APA-Chef denkt weit über die Schweiz hinaus: "Hebel Technologie"

4. November 2017, 11:00
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APA-Geschäftsführer Clemens Pig über den Einstieg in der Schweiz, Pläne für Deutschland und darüber hinaus

Wien – APA-Vorstand Clemens Pig will nach dem Einstieg bei der Schweizer Nachrichtenagentur sda auch in Deutschland noch aktiver werden. Österreichischen Medien könnte die APA nach der gemeinsamen Videoplattform auch eine für Onlinewerbung organisieren.

STANDARD: Was kann die APA, was die sda nicht kann? Was können die Österreicher als nunmehr größte Aktionäre der nationalen Schweizer Nachrichtenagentur beitragen?

Pig: Der Umsatz der APA IT ist mittlerweile etwa so groß wie der Umsatz des Kernbereichs, der APA-Redaktion. Das ist ein eher untypisches Bild für eine Nachrichtenagentur. Im Kern bringen wir diese Technologiekompetenz in diese neue Beteiligungsstruktur ein. Redaktionelle Zusammenarbeit war nie das Thema. Und wir wollen auch unsere Kompetenz in der Führung von Nachrichtenagenturen einbringen.

STANDARD: Bleiben wir noch bei der Technologie: Was kann die APA da und möglicherweise anderswo – möglichst konkret – beisteuern?

Pig: Zum Beispiel ein multimediales Redaktionssystem für Nachrichtenagenturen. Konkret für Keystone sda ein Rechenzentrumsbetrieb. Das kann bis zur kompletten Auslagerung der IT-Infrastruktur gehen. Für Medienkunden zudem Videotechnologie, Live-Streaming, Apps, Kiosklösungen bis hin zu neuen Artificial-Intelligence-Lösungen, die die APA bereits im Einsatz hat. Stichwort Trending Topics – für Medien ist hoch relevant, welche Themen gerade im Web und in Social Media diskutiert werden. Und mit der Neugründung des APA Medialab haben wir genau an der Schnittstelle Redaktion zu Technologie einen sehr zukunftsorientierten Weg für Innovation im Unternehmen. Keystone sda wird in den Entwicklungsboards vertreten sein.

STANDARD: Wen schickt die APA als nunmehr größter Aktionär der sda in den Verwaltungsrat, ein sehr operatives Aufsichtsorgan?

Pig: Ich war schon bisher Verwaltungsratspräsident der Keystone, wir bringen also von der für Österreicher in der Schweiz nötigen Swissness schon ein paar Jahre Erfahrung mit, Mit mir wird meine APA-Geschäftsführungskollegin Karin Thiller im Verwaltungsrat der fusionierten Keystone sda vertreten sein.

STANDARD: Und wieder Verwaltungsratspräsident?

Pig: Wir haben uns mit den Schweizer Kollegen verständigt, dass wir auch im Präsidium des Verwaltungsrats vertreten sein werden.. Aber die Schweizer Nachrichtenagentur soll eine Präsidentin oder einen Präsidenten aus einem originären Schweizer Medienhaus haben.

STANDARD: In der Schweiz soll’s doch gewisse Vorurteile gegenüber Österreichern geben.

Pig: Diese Kooperation war nur möglich, weil wir in den letzten zehn Jahren gemeinsam mit der sda die Keystone als Eigentümer geführt haben. Da hat sich über die Jahre eine Vertrauensbasis aufgebaut.

STANDARD: Die sda-Beteiligung ist der wohl größte Expansionsschritt in der Geschichte der APA. Die Erklärungen dazu klangen nach: Aber nicht der letzte Schritt. Wie geht die Internationalisierung weiter?

Pig: Die Verträge sind vorigen Montag unterzeichnet worden. Aber noch steht die Genehmigung der Fusionsbehörden aus und die Beschlüsse in Generalversammlungen der Keystone und der sda. Und dann beginnt erst der eigentliche operative Teil: Strukturen anpassen, IT-Kooperationen angehen. 2018 liegt hier der Schwerpunkt. Die Internationalisierungsstrategie der APA hat weiter den Fokus auf den deutschsprachigen Raum.

STANDARD: Nächster Schritt: Deutschland.

Pig: Fakt ist: Diese Beteiligung und Kooperation mit der sda bietet eine gute Ausgangslage, um mit unserem starken Partner dpa zu schauen, welche Schritte man im Thema Technologie gehen kann.

STANDARD: Eine gemeinsame Tochter, die dpa digital services, gibt es ja schon.

