Eheringe: Individuelles ist gefragt

    14. Jänner 2018, 15:00
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    Kaum ein Schmuckstück ist von derart großer Symbolkraft wie der Ehering. Umso bedeutsamer ist für viele Paare die Entscheidung, welche die richtigen Ringe sind

    500 Grad, 1000 Grad, 1270 Grad: Die Temperaturanzeige des Induktionsofens bleibt stehen, die Schmelztemperatur ist erreicht. Die große Hitze ist durch die Glasscheibe zu spüren, hinter der rotglühendes Gold zu sehen ist: die Basis für jene Ringe, die sich in wenigen Wochen ein Hochzeitspaar gegenseitig an den Finger stecken wird.

    Rund jeder dritte Ehering in Österreich wird hier am südlichen Stadtrand Wiens von der Firma Nowotny gefertigt. Eine stattliche Zahl, haben sich im Jahr 2016 doch rund 45.000 Paare hierzulande einander das Jawort gegeben. Auch in Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien ist das Familienunternehmen gut im Geschäft.

    foto: skrein* – die schmuckwerkstatt
    Auch Eheringe unterliegen Trends: Immer mehr Paare wollen zum Beispiel wissen, wo das Gold für ihre Ringe herkommt.

    Trotzdem wird jeder Ring aus der "Collection Ruesch", so der Handelsname, erst nach Auftrag durch einen Juwelier produziert. "Massenfertigung laut Einzelbestellung" nennt es Cornelia Gruber-Ruesch, die den Betrieb gemeinsam mit Vater und Schwester leitet. Schließlich wolle heutzutage jeder einen möglichst individuellen Ring, ein Unikat, das sonst niemand trägt. Trotz der riesigen Auswahl von ein- bis mehrfärbig, mit oder ohne Stein, bis zu aufwendig graviert oder glatt gibt es immer wieder Änderungswünsche.

    Hier ist Beratung durch Juweliere gefragt: ein Vorteil des stationären Handels gegenüber Internetanbietern, meint Gruber-Ruesch. Denn auch wenn sich der Großteil der Kunden meist sehr gut online informiert, bestellt dürfte nur wenig werden. Schätzungen gehen von zwei bis höchstens drei Prozent aus.

    Branchengröße Feichtinger, der quer über Österreich mit Filialen vertreten ist, spricht von weniger als einem Prozent an Eheringen, die via eigenen Onlineshop verkauft würden. Und selbst internationale Größen wie Tiffany bestätigen, dass online hauptsächlich geschaut und dann ein Termin in einer Wunschboutique vereinbart wird.

    foto: hersteller
    NIcht nur beim Frühstück schön: Tiffany.

    Signal nach außen

    Ursula Neuwirth ist Goldschmiedemeisterin im 15. Bezirk und leitet einen jener Betriebe, die die Collection Ruesch vertreiben. Manche Paare würden schon eineinhalb Jahre vor der Hochzeit das erste Mal kommen, und wenn die Vorstellungen noch nicht konkret ausgereift sind, sei es wichtig, die Kunden zu beraten, was bei einem Ehering im Speziellen zu beachten ist. "Mehrfärbige Modelle sind momentan sehr gefragt, das hat aber auch Nachteile, denn verschiedene Goldarten verändern sich über die Jahre unterschiedlich.

    foto: hersteller
    Mehrfärbige Ringe aus Weiß-, Rot- und Gelbgold von Collection Ruesch.

    Mattierte Ringe werden im Laufe der Jahre glatter und polierte etwas stumpfer", so Neuwirth. Wohlüberlegt sollte auch das Ringprofil sein. Daher gibt es die originalen Ringe aus den Kollektionen bei ihr zum Anprobieren, um zu spüren, ob sich ein Modell am Finger angenehm anfühlt. Selten werde gleich beim ersten Termin bestellt, so Neuwirth. Wenn es rasch gehen muss, kann man auf Ringe zurückgreifen, die auf Lager sind – oder sie werden innerhalb von 48 Stunden in der eigenen Werkstatt gefertigt.

    Die gemeinsame Wahl von Ringen, die auch beide Ehepartner nach der Hochzeit als Zeichen der Verbundenheit tragen, erscheint in Zeiten, in denen die Ehe aus Liebe und nicht zum Zweck geschlossenen wird, normal. Doch der Ring am Finger war nicht immer ein romantisch besetztes Symbol von (hoffentlich) immerwährender Liebe, sondern signalisierte nach außen schlicht die Tatsache, dass Frauen nun nicht mehr für andere Männer verfügbar und damit gebunden waren.

    Dass Männer Eheringe tragen, war lange Zeit unüblich, auch wenn das christliche Hochzeitsritual schon seit dem Mittelalter den Ringtausch kennt. In Großbritannien wurde es überhaupt erst seit dem Zweiten Weltkrieg populärer, dass Männer Eheringe tragen. Die Tatsache, dass Prinz William ohne Ring auftritt, wäre dort vor einigen Jahrzehnten keine Diskussion in den Medien wert gewesen.

