Heil! Burschenschafter verhandeln unsere Zukunft

Kolumne3. November 2017, 15:21
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Die schlagenden Burschenschafter haben in der FPÖ eine "Stille Machtergreifung" durchgeführt

Wer kennt den FPÖ-Abgeordneten Axel Kassegger? Kaum einer außerhalb der FPÖ. Aber man wird ihn wohl kennenlernen. Der Mann ist in einer Untergruppe im FP-Koalitionsverhandlungsteam und leitet dort das Thema "Zukunft" ("Wissenschaft, Bildung, Umwelt"). Er ist Mitglied der Burschenschaft Germania Graz.

Was er sich unter Zukunft vorstellt, bewies er 2015 mit einem Festvortrag, der vor rechten Verschwörungstheorien nur so strotzt: Uno, Weltbank, IWF, EU, Euro, ESM, Nato, NSA, die Vertreter der "Neuen Weltordnung" (Kassegger) wollen alle die "Alte Ordnung" (=isolierte Nationalstaaten) zerstören. Kassegger schloss mit einem donnernden "Heil Deutsche Burschenschaft!".

Ein solcher Retro-Rechter verhandelt Österreichs Zukunft? Passt aber, denn das ganze Verhandlungsteam der FPÖ ist von deutschnationalen, ultrarechten Verbindungsmitgliedern durchsetzt (viel mehr als bei der ersten schwarz-blauen Koalition). H.-C. Strache (Vandalia). Norbert Hofer (Germania Pinkafeld). Norbert Nemeth (Olympia). Anneliese Kitzmüller (Mädelschaft Iduna). Nur Herbert Kickl ist burschenschaftslos.

Die schlagenden Burschenschafter haben in der FPÖ eine Stille Machtergreifung (Hans Henning-Scharsach, Kremayr & Scheriau) durchgeführt. Fünf von sechs im Bundesvorstand sind Burschenschafter. 20 von 51 Nationalratsabgeordneten. Und nun eben das Koalitionsverhandlungsteam. Norbert Nemeth, Direktor des FP-Parlamentsklubs, ist Mitglied bei der extrem rechten Olympia. Als junger Olympe verglich er das NS-Verbotsgesetz mit den "Nürnberger Rassengesetzen" der Nazis und setzte sich für den Neonazi Gottfried Küssel ein.

Oder: Der NR-Abgeordnete Harald Stefan ist ebenfalls Mitglied der Olympia, in deren Festschrift er den "Kampf gegen die österreichische Nation" rühmte. 2008 sagte er im ORF "Ich fühle mich als Deutscher". Er verhandelt jetzt die Untergruppe "Medien, Justiz, Kunst und Kultur, Verfassung, Europa- und Außenpolitik, Integration". Europapolitik wird von einem Deutschnationalen ausgehandelt? Sagte nicht Sebastian Kurz was von "proeuropäischer Haltung" als Voraussetzung für eine Koalitionsregierung?

Oder: NR-Abgeordneter Wolfgang Zanger, Corps Austria, findet, der Nationalsozialismus habe auch gute Seiten gehabt. Er verhandelt "Verfassung". Oder: Anneliese Kitzmüller ist Mitglied in der Mädelschaft Iduna Linz und hat starke Verbindungen zum völkisch-deutschnationalen Milieu. Oder: Außenpolitik verhandelt Johannes Gudenus, Mitglied der sehr rechten Vandalia Wien, der 2015 in Belgrad Putin als Vorbild für die Politiker Europas lobte. Oder: Walter Rosenkranz, Untergruppe "Sicherheit, Ordnung, Heimatschutz, Innere Sicherheit und Heimatschutz", ist Mitglied der Libertas, die Preise an Neonazis verlieh.

"Nicht alle Burschenschafter sind außen blau und innen braun, aber viele Landsleute, die sich lieber im deutschen Volk statt in Österreich sehen, sind nun mal Burschenschafter. Ähnliches gilt für Antisemitismus, EU-Feindlichkeit, Antiliberalismus, ein antiquiertes Frauenbild und viel anderes Reaktionäres." Das schrieb kürzlich der ÖVP-Bürgermeister von Tulln, Peter Eisenschenk.

Sebastian Kurz weiß vielleicht nicht im Detail, aber im Grundsätzlichen sehr wohl, mit wem er da unsere Zukunft verhandelt. (Hans Rauscher, 3.11.2017)

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