Pig: Die konzentriert sich derzeit auf das Thema E-Paper-Apps für Medien. Wir bedienen da derzeit 100 Publikationen in Deutschland mit Technologie aus Österreich. Wir sind da an einem Punkt, das weiterzuentwickeln.

STANDARD: Die dpa leitet ja ihr APA-Vorgänger Peter Kropsch. Haben Sie mit dem eine solche Weiterentwicklung schon ausgemacht?

Pig: Wir fragen uns in den Gesellschafterversammlungen der dpa digital services laufend, wie man die Gesellschaft weiterentwickeln kann. Die APA wünscht sich natürlich, diese Kooperationen zu verstärken.

STANDARD: Und über Österreich, Schweiz, Deutschland hinaus schauen Sie erst gar nicht?

Pig: Für Schweiz und Deutschland, aber noch viel mehr für außerhalb des deutschsprachigen Raums gilt: Wir wollen keine Vertriebsbüros im Ausland aufbauen, sondern im Regelfall mit den jeweils führenden nationalen Nachrichtenagenturen insbesondere im Technologiebereich zusammenarbeiten – in Kooperationen, Joint Ventures oder sogar auf gesellschaftsrechtlicher Ebene mit Beteiligungen wie der sda.

STANDARD: Aber die APA wird in den nächsten 10 oder 20 Jahren nicht an 30 Agenturen beteiligt sein?

Pig: Nein, da konzentrieren wir uns klar auf Deutschland, Österreich, Schweiz. Nicht jede Agentur wird selbst alles entwickeln, wir werden da auch international mehr in den Austausch treten, das aber eher in Form von Dienstleistungs- oder Lizenzmodellen. Technologie ist da ein starker Hebel, auch für die Erschließung von Drittmärkten. Wir liefern jetzt schon Technologie nach Frankreich und an deutsche Medienunternehmen. Die Fragen sind international die gleichen, und so sind die Antworten sehr ähnlich im Bereich Technologie. Darauf wird 2018 bis 2020 unser strategischer Fokus liegen. Wir kennen die Anforderungen von Redaktionen und Medien und können die entsprechende Newstech dafür zur Verfügung stellen.

STANDARD: Ist es denkbar, dass sich die APA an der dpa beteiligt?

Pig: Nein, das ist keine Überlegung. Viel konkreter ist die Frage: Wie bauen wir die gemeinsame Tochter deutlich weiter aus? Da bin ich sehr zuversichtlich. Die dpa hat ja selbst Technologieprodukte. Wir haben da mit Videotechnologieservices aus Österreich begonnen. Da gibt es viele Möglichkeiten.

STANDARD: Und dass die dpa bei der APA einsteigt?

Pig: Nein, auch dazu gibt es keine Überlegungen.

STANDARD: Ist das Engagement bei der sda für die bestehende Organsation der APA nicht eine zusätzliche Herausforderung?

Pig: Jeder neuer Großauftrag ist eine Herausforderung an die Organisation. Also muss man gründlich nachdenken, wie man das intelligent aufsetzen kann. Aber im Grunde bedeutet die Kooperation: Was die APA-IT derzeit im Portfolio hat, und wo sie sich im Rahmen von Forschung und Entwicklungsarbeit hinentwickelt, darauf kann die Keystone sda zugreifen. Wie alle Technologieanbieter stehen wir da aber vor der Frage: Wie können wir die Talente ans Unternehmen binden und wie kann man neue gewinnen?

STANDARD: Die Online-Videoplattform der APA mit ORF und Österreichs Zeitungen soll sich für die APA mit Ende 2017, nach dem ersten Jahr einmal ausgeglichen darstellen und den Medien Geld bringen. Zufrieden mit der Entwicklung?

Pig: Das große Kunststück war schon, dass eine solche Plattform für den Austausch zwischen allen professionellen Medienanbietern gelingt – unternehmenspolitisch, wettbewerbsrechtlich. Jetzt geht es darum, dass die Contentprovider möglichst viele Inhalte einstellen, vor allem aber darum, dass die Inventarprovider diese Inhalte auch selbstverständlich einbinden. Ich habe erwartet, dass das schon zwei Jahre dauern wird. Im Oktober haben wir nun mehr als eine Million Video-Abrufe geschafft. Ich denke, das ist auch für die Werbewirtschaft eine wichtige psychologische Marke.

STANDARD: Videoinhalte vor allem des ORF.

