Pro & Kontra: Preiselbeeren zum Schnitzel

    29. Dezember 2017, 08:00
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    Liebenswürdiges Gewächs oder kulinarische Bankrotterklärung

    foto: getty images/istockphoto/richardschramm

    Pro
    von Christoph Winder

    Traurig, aber wahr: Auch ein vorurteilsfreier Weltbürger und eleganter Stilist wie der dieswöchige Neinsager nebenan ist nicht davor gefeit, den abgedroschensten Klischees über die Preiselbeere aufzusitzen.

    Aus Gründen, die unklar bleiben, haftet diesem liebenswürdigen Gewächs ein katastrophaler Ruf an. Die Preiselbeere gilt als Beweis abgrundtiefer gastronomischer Fantasielosigkeit und als kulinarische Bankrotterklärung. So weit, so ungut.

    Denn die Preiselbeere verfügt über Meriten zuhauf. Kraft ihrer Süße übertüncht sie den Eigengeschmack jener Lebensmittel, zu denen sie in Gastgewerbebetrieben vom Typus "Restaurant zum schmierigen Löffel" bevorzugt gereicht wird: zum angeranzten gebackenen Camembert oder zum panierten Gammelfleisch. Auch optisch macht sie etwas her, vor allem im Farbkontrast zur orangen Dosenpfirsichhälfte, deren Höhlung sie häufig ziert. Last not least ist die "Preiselbeere" als Wort ein Gedicht. Selbst wenn sie sich nicht für so schöne Schüttelreime eignet wie die Heidelbeere im bekannten Lob auf das "Cornetto Heidelbeer".

    Kontra
    von Christoph Prantner

    Natürlich, nicht jeder ist als Wortkundler, Sprachfex und Phrasenschmied eine so gewichtige, ja letztgültige Instanz wie der hochgeschätzte Kolumnennachbar. Linguistische Finesse und kulinarische Geschmackssicherheit allerdings sind nicht zwingend deckungsgleich. Anderenfalls hätte es sich mit Sicherheit allgemein durchgesetzt, einem besonders talentierten Schnitzelkoch statt Lob und Preis ein pickiges "Lob und Preiselbeere!" auszusprechen.

    Ganz generell sind die Preiselbeere und ihre nordamerikanische Verwandte, die armselige Cranberry, nicht für den Gastro-Intestinal-, sondern vielmehr für den Uro-Genital-Trakt bestimmt. Am besten wirken sie nicht am Gaumen, sondern im Verborgenen. Dort liegt ihre Berechtigung, und ja, auch ihr höherer – oder tieferer – Sinn.

    Auf dem Teller jedenfalls haben beide nichts verloren. Erst recht nicht in unmittelbarer Nähe eines Schnitzels. Allein schon die Vorstellung, dessen krosse Kruste könnte dadurch gatschig werden! Da könnte man ja gleich Pommes dazu bestellen. Und Ketchup. (RONDO, 29.12.2017)

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