Tote Psychiatriepatienten in Südafrika: Ministerin versteckt sich

6. November 2017, 07:57
27 Postings

141 Menschen sollen verstorben sein, nachdem sie in unzureichend ausgestattete Unterkünfte verlegt worden sind

Pretoria – Eigentlich sollen in Südafrika Anhörungen vor einer speziellen Kommission zu den Todesfällen in Hilfseinrichtungen für psychisch Kranke mehr Licht in die mysteriösen Ereignisse des vergangenen Jahres liefern. Doch für die Angehörigen von 141 toten Patienten gibt es außer schmerzhaften Erinnerungen bisher keine Aufklärung der Umstände, die in den Kliniken zum schnellen Tod geführt haben. Der Grund für das Ausbleiben der notwendigen Erkenntnisse: Die Verantwortlichen mauern.

Eine besondere Rolle spielt dabei Qedani Mahlangu, Gesundheitsministerin der Provinz Gauteng. Sie hält sich in Großbritannien auf und behauptet, dort zu studieren. Anstehende Examen verhinderten ihre Rückreise, teilte sie mit. Der dem Gremium vorsitzende Richter Dikgang Moseneke versprach den Familien der verstorbenen Patienten, die Anhörungen erst dann zu beenden, wenn Mahlangu und zwei weitere Mitverantwortliche vor der Kommission erschienen seien.

Keine Prüfungen an Universität

Allerdings stehen laut Medienberichten an der Londoner Wirtschaftsuniversität gar keine Prüfungen an. Eine Gruppe von Aktivisten demonstrierte letzte Woche vor der Universität, um Druck für die Rückreise der Studentin Mahlangu auszuüben. Südafrikas Regierungspartei, der Afrikanische Nationalkongress (ANC), erklärte, sie habe im Juli um Beurlaubung für Studienzwecke gebeten. Nun soll Mahlangu per Gerichtsbeschluss vorgeladen werden.

Im vergangenen Februar war der Tod von 94 psychisch kranken Menschen in mangelnder Obhut in einem Bericht des Ombudsmannes der Gesundheitsbehörde bekannt geworden. Damals war Gesundheitsministerin Mahlangu unter dem politischen Druck zurückgetreten: Sie hatte den negativen Bericht etwa einen Monat zurückgehalten. Auf ihre Anweisungen waren im Vorjahr 1712 Patienten in unterversorgte, schlecht ausgestattete und nicht als Hilfseinrichtungen registrierte Unterkünfte verlegt worden. Man hatte den Familien erzählt, es mangele an Geld für die Behandlung. Einige Unterkünfte hatten weder Wasser noch Medikamente. Noch nicht einmal eine Heizung im Winter.

"Wie Schafe zum Schlachter"

Bei den Anhörungen der vergangenen drei Wochen berichteten Angehörige, dass Patienten auf Ladewagen wie "Schafe zum Schlachter" transportierten worden sind. Einige seien verhungert, andere starben an Herzinfarkten, epileptischen Anfällen sowie Dehydration.

Aussagen einer Heimeigentümerin gaben in der Vorwoche einen schockierenden Einblick in die ignorante Handhabung der Pflege: Dorothy Franks, Leiterin der Einrichtung Anchor Home, gab zu, keine Erfahrung und Fähigkeiten zu besitzen, um sich um psychisch Kranke zu kümmern. Dennoch nahm sie 70 Patienten auf, obwohl sie laut ihrer Lizenz auch nur Patienten unter 18 Jahre pflegen durfte.

Verdacht gegen Premier

Sie sagte aus, sie habe Anweisungen von der Gesundheitsbehörde in Gauteng annehmen müssen, darunter von Qedani Mahlangu sowie dem suspendierten Direktor des Fachbeirates für psychisch Kranke, Makgabo Manamela. Auch gibt es Anschuldigungen gegen den Premier von Gauteng, David Makhura, dass er von den Patiententransporten gewusst haben soll.

"Die Verwandten der verstorbenen Patienten sind sich alle einig, dass Mahlangu zurückkommen und aussagen muss", sagt Jack Bloom, Schattenminister für Gesundheit bei der Oppositionspartei Demokratische Allianz, die sich auch für eine Vorladung einsetzt. "Ihre letzten Wünsche sollten respektiert werden. Sie werden keinen Abschluss finden, wenn sie nicht die volle Wahrheit von der Person gehört haben, die für diese große menschliche Tragödie verantwortlich ist." (Martina Schwikowski aus Pretoria, 6.11.2017)

Share if you care.