Was los ist mit der Schweizer Uhrenbranche

    18. November 2017, 14:00
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    Umsatzeinbußen, Personalrochaden, Übernahmen: Die Schweizer Luxusuhrenbranche hat es in den letzten Monaten ordentlich durchgebeutelt

    Irgendwie ist es beruhigend, dass auch (extrem) reiche und mächtige Männer manchmal keinen Schlaf finden. So wie Johann Rupert, Präsident und Konzernchef von Richemont. Der seufzte nach der letzten Generalversammlung des Luxusgüterkonzerns im September: "Willkommen in meiner Welt, wo man ab und zu auch schlaflose Nächte hat."

    Tatsächlich drücken den Südafrikaner einige Hühneraugen. Laut Bilanz gehört Rupert zwar zu den reichsten Playern im Schweizer Uhrenbusiness, aber er musste einige Rückschläge hinnehmen: Anfang 2017 war er "nur" mehr 4,75 Mrd. Franken (4,2 Mrd. Euro) schwer, 2015 waren es noch 5,5 Mrd. Franken (4,8 Mrd. Euro). Das kann selbst ein Milliardär nicht ignorieren. Ist dies doch ein Indiz dafür, dass das Geschäft nicht mehr ganz so rund läuft.

    Schlechtes Geschäft

    Der hinter dem französischen Branchenprimus LVMH zweitgrößte Hersteller von edlen Uhren, Schmuck, teurer Bekleidung und Lederwaren kämpft mit Nachfrageflaute und Gewinneinbruch. Vor allem das schlechte Geschäft mit Luxusuhren in China machte Richemont zuletzt zu schaffen. Mit teuren Zeitmessern der Marken IWC, Piaget oder Jaeger-LeCoultre erzielt das Unternehmen mehr als ein Viertel des Umsatzes.

    Im vergangenen Geschäftsjahr 2016/17 schrumpften die Verkaufserlöse um vier Prozent, und der Gewinn sackte um fast die Hälfte auf 1,21 Milliarden Euro ab – auch weil die Schweizer von Händlern nicht verkaufbare Produkte zurücknahmen und ihnen dafür den Gegenwert gutschrieben.

    Radikaler Umbau

    Grund genug, um hart durchzugreifen. Auf erwähnter Generalversammlung nahm Rupert einen radikalen Umbau des Verwaltungsrats vor, um den Konzern neu auszurichten und in erster Linie die Führungsmannschaft zu verjüngen. Und das, obwohl es in diesem Jahr bereits zu zahlreichen Personalrochaden gekommen war. Die Chefs einiger Marken wurden in den Ruhestand geschickt oder ausgetauscht. Einige sind aufgestiegen.

    So wie George Kern: 15 Jahre lang war er CEO von IWC Schaffhausen, er war der jüngste Markenchef innerhalb der Richemont-Gruppe. In dieser Funktion hat er IWC zu einer global bekannten Marke mit einem geschätzten Umsatz von 700 Mio. Euro entwickelt. Höhere Weihen warteten. Im April 2017 wurde er zum obersten Uhrenmanager bei Richemont ernannt. Er konnte nun über das Schicksal von Marken wie Vacheron Constantin, Piaget oder Panerai entscheiden.

    Herber Verlust

    Kein Zweifel: Kern, 1965 als Sohn eines Juweliers in Düsseldorf geboren, war im Uhrenolymp angekommen. Nur, um ihn vier Monate später freiwillig wieder zu verlassen. Ein herber Verlust für den Konzern, gut möglich, dass Johann Rupert auch in jener Zeit schlecht geschlafen hat. Aber er ließ Kern, der lange Zeit als künftiger Konzernchef gehandelt worden war, ziehen. Wohl auch weil es diesen Posten seit letztem November gar nicht mehr gab. Rupert selbst hatte ihn gestrichen. So kam es, dass George Kern bei Breitling quasi von heute auf morgen eine neue Heimat fand.

