Smartphones: Die Zeit der "Flaggschiff-Killer" ist vorbei

    22. November 2017, 11:13
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    Ein STANDARD-Redakteur sucht und findet ein neues Handy für sich. Echte "Schnäppchen" sind kaum noch am Markt

    Irgendwann musste er sein: der Handyneukauf. Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich bei meinem eigenen Smartphone bei einem Reparaturversuch versehentlich das Display zerstört. Und weil kein ordentliches Ersatzgerät greifbar, die Notwendigkeit erreichbar zu sein und unterwegs passable Fotos zu schießen dringend und das verfügbare Budget gerade bescheiden war, stieg ich auf ein Testgerät – das One Plus 3 um.

    Ein Zustand, der eigentlich als Übergang gedacht war. Doch das Handy war ausreichend für den Bedarf, kein anderes Flaggschiff bot sich preislich an und der innere Schweinehund verwehrte sich dagegen, die Umstiegsprozedur so bald zu wiederholen. Das Wiederaufspielen verwendeter Apps, die "Ummeldung" der Zwei-Faktor-Logins und das Wiederherstellen diverser Benachrichtigungseinstellungen kann ein erstaunlich langwieriger Prozess sein.

    Kriterienkatalog

    Nun allerdings war es Anfang November soweit, diese aus Perspektive journalistischer Ethik durchaus kritisierbare Situation zu bereinigen. Der Kriterienkatalog erwies sich dabei nur oberflächlich als einfach.

    Ein konkurrenzfähiger Prozessor, idealerweise der Snapdragon 835, sollte in dem Handy stecken, eine realistische Option für das Aufspielen alternativer Firmware offen stehen. Die Kamera sollte gut sein, am besten mit optischer Bildstabilisierung, ein Klinkenstecker vorhanden und der Preis die 400-Euro-Marke trotzdem nicht zu weit überschreiten.

    Gute, alte Zeiten

    Vor einigen Jahren wären mir hier spontan drei Anbieter eingefallen: One Plus, die ZTE-Tochter Nubia und der chinesische Riese Xiaomi. Bei One Plus sind die Zeiten des bedingungslosen Kampfpreises – das One Plus One startete preislich einst bei unter 300 Euro – schon länger vorbei.

    ZTE hat die "Mini"-Ausgabe seiner "Z"-Flaggschiffreihe mittlerweile auf Mittelklassehardware abgestuft, und Xiaomis aktuelles Spitzengerät verzichtet auf die Klinke und unterstützt (wie auch das Nubia Z17 Mini) das LTE-Band 20 nicht. Das reguläre Z17 wiederum hat sich ebenfalls des Kopfhöreranschlusses entledigt.

    Fraglicher Mehrwert

    Wohlgemerkt: Ich bewundere Geräte wie Apples iPhone X in technischer Hinsicht, sehe für mich persönlich aber bei 1.200 Euro schlicht keinen Mehrwert mehr. Das gilt auch für die Geräte jenseits der 600-Euro-Marke. Das Problem: Dort sind mittlerweile eigentlich alle namhaften Hersteller angekommen, die ihre Geräte offiziell in Zentraleuropa vertreiben.

    Selbst das Nokia 8 des gefallenen und nun zurückgekommenen einstigen Handyriesen aus Finnland wartet mit einer Preisempfehlung von 599 Euro auf und liefert dafür eine eher enttäuschende Kamera.

    Kompromisslösung Honor 9

    Es galt also, Abstriche zu machen. Alle meine Wünsche waren mit diesem Preisziel nicht erfüllbar. Am nächsten dran wäre hier wohl das One Plus 5 (mittlerweile vom One Plus 5T ersetzt). Nach der verlängerten "Testfahrt" und weil es mit 499 Euro doch noch deutlich über dem Budget lag, war das allerdings keine Option. Nach langem Suchen wurde ich schließlich bei Huawei fündig, genauer gesagt bei dessen auf Direktvertrieb spezialisierter Jugendmarke Honor – mit dem im Sommer erschienen Honor 9.

