Listenzehnte Maria Stern zur Causa Pilz: "Betroffene Männer sollen ihn als Vorbild sehen"

Interview5. November 2017, 12:36
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Die Ex-Sprecherin des Frauenvolksbegehrens steht weiterhin zu Peter Pilz als Politiker – die Vorwürfe wegen sexueller Belästigung waren ihr im Wahlkampf aber nicht bekannt

STANDARD: Als Obfrau des Forums Kindesunterhalt und ehemalige Sprecherin des Frauenvolksbegehrens kandidierten Sie bei der Nationalratswahl für die Liste Pilz, verpassten aber den Einzug in den Nationalrat. Stehen Sie angesichts der Vorwürfe wegen sexueller Belästigung weiterhin zu Parteigründer Peter Pilz?

Stern: Ich stehe nach wie vor zu dem Politiker Peter Pilz und bedaure sehr, dass seine wichtige, jahrzehntelange Arbeit im Parlament nun ein Ende gefunden hat. Der Zeitpunkt ist, in Hinblick auf eine mögliche schwarzblaue Koalition, denkbar schlecht. Sexuelle Belästigung ist jedoch ein schwerwiegendes gesellschaftliches Problem, dem wir uns, ermutigt durch die Bewegung #metoo, endlich stellen müssen. Ich wünsche mir, dass im Zuge des Rücktritts von Peter Pilz von seinem Mandat viele Frauen, die von prominenten Männern aus Politik, Wirtschaft, Kunst etc. belästigt wurden, jetzt den Mut fassen, Tacheles zu reden und dass die betroffenen Männer Peter Pilz als Vorbild sehen und die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Dann könnten wir uns wahrscheinlich die Frage nach der Quote im Parlament und in Aufsichtsräten sparen und das wäre, vom frauenpolitischen Standpunkt, ein Meilenstein.

STANDARD: Waren Ihnen die Vorwürfe der grünen Klubmitarbeiterin gegen Pilz schon im Wahlkampf bekannt?

Stern: Mir waren die Vorwürfe nicht bekannt.

STANDARD: Hätten Sie für die Liste Pilz kandidiert, wenn Sie davon gewusst hätten?

Stern: Wenn der Sachverhalt damals objektiv aufgearbeitet worden wäre und es hätte sich herausgestellt, dass sich Peter Pilz verschuldigte, wäre es nicht zur Gründung der Liste Pilz gekommen.

STANDARD: Ihr Rat als Frauenrechtlerin an Frauen, die sich am Arbeitsplatz sexuell belästigt fühlen?

Stern: Es ist wichtig, sich zu wehren. Möglichst zeitnah.

STANDARD: Die Grünen durften auf Wunsch des mutmaßlichen Opfers im grünen Klub nicht an die Öffentlichkeit gehen, umgekehrt sagt Pilz, er konnte sich rechtlich nicht dagegen wehren, weil er nichts Schriftliches in der Hand hatte. Sollte beim Opferschutz etwas geändert werden – oder braucht es umgekehrt Änderungen für Männer, die sich diskreditiert fühlen?

Stern: Dass Peter Pilz das Schreiben mit den Vorwürfen nicht gezeigt wurde, bewerte ich als Versäumnis des grünen Klubs. Der Fall hätte schon vor zwei Jahren an die Gleichbehandlungskommission übergeben werden müssen, die, im Gegensatz zur Gleichbehandlungsanwaltschaft, zur objektiven Überprüfung des Sachverhaltes verpflichtet ist (auch dafür hätte es die Zustimmung des mutmaßlichen Belästigungsopfers bedurft, Anm. d. Red.). Generell befürworte ich einen Paradigmenwechsel in der öffentlichen Diskussion. Sexuelle Belästigung, sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen sind keine Frauenthemen, sondern auch und speziell Männerthemen. Das gilt auch für das Delikt der häuslichen Gewalt. Wenn es uns gelingt, diese täglich begangenen Menschenrechtsverletzungen auch als Männerproblem zu definieren und Männerberatungsstellen und Anti-Gewalt-Trainings (finanziert vom Innenministerium) flächendeckend auszubauen, wäre das ein vernünftiger Schritt. (Nina Weißensteiner, 5.11.2017)

Anmerkung der Redaktion: Die Fragen mussten schriftlich vorgelegt werden – und auch ihre Beantwortung erfolgte schriftlich.

Maria Stern, 1972 in Berlin geboren, kandidierte auf dem zehnten Listenplatz der Liste Pilz. Die ehemalige Sprecherin des Frauenvolksbegehrens hat sich im Wahlkampf für eine Unterhaltsgarantie für alleinerziehende Frauen starkgemacht und ein entsprechendes Konzept ausgearbeitet. Pilz konnte damit im Wahlkampf punkten, als er bei einer Puls-4-Diskussion der Spitzenkandidaten auf seinen Vorschlag hin alle einer solchen Unterhaltsgarantie zustimmten. Ein Parlamentsbeschluss kam schließlich nicht zustande.

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    foto: regine hendrich

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