    Schwere Entscheidung

    Heute ist das Tragen des Ringes von beiden Partnern stark symbolbehaftet. Das macht die Wahl des richtigen Modells umso schwerer. "Die Entscheidung, welchen Ehering man wählt, ist eigentlich viel komplexer als bei einem anderen Schmuckstück", meint Katja Haschka-Seitner, in deren Schmuckwerkstatt Paare kommen, die individuelle, maßgefertigte Ringe suchen.

    Sie rät wegen der besseren Haltbarkeit ebenfalls zu Schlichtem: "Alles mit Steinbesatz ist natürlich nett und wird auch gerne genommen. Aber ich finde einen schlichten Ehering und einen Vorsteckring, den man auf Reisen abnehmen kann, praktisch. Natürlich ist ein besonderes Detail, ein Ringpaar, das sich ergänzt, etwas Schönes."

    foto: hersteller
    Mit Fingerabdruck aus der Wiener Schmuckwerkstatt Seitner.

    Beliebt sind Ringe, in die der Fingerabdruck des Partners außen eingearbeitet ist. Das erfordert zwar mehrere Atelierbesuche, aber dafür hat man immer ein bisschen was von seinem Herzensmenschen dabei.

    Für Leute, die das wörtlich nehmen wollen, bietet die oberösterreichische Firma Mevisto eine besondere Art von Ringen an: Aus zehn Gramm Haaren des Partners werden personalisierte Rubine oder Saphire gefertigt, die im Ring integriert werden.

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    Haare vom Liebsten im Edelstein sind im Ring von Mevisto integriert.

    Das Minimum an Individualität ist die Gravur: Vorname und Hochzeitsdatum gelten als Standard. Doch der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt. "Wir müssen schon manchmal schmunzeln", erzählt Cornelia Gruber-Ruesch und zeigt einen dicken Ordner mit Motiven, von Herz bis Hund, die gescannt und via computergesteuerten Laser in Ringe gebrannt wurden.

    Trends

    Das beliebteste Material für Eheringe ist nach wie vor Gold. Weiß- und Roségold werden derzeit verstärkt nachgefragt, bei Feichtinger macht Weißgold gar einen Anteil von 50 Prozent aus. Für immer mehr Paare ist die Herkunft des verarbeiteten Goldes ein großes Thema. Der Wiener Juwelier Alexander Skrein gilt als einer der Vorreiter auf diesem Gebiet, er betreibt die Seite faire-eheringe.at und wirbt offensiv mit dem Thema "Faires Gold".

    Gold, das in Skreins Schmuckwerkstatt zu individuell gefertigten Ringen verarbeitet wird, stammt entweder aus Recycling oder aus zertifiziertem Minenabbau und entspricht den Richtlinien der Initiative Association for fair and responsible Gold.

    Auf die Verwendung von Recyclinggold setzt auch die Collection Ruesch seit Jahrzehnten, und seit 2016 wird eine eigene Fair-Trade-Kollektion bei ausgewählten Juwelieren angeboten. Mit dem so gehandelten Gold, das das Fair-Trade-Siegel trägt, werden Minen unterstützt, die nach Fair-Trade-Regeln arbeiten.

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    Weißgold-Ringe aus der "Love"-Kollektion von Cartier.

    Konstantes Geschäft

    Für die Branche ist das Geschäft mit der Hochzeit wichtig und konstant. Oft markiert es den Beginn einer Kundenbeziehung, die auf Folgebesuche hoffen lässt. Vom Verlobungsring ausgehend, werden Eheringe, Morgengaben oder eine Uhr gekauft. Die Tatsache, dass Ehen auch wieder geschieden werden, ist für den Schmuckhandel ebenfalls kein Nachteil: Wird erneut geheiratet, ist die Kaufkraft meist höher als in jungen Jahren und man greift zu teureren Stücken.

    Bei Ursula Neuwirth sind auch Eheringe bei lang verheirateten Paaren ein Thema. Die alten Ringe seien dann schon so dünn, dass man sich anlässlich eines Jubiläums ein neues, hochwertigeres Paar Ringe gönnt.

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    Kantig: Eheringe aus Palladium und Weißgold vom Wiener Label Katie G.

    Wird nach Zahlen gefragt, gibt man sich in der Branche zurückhaltend. Zu unterschiedlich hoch ist der Anteil der Eheringe am Gesamtgeschäft. Auch Innungsmeister Wolfgang Hufnagl kann dies nicht beziffern. Für ihn ist der Trend, dass immer mehr Paare ihre Ringe individuell fertigen lassen, wesentlich für die Goldschmiedebranche.

    Und was ist mit Ringen, die nicht mehr getragen werden? Im Fall von Scheidungen meist wenig, manche lassen sich vom Gegenwert des Goldes ein neues Schmuckstück machen, oft bleibt der Ring aber einfach in der Lade liegen oder wird rituell "entsorgt", wie in diversen Foren zu lesen ist.

    Anders ist das bei Todesfällen, hier kommt es durchaus vor, dass sich Witwen einen Anhänger aus dem Ehering des Partners machen lassen, erzählt Goldschmiedin Neuwirth. Auf ewig dein, dann eben an einer Kette. (Petra Eder, RONDO exklusiv, 14.1.2018)

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