Lebensqualität (was auch bedeutet: bessere Motivation, mehr Innovation und Kreativität, weniger Fluktuation, weniger Krankenstände) und lassen sich folglich viel bessere Resultate erzielen.

    Peter Gruber, per Mail
    (8.11.2017)

    • #MeToo auch im EU-Parlament. Ursprünglich entstanden als Reaktion auf die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein, hat sich die #MeToo-Kampagne mittlerweile zu einer Debatte über die Debattenkultur selbst ausgeweitet.
      foto: apa/afp/patrick hertzog

      #MeToo auch im EU-Parlament. Ursprünglich entstanden als Reaktion auf die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein, hat sich die #MeToo-Kampagne mittlerweile zu einer Debatte über die Debattenkultur selbst ausgeweitet.

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