    Es bietet eine fast idente Ausstattung zum im Frühjahr erschienenen Huawei P10. Das Display ist eine Spur größer, das Design etwas anders gehalten, und der Doppelkamera fehlen das "Leica"-Branding und ein paar damit zusammenhängende Filterfunktionen. Die wichtigsten Features, inklusive dem aufgebohrten Zweifachzoom, waren aber vorhanden. Testberichte bescheinigten dem Gerät, in dieser Hinsicht seinem indirekten Vorgänger ebenbürtig zu sein. Huawei macht bei der Verwendung von zwei Kamerasensoren prinzipiell einen guten Job.

    Die wichtigsten Punkte erfüllt

    Der Kirin-960-Chip mag zwar kein Snapdragon 835 sein, kommt diesem aber in puncto reiner CPU-Leistung jedoch sehr nahe. Einzig der ARM-Mali-Grafikbeschleuniger ist dem Adreno 540 klar unterlegen, er stemmt aber selbst aufwändigere Games trotzdem gut. Ebenso wichtig: Nach der Freigabe von Source Code durch Huawei gibt es mit "Open Kirin" nunmehr eine Initiative, die sich um Custom ROMs für neuere Huawei- und Honor-Geräte kümmert. Erste Firmware-Alternativen, wurden bereits veröffentlicht, befinden sich aber noch in einem frühen Stadium. Die Ergebnisse sehen bislang aber vielversprechend aus.

    Diverse Reviews (hier etwa jenes von GSM Arena) bescheinigten dem Honor 9 ein gutes Rundumpaket und im Wesentlichen ein günstigeres P10 zu sein. Und das wusste mich im Laufe des damaligen Tests durchaus zu überzeugen. Zwar gibt es die Europa-Ausgabe (mit Band 20-Support) nur in der "kleinsten" Ausführung (vier GB RAM, 64 B Speicher), dass ich damit im Vergleich zum OnePlus 3 und den stärkeren Modellen des Honor 9 auf zwei GB RAM verzichte, halte ich für eine im Alltag nicht sonderlich relevante Einschränkung.

    Auch die Kopfhörerklinke ist vorhanden und mit dem vorne liegenden Fingerabdruckscanner trifft das Gerät hier ebenso meine Vorliebe. Huaweis Oberfläche bietet zudem mittlerweile einen Appdrawer, der mir ebenfalls wichtig ist, da ich keine zugekleisterten Homescreens oder Workarounds mit Ordnern mag. Mit einem auf unter 400 Euro gesunkenen Straßenpreis (offizielle Empfehlung: 429 Euro, 390 Euro bei einem Händler in Wien) hat das Handy in diesem Preisrahmen auch erstaunlich wenig Konkurrenz.

    "Design-Mittelklasse" statt "Diskont-Flaggschiffe"

    Womit sich der Kreis schließt. "Echte" Flaggschiffe unter 500 Euro sind selten geworden. Die in westlichen Märkten etablierten Hersteller haben die Preise für ihre Premiumgeräte im Schlepptau von Apple tüchtig angezogen und teilweise auf iPhone-Niveau gebracht. Mit etwas Verzögerung sind Firmen wie One Plus nachgezogen und besetzen das nun frei gewordene Segment.

    Zwischen 300 und 500 Euro etabliert sich zunehmends eine neue Art von Midrange-Geräten, die man wohl als "Design-Mittelklasse" bezeichnen kann. Sie erben hochwertig verarbeitete Metallgehäuse, Fingerabdruckscanner, sowie zunehmend auch Doppelkameras von den "Großen". Es ist anzunehmen, dass früher oder später auch das "randlose" Design dort ankommt – chinesische Hersteller machen diese Entwicklung bereits vor.

    Dafür muss man sich mit etwas schlechteren Fotosensoren, weniger performanten Prozessoren und oft auch weniger Speicherausstattung arrangieren. Freilich: Es ist ein Jammern auf hohem Niveau. Denn die meisten dieser Geräte und auch viele, die um 200 bis 300 Euro feilgeboten werden, machen immer passable Bilder und decken den sonstigen Alltagsbedarf gut ab. Das Zeitalter der "Diskont-Flaggschiffe" oder, wie es One Plus einst formulierte, "Flaggschiff-Killer" ist allerdings ziemlich vorbei. (Georg Pichler, 22.11.2017)

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    • Am Ende ist es das Honor 9 von Huaweis Direktvertriebstochter geworden.
      foto: derstandard.at/pichler

      Am Ende ist es das Honor 9 von Huaweis Direktvertriebstochter geworden.

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