Videobeweis bringt DFB in die Bredouille

7. November 2017, 12:18
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Nach Aus für Projektleiter Krug wirkt die Lage in Deutschland verfahrener denn je, der Fußballverband scheint überfordert, seine Kommunikationsstrategie jenseitig

Wien/Köln – Am Montag setzte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Hellmut Krug als Projektleiter des Videobeweises ab. Er reagierte damit auf die schwerwiegenden Manipulationsvorwürfe gegen den 61-jährigen ehemaligen Fifa-Schiedsrichter. Krug soll in seiner Funktion als Supervisor in der Videozentrale in Köln unerlaubterweise Einfluss auf die Entscheidungen der Videoassistenten genommen haben, bestreitet das aber. Zudem betonte der DFB, dass die Supervisoren "künftig während der Spiele keine direkte Kommunikation mehr mit den Videoassistenten haben werden".

Anpassung unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Es ist die bislang letzte Volte in einer seit Einführung des Videobeweises zu Saisonbeginn ununterbrochen köchelnden Debatte über das Für und Wider. Zuletzt kam der DFB selbst massiv unter Druck. Wie der "Kicker" aufdeckte, veränderte der Verband bereits nach dem sechsten Spieltag eine grundlegende Richtlinie bezüglich der Anwendung des neuen Instruments – ohne die Öffentlichkeit zu informieren. Seither kann der Videoassistent nicht nur, wie ursprünglich kommuniziert, bei "klaren Fehlentscheidungen" tätig werden. Selbst die Vereine erfuhren erst einen Monat später davon, ihnen ging ein Schreiben des DFB zu, unterzeichnet von Krug und Schiedsrichterchef Lutz Michael Fröhlich.

Präsident Grindel düpiert

Pikant: Selbst DFB-Präsident Reinhard Grindel hatte von diesem Schreiben offenbar keine Kenntnis und sieht sich nun Vorwürfen gegenüber, die Kontrolle über die Vorgänge verloren zu haben. In einer DFB-Pressemitteilung hieß es nun, das Schreiben der Schiedsrichter sei "gegenstandslos", die Causa wurde zur "Chefsache" erklärt. Gegenüber NDR Info plädierte Grindel für möglichst wenige Eingriffe von außen, der Schiedsrichter auf dem Platz müsse weiterhin das Sagen haben.

Das berührt einen der wichtigsten Kritikpunkte an der Praxis des deutschen Videobeweises. Anstatt es, wie etwa im Rugby üblich, im Ermessen des Referees zu belassen, wann er einen Bildschirmassistenten konsultiert, wird dem Schiedsrichter durch dessen selbstständiges Tätigwerden das Heft aus der Hand genommen. Im DFB-Schreiben heißt es, dass der Videoassistent auch bei "starken Zweifeln" an der Entscheidung des Schiedsrichters diesen darauf aufmerksam machen soll. Die Folge: Die letzten Spieltage waren von einer großen Anzahl an Interventionen gekennzeichnet.

Calmund weiß, woran es krankt.

Keine klare Linie

Das löste Verunsicherung und Ärger bei Spielern und Trainern, aber auch bei den Fans aus. Fröhlich sah sich daraufhin genötigt, einen zweiten Brief zu verfassen, um klarzustellen, dass der Schiedsrichter der Hauptverantwortliche sei und die endgültige Entscheidung treffe. Ob die gewünschte Klarstellung gelungen ist, darf bezweifelt werden. Schalke-Sportchef Christian Heidel meinte, in den vergangenen sechs Wochen seien "allein drei Briefe vom DFB gekommen, wo jedes Mal etwas anderes steht". Kollege Max Eberl aus Mönchengladbach sieht das ähnlich: "Die ganze Kommunikation beim DFB ist momentan katastrophal."

Dessen zuständiger Vizepräsident Ronny Zimmermann dürfte das erkannt haben: Es sei wichtig, eine klare Linie festzulegen und diese "jetzt zeitnah allen Beteiligten zu vermitteln". Man dürfe bei aller Emotion "nicht vergessen, dass es in der Testphase in vielen Bereichen auch durchaus Erfolge gibt". Eines seiner wichtigsten Ziele, nämlich mehr Fairness, Berechenbarkeit und eine Stärkung der Rolle des Unparteiischen, hat das Projekt bisher jedenfalls nicht erreicht.

Aufregung statt Beruhigung

Es wird eher noch mehr gestritten als davor. Natürlich auch in den sozialen Medien, wo Befürworter und Gegner heiß diskutieren. "Lieber debattiere ich über zweifelhafte Schiri-Entscheidungen als über zweifelhafte Video-'Beweis'-Entscheidungen und warte dabei auch noch zwei Minuten ab, ob ich mich jetzt über das Tor freuen oder ärgern darf", schreibt ein User auf Facebook. Der Konter folgte auf dem Fuße: "Sehr viele Fehlentscheidungen wurden richtigerweise korrigiert. Und wenn es fünf Minuten dauert, Hauptsache, die Entscheidungen sind korrekt. Super gestern in Wolfsburg: zwei Tore wegen Abseits zurückgenommen."

Gladbach-Trainer Dieter Hecking plädiert in dieser Lage für mehr Gelassenheit. "Der Videobeweis ist gut für den Fußball. Aber ich wage die Prognose, dass er zur Winterpause eingestampft wird", sagte er. "Es ist eine Testphase. Wir geben diesem Test aber überhaupt keine Chance. Wir tun alle alles dafür, dass er keine Chance bekommt." (red, sid, 7.11.2017)

  • Hellmut Krug ist nicht mehr Projektleiter des deutschen Videobeweises.
    foto: afp/charisius

    Hellmut Krug ist nicht mehr Projektleiter des deutschen Videobeweises.

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