Pig: Wichtig war, dass der ORF von Beginn weg dabei war. Wichtig war aber auch, dass das als offene Plattform konzipiert ist. In den vergangenen Wochen ist es gelungen, mit Puls 4 und Servus TV Privatanbieter und mit heute.at eine Onlineplattform abseits der Genossenschaftermedien zu gewinnen. Das sind zentrale Indikatoren um zu sagen: Ja, die Plattform greift jetzt.

STANDARD: Der ORF, größter APA-Genossenschafter, versucht eine gemeinsame Online-Vermarktung österreichischer Medien auf die Beine zu stellen, Arbeitstitel Austria Marketplace. Die gemeinsame Videoplattform haben die Wettbewerbsbehörden erst akzeptiert, als die APA als gemeinsame Basis ins Spiel kam. Und die hat schon eine Vermarktungskomponente. Würde sich die APA also nicht auch als Vehikel für diesen österreichischen Werbe-Marktplatz anbieten?

Pig: Die Rolle einer innovativen Nachrichtenagentur liegt genau darin, solche Modelle zu ermöglichen. Die Videoplattform hat gezeigt, dass man da wettbewerbsrechtlich, in der Finanzierung und sehr zügig und ordentlich solche Projekte abwickeln kann. Das ist mit Sicherheit eine Option, diese Videoplattform als Blaupause für weitere Operationen zu verwenden. Der Grundauftrag unserer Nachrichtenagentur lautet nach wie vor: Dienstleistungen für Medien zu erbringen, die für einzelne zu aufwendig sind.

STANDARD: Zwei Tageszeitungen fehlen unter den Genossenschaftern der APA – Heute, das 2014 auch den Text-Basisdienst unter Protest gegen ein neues Tarifmodell abbestellt hat, und die Krone. Wie stehen die Chancen, die beiden Dichand-Zeitungen an Bord zu holen? Mit den Heute-Miteigentümern Tamedia sitzen Sie ja nun im Verwaltungsrat der Keystone sda.

Pig: Heute ist APA-Kunde, beispielsweise beim Bezug von Bildern, Multimedia-Produkten zur Wahl, bei der Austria Videoplattform. Die Krone ist ein großer Kunde, und krone.at bezieht den Basisdienst. Jede Geschäftsführung der APA muss interessiert sein, die publizistische Breite des Landes zumindest beim Bezug des Basisdienstes unter Vertrag zu haben. Ich denke, durch die Konvergenz und die Integration von Newsrooms wird die Notwendigkeit nach Realtime-Agenturberichterstattung eher größer als geringer. Insbesondere auch im Visuellen bis hin zum Livevideobereich der APA. Ich bin da durchaus zuversichtlich, dass etwa Heute den Basisdienst wieder bezieht.

STANDARD: Klingt ja schon nach Unterschriftsreife. Ein anderer APA-Vertrag steht demnächst zur Verlängerung an: Jener von APA-Chefredakteur Michael Lang.

Pig: Wann welcher Vertrag zur Verlängerung ansteht, lässt sich relativ leicht nachrechnen. Wir haben uns in den vergangenen Monaten sehr intensiv mit der Schweiz-Beteiligung beschäftigt. Und die Bestellung der APA-Geschäftsführung wie der APA-Chefredaktion ist ausschließlich Angelegenheit der Eigentümerversammlung.

STANDARD: In den nächsten Tagen eröffnet die APA ein Pressezentrum – machen sie jetzt dem Presseclub Concordia und dem Landtmann Konkurrenz?

Pig: Das ist auch eine Location für Pressekonferenzen. Aber ein Ort für digitale Kommunikation, mit Livestreamingmöglichkeiten, Auftragsvideo, Auftragsfoto, allen Verbreitungsmöglichkeiten. Das wird ein Gesamtpackage bis zur Realtime-Medienbeobachtung. Es macht Sinn, in einer zunehmend digitalen Welt physische Räume zu schaffen, wo man sich aufgehoben fühlt und alles aus einer Hand beziehen kann.

STANDARD: Heimat APA?

Pig: Kommunikationsraum APA.

(Harald Fidler, 4.11.2017)

Clemens Pig (43) ist seit Mitte 2016 Vorsitzender der APA-Geschäftsführung und Vorstand der APA. Als Student der Politikwissenschaft in Innsbruck gründete er in den 1990ern die Medienbeobachtung Mediawatch mit. Die APA übernahm Mediawatch 2008 (heute Teil von APAdeFacto), Pig wechselte damals ins APA-Management.

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  • APA-Geschäftsführer Clemens Pig, hier bei den Österreichischen Medientagen im September 2017.
    foto: apa/georg hochmuth

    APA-Geschäftsführer Clemens Pig, hier bei den Österreichischen Medientagen im September 2017.

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