    Dem ging ein weiterer Paukenschlag voran, der die Verhältnisse in der eidgenössischen Uhrenlandschaft verändern sollte. Denn mit dem Einstieg des britischen Finanzinvestors CVC (jahrelang Hauptgesellschafter der Formel 1, momentan u. a. an der Parfümeriekette Douglas beteiligt) bei Breitling im April 2017 verliert eines der letzten familiengeführten Unternehmen seine Unabhängigkeit. Gerüchte über einen Verkauf gab es in jüngster Zeit immer wieder. Immerhin verabschiedet sich die Besitzerfamilie Schneider nicht ganz aus dem Unternehmen. Théodore Schneider, Chef seit 1998, wird im Zuge der Transaktion in "Breitling reinvestieren und so mit einem Anteil von 20 Prozent weiter am Unternehmen beteiligt sein", hieß es in einer Mitteilung.

    Wirtschaftliche Erwägungen

    Théodore Schneider ist der Sohn des Piloten Ernest Schneider, der den Uhrenhersteller 1979 von der Gründerfamilie Breitling gekauft hatte. Zum Verkauf haben ihn wohl einerseits familiäre Gründe bewogen. So sollen zwei Schwestern den Wunsch haben, sich aus dem Unternehmen zurückzuziehen. Andererseits könnten auch wirtschaftliche Erwägungen dazu beigetragen haben.

    Breitling selbst gibt keine Zahlen bekannt. Laut Schätzungen erwirtschaftet der Uhrenhersteller einen jährlichen Umsatz von über 400 Mio. Franken (346 Mio. Euro). Die Marke betreibt zwei Fertigungsstätten, eine in La Chaux-de-Fonds und eine weitere am Firmensitz in Grenchen. Insgesamt beschäftigt die Uhrenmarke 900 Mitarbeiter.

    Expansion als Ziel

    Bemerkenswert ist, dass die Übernahme nur der Finanzinvestor CVC mitteilte. Auf der Homepage von Breitling fand sich kein Wort dazu. Auch zu den finanziellen Details der Transaktion hatten beide Parteien Stillschweigen vereinbart. Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass der Unternehmenswert von Breitling bei etwa 870 Mio. Franken (752 Mio. Euro) liegt. Gut möglich, dass sich George Kern als Chef und Anteilseigner seither die Nächte um die Ohren schlägt, um die Lage zu sondieren. Das Ziel: Expansion.

    Unter Experten gilt der Breitling-Deal jedenfalls als Hoffnungsschimmer, zeige er doch, dass die Finanzindustrie wieder Vertrauen in die gebeutelte Uhrenbranche fasst, die in den letzten Jahren nicht viel zu lachen hatte. Rückschläge in China, ausbleibende Touristen in Europa, starker Franken, Überkapazitäten ... All das führte nicht nur bei Richemont zu einem massiven Rückgang von Uhrenexporten und in der Folge zu Gewinneinbrüchen, Entlassungen und anderen Konsolidierungsmaßnahmen in der davor boomenden Branche. Für einige Analysten ist das Jammertal allerdings schon durchschritten. So sich die Branche in den nächsten Jahren verstärkt einiger Knackpunkte annimmt. Virulent: die Digitalisierung und Smartwatches.

    Schwindende Skepsis

    Fix ist: Am Onlinebusiness kommen selbst die konservativen Luxusfirmen nicht mehr vorbei. Auch wenn zum Beispiel TAG Heuer, Panerai oder Omega heuer schon erfolgreich Modelle ausschließlich über das Internet vertrieben haben, will man behutsam vorgehen, um sein Image nicht zu beschädigen. Man lässt sich Zeit, aber die anfängliche Skepsis schwindet zusehends.

