"Universum"-Chef: "Mit den Augen des Geparden jagen"

    Interview7. November 2017, 11:00
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    Ab Dienstag glänzt der Brahmaputra auf ORF 2. Andrew Solomon über Sprecherinnentabu, Anfütterungsverbote und Drohnen

    STANDARD: Im Moment schielen Naturfilm-Liebhaber nach Großbritannien. David Attenborough setzt mit "Blue Planet II" neue Maßstäbe. Sind Sie neidisch?

    Solomon: Ich bin ein bisschen neidisch auf die BBC, die 22 bis 34 Millionen Euro für so eine Reihe lockermachen kann. Aber ich kann sagen, das ist eine schöne Herausforderung für uns, weil wir diese ganz großen Summen nicht haben. Das spornt uns an, andere Lösungen zu finden.

    STANDARD: Was schauen Sie sich von "Blue Planet II" ab?

    Solomon: Vor allem geht es um die Erwartungen der Zuschauer. Die wachsen sehr schnell. Ein gutes Beispiel sind Drohnen, die es noch vor vier Jahren kaum gab. Wenn man heute eine Tierdoku ohne Drohnenaufnahmen sieht, kann es sein, dass man sich übers Ohr gehaut fühlt. Wo sind die schönen Luftaufnahmen? Die Technik entwickelt sich rasant, und das hat Auswirkungen. Vergangenes Jahr gab es "Planet Earth II" mit einer Szene mit einem Schneeleoparden. Vor fünf Jahren galt es als unglaublich schwierig, einen Schneeleoparden zu filmen. In diesem Fall haben die Filmer eine Vielzahl an 4K-Kameras eingebaut, wo sie wussten, dieses sehr scheue Tier würde mit seinen Jungen erscheinen. Weil die kleinen und extrem feinen Kameras nicht mehr so teuer sind, kann man sie wochenlang am Ort belassen.

    STANDARD: Wo gab es die größten technischen Sprünge in der Naturfilmerei?

    Solomon: Low-Light-Kameras können in der Dunkelheit sehr viel bessere Aufnahmen machen als früher. Weiters gibt es Zeitraffer, bei denen sich die Kamera bewegt, das kennt man seit zwei, drei Jahren. Die winzigen Kameras sind mittlerweile sehr leicht stabilisierbar. Das heißt, man kann sie viel bewegen, und trotzdem bleibt das Gestell stabil. So haben wir zum Beispiel gefilmt, wie Schimpansen sich Zähne putzen oder wie ein Seehund beim Tauchen Haien aus dem Weg geht. Das hat man so noch nie gesehen. Man braucht nicht mehr die langen Schienen für die Beweglichkeit und kann dadurch eine viel größere Dramatik erreichen, weil man Szenen aus verschiedenen Blickwinkeln filmt. Neuerdings hängt man Kameras um den Hals von Tieren, da kann man zum Beispiel mit den Augen eines Geparden Antilopen jagen. Es ist eine neue Perspektive, und dadurch lernen wir die Tierwelt neu zu verstehen.

    foto: orf/pre tv/kalyan varma

    STANDARD: Gibt es ein Anfütterungsverbot bei Naturfilmen?

    Solomon: Es gibt Regeln, die sind in den letzten 30 Jahren strenger geworden. Das ist faszinierend, denn es ist so ähnlich wie bei den Menschen. Wir sorgen uns um die Tiere mehr als früher. Schon seit 20 Jahren ist es eine feste Regel: Man darf kein Tier mit Rückgrat einem anderen Tier mit Rückgrat zu fressen zu geben.

    STANDARD: Das heißt, eine Fliege für die Echse ist noch okay?

    Solomon: Ja, ich denke schon. Aber wer weiß, was kommt. Zum Beispiel soll man vermeiden, ein Tier in eine Situation zu versetzen, in der es etwas tut, das es in natürlicher Umgebung nie tun würde.

    foto: orf/pre tv/kalyan varma

    STANDARD: Am Dienstag startet der Dreiteiler "Brahmaputra". Was macht den Fluss so besonders?

    Solomon: Erstens hat es noch nie einen Film über den Brahmaputra gegeben, zweitens ist das wirklich ein einzigartiger Fluss. Es ist der einzige, der durch alle Klimazonen der Welt fließt. Man kann an ihm geologisch sehen, wie sich die Welt entwickelt hat. Man hat einen Klimazyklus, der eine Milliarde Menschen beeinflusst, und er ist ein Motor des Monsuns. Ohne diesen Fluss wäre der Monsun weniger effektiv. Der Film erzählt auch die Geschichte der Menschheit. Wir fangen bei den Nomaden an, danach kommt die sesshafte Agrarkultur, wir sehen, wie Stämme mit dem Fluss leben. Da gibt es wunderbare Tänze und Rituale, eine Froschhochzeit zum Beispiel, damit der Monsun kommt. Am Anfang des dritten Teils sehen wir Fischer in Bangladesch, die mit Delfinen und Ottern fischen. In der Schlucht von Yarlung Tsangpo – der tiefsten und längsten der Welt – ist in der Tat noch nie gefilmt worden. Da durfte auch unser Team nicht hin, sondern es filmten Leute aus China. In "Brahmaputra" geht es um die Entstehung der Welt, um den kolossalen Klimazyklus und das Verhältnis von Land, Tier und Mensch.

    STANDARD: Der ORF bastelt am Programm für ORF 1. Ist "Universum" auch involviert?

    Solomon: Man hat uns gebeten, Vorschläge zu machen.

    foto: orf/pre tv/kalyan varma

    STANDARD: Otto Clemens als Sprecher ist für die großen Dokumentationen offenbar alternativlos. Er ist mittlerweile 71, was, wenn er nicht mehr will?

    Solomon: Wir arbeiten seit fünf, sechs Jahren nicht exklusiv mit Otto Clemens. Wir arbeiten extrem gerne mit ihm, weil er unersetzlich ist. Otto Clemens ist super, er vertritt die Marke. Es ist ein aktives Anliegen von uns, weitere hervorragende Sprecher für "Universum" zu finden und mit ihnen zu arbeiten. Dabei denken wir auch an Sprecherinnen.

    STANDARD: Die Frauenquote ist im Moment noch eher katastrophal. Woran liegt es?

    Solomon: Es gibt Menschen, die meinen, dass eine weibliche Stimme schlecht für die Quote ist. Ich gehöre nicht zu ihnen. In unseren internationalen Fassungen haben wir sehr regelmäßig weibliche Stimmen dabei, wir mögen das. Ich sehe keinen Grund, dass es auf Deutsch nicht auch so sein soll. (Doris Priesching, 7.11.2017)

    Andrew Solomon (62) leitet seit sechs Jahren "Universum". Klaus Feichtenberger, Jeremy Hogarth und Heinz Leger liefern ab Dienstag im ORF-"Universum" ab 20.15 Uhr Hochglanzbilder vom Brahmaputra.

    • ORF-"Universum"-Chef Andrew Solomon.
      foto: orf/roman zach-kiesling

      ORF-"Universum"-Chef Andrew Solomon.

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