Was charismatische Menschen ausmacht

    7. November 2017, 12:16
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    Eine Eigenschaft, die privat wie im Beruf Vorteile bringt: Charisma. Laut Experten gibt es mehrere Arten – einige davon sind erlernbar

    Wie wissenschaftliche Studien zeigen, verwenden charismatische Menschen besonders viele Metaphern, erzählen Anekdoten, kennen Sprichworte, setzen ihre Körpersprache so ein, dass sie ihre Message unterstreichen – und strahlen gleichzeitig ein hohes Maß an Selbstsicherheit aus.

    Olivia Fox Cabane, Coach und Autorin des Buches "The Charisma Myth", unterscheidet zwischen mehreren Arten von Charisma. Zunächst das "Star-Charisma", wie das von Marilyn Monroe, ein "Fokus-Charisma", das sich durch die Fähigkeit, aktiv zuzuhören, definiert, und ein "Güte-Charisma", wie es beim Dalai Lama zu beobachten war.

    Was Charismatiker auszeichnet: Sie seien – im Gegensatz zu Charmeuren – nicht immer beliebt, sagt Fox Cabane. Als Beispiel bringt sie Steve Jobs: Der Apple-Gründer war zwar bei vielen seiner Mitarbeiter unbeliebt – wurde aber dennoch als charismatisch angesehen.

    Die Erfolgsquote steigt

    Wie wirkt Charisma nun im Alltag? Glaubt man John Antonakis, Professor für Verhaltensökonomie an der Universität von Lausanne, ist es ein sehr mächtiges Instrument. 2015 fand der Wissenschafter in einer Studie heraus, dass die Erfolgsquote von Fundraisern um 17 Prozent stieg, wenn zuvor eine motivierende Ansprache gezeigt wurde.

    Vorteile bringe Charisma auch in anderen Bereichen – egal ob es nun um das Einwerben von Fördergeldern geht oder um die Klickrate von Ted-Talks. Offenbar ist es sogar effektiver als Attraktivität. "Andere identifizieren sich mit dir, sie wollen sein wie du, sie sind bereit, dir zu folgen", sagt Antonakis über die Wirkmacht der Eigenschaft.

    tedx talks
    In diesem Ted-Talk erklärt John Antonakis die Wirkung von Charisma.

    Charismatischen Menschen wird darüber hinaus auch eher Vertrauen geschenkt, wie eine Untersuchung aus 2016 nahelegt. Offenbar vertrauen Mitarbeiter charismatischen Chefs eher. Unter ihrer Führung zeigten sie sich zudem hilfsbereiter gegenüber Kollegen und loyaler zu ihrem Unternehmen. Eine mögliche Erklärung hat Bjorn Michaelis, Professor für Management und Organisation und Mitautor der Studie, parat: Charismatische Führungskräfte strahlten eher Integrität aus.

    Als charismatischer bewertet

    Und lässt sich Charisma erlernen? Offenbar schon – schließlich hat es wesentlich damit zu tun, was man sagt und wie man es sagt. In einem Experiment trainierte Antonakis mit Managern und Studierenden Leadership-Taktiken, die sie charismatischer erscheinen lassen sollten. Darunter: verbale Tricks – wie das Einsetzen von Metaphern, rhetorischen Fragen, Gegenüberstellungen oder Story-Telling. Die Probanden lernten aber auch, wie sie moralische Überzeugungen kundtun, auf die Gefühle ihres Publikums eingehen und Sicherheit ausstrahlen. Die britische Politikerin Margaret Thatcher, die als besonders charismatisch galt, bediente sich Antonakis zufolge einiger dieser Taktiken.

    Die Studie zeigte schließlich: Die Führungskräfte wurden nach dem Training tatsächlich als kompetenter und vertrauenswürdiger wahrgenommen, ihnen wurde eher zugetraut, andere beeinflussen zu können. Die MBA-Studenten wurden als charismatischere Redner beurteilt.

    Worauf es noch ankommt

    Aber nicht nur, welche Worte man verwendet, sei entscheidend – auch, wie man sie artikuliert. So müssten die Körpersprache, die Mimik und Gestik und die Stimmlage das Gesagte unterstreichen. "Man muss es schaffen, die Emotion zu dem, was man sagt, zu erzeugen", sagt Antonakis. Dabei gehe es vor allem um eines: Glaubwürdigkeit.

    Eben weil ihre Gestiken, Gesichtsausdrücke und ihr Ton nicht mit ihren Worten korrespondierten, habe die ehemalige US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton weniger charismatisch gewirkt als einst ihr Mann Bill. "Im Vergleich zu ihm wirkte sie im Präsidentschaftswahlkampf total kalt. Sie war nicht in der Lage, ein ähnlich warmes und volksnahes Bild zu erzeugen." Das habe ihre Reden "vorgeschrieben" klingen lassen.

    foto: apa/afp/jim watson
    Ebenfalls bekannt für seine charismatischen Reden: der ehemalige US-Präsident Barack Obama.

    Autoritäres vs. visionäres Charisma

    Welche Technik man nun am besten anwendet, hänge wesentlich davon ab, welche Art von Charisma man denn entwickeln möchte, sagt wiederum Expertin Fox Cabane. "Autoritatives Charisma braucht man dann, wenn das Haus in Flammen steht und man alle hinausbekommen will. Dann sorgt man sich nicht besonders darum, ob einen die Leute mögen, sondern nur darum, dass sie auf einen hören."

    Um sein Autoritätscharisma zu steigern, müsse man zunächst sein Selbstbewusstsein stärken. Hilfreich seien auch gewisse Posen, die Überlegenheit demonstrieren. "Dazustehen, als wäre man ein mächtiger Gorilla, funktioniert", sagt Fox Cabane.

    Steve Jobs habe im Laufe seiner Karriere eher ein "visionäres Charisma" entwickelt, sagt Fox Cabane, die Videoclips seiner Reden analysierte. "Bei seiner ersten Präsentation 1984 wirkt er wie ein Nerd. Er strahlt keine Macht aus, keine Präsenz und schon gar keine Wärme. Aber mit Beginn der 2000er-Jahre kann man ihm regelrecht dabei zusehen, wie er immer charismatischer wird. Er beginnt, mit seinem Publikum Blickkontakt zu halten, nimmt immer mehr Platz auf der Bühne ein."

    Zu mehr Charisma gelangt man offenbar auch post mortem. Das liegt daran, dass Menschen nach ihrem Tod häufig romantisiert werden, sagt eine Studie, die in "The Leadership Quarterly" veröffentlicht wurde. (lib, 7.11.2017)

    Link:

    BBC

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