    Auch wenn die Smartwatch, folgt man einer einschlägigen Umfrage von Deloitte, von vielen Uhrenmanagern als das geringste Risiko eingeschätzt wird, beginnt auch hier ein Umdenken – von der Bedrohung zur Chance. Letztere sah vor allem Jean-Claude Biver, Uhrenchef von LVMH. Er lancierte mit der TAG Heuer Connected die erste (Luxus-)Smartwatch. Die geht übrigens weg wie die warmen Semmeln, wie er behauptet. Louis Vuitton hat heuer nachgezogen, ebenso Montblanc. Dennoch legt Apple mit seiner gleichnamigen Watch die Latte sehr hoch – angeblich ist der iPhone-Hersteller bereits der größte Uhrenbauer der Welt. Die verkaufte Stückzahl liegt, so Schätzungen, über der von Rolex. Angeblich ... Denn weder Apple noch Rolex geben konkrete Zahlen heraus.

    Unverbrüchlicher Optimist

    Die "NZZ" jedenfalls berichtete, dass im ersten Quartal 2017 64 Prozent mehr Apple Watches ausgeliefert wurden als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Mittlerweile sei die Zahl der quartalsweise ausgelieferten Wearables (24,7 Mio. Stück) beinahe so groß wie diejenige aller exportierten Schweizer Uhren pro Jahr (25,4 Mio. Stück).

    Muss man sich auch Sorgen um den Schlaf von Nick Hayek machen? Nein. Und wenn doch, lässt er sich nichts anmerken. Der Chef der Swatch Group war auch in der Hochzeit der Krise ein unverbrüchlicher Optimist. Er weigerte sich zum Beispiel, Personal abzubauen oder Kurzarbeit einzuführen, und das, obwohl sich der Betriebsgewinn 2016 beinahe halbiert hatte. So wie es aussieht, sollte er recht behalten. Denn seit Juni läuft die Produktion bei Swatch wieder auf Hochtouren, man wächst wieder.

    Luxussparte lässt jubeln

    In den ersten sechs Monaten des Jahres stieg der Gewinn der Swatch Group gegenüber dem ersten Halbjahr 2016 um 6,8 Prozent auf 281 Mio. Schweizer Franken (243 Mio. Euro). Vor allem die Luxussparte, besonders Omega, lässt den Konzernboss jubeln. Nach Regionen seien China, Hongkong und Macao wieder im Kommen. Auch Südostasien entwickle sich gut, Europa und Japan zeigten ebenfalls Wachstum. Allerdings hapert es ein bisschen in den USA – ein Markt, der zwar als Hoffnungsträger, aber allgemein als schwierig gilt.

    Die Chancen für eine Erholung der gesamten Branche stehen gut. Hauptgrund ist das dynamische Tourismusgeschäft, auf dessen Konto mehr als ein Drittel der Luxusgüterverkäufe entfällt. Betrachtet man die Zahlen zu den rückerstatteten Mehrwertsteuerbeträgen, so haben Touristen allein im Juni weltweit neun Prozent mehr ausgegeben als im Vorjahr. Bei chinesischen Touristen ist der Konsum gar um 15 Prozent gestiegen.

    Lambert folgt Kern

    Auch Richemont hat im ersten Halbjahr kräftig zugelegt. Die offensichtlich wieder erwachte Kauflust reicher Konsumenten bescherte dem Hersteller einen Umsatzsprung von zwölf Prozent. Das Betriebsergebnis sei um rund 45 Prozent gestiegen, hieß es Ende September vonseiten des Konzerns. Unterm Strich dürfte sogar ein Plus von 80 Prozent verbleiben. Johann Rupert hat mittlerweile auch einen Nachfolger für George Kern gefunden. Den Posten übernehme der bisher für das operative Geschäft zuständige Jerome Lambert, teilte das Unternehmen mit. Dem Ex-Montblanc-Chef stehe Emmanuel Perrin zur Seite, der den Vertrieb des Uhrengeschäfts leiten soll. Herr Rupert dürfte wieder ruhiger schlummern können. (Markus Böhm, RONDO Exklusiv, 18.11.2017)

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