Kabarettist Gunkl: "Wer ohne Aber denkt, ist gefährlich"

    Interview4. November 2017, 18:00
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    Günther Paal alias Gunkl über kurzgriffige Ansagen von Politikern, die Gabe der FPÖ, Gefühle anzusprechen, und die Ästhetik von Windrädern

    STANDARD: Ich habe Ihnen etwas mitgebracht.

    Paal: Chilis, danke. Sie haben sich kundig gemacht über mich.

    STANDARD: Sie essen nur, um keinen Hunger zu haben, und am liebsten scharf. Schärfe statt Gefühle? Sie nennen sich ja einen emotionalen Flatliner. Oder ist das kokett?

    Paal: Ich beziehe keinen wirklichen Genuss aus dem Essen, da gibt die Schärfe dem Ganzen eine Sensation, die ich gern habe. Was emotionale Auslenkungen betrifft, bin ich wirklich ein stumpfer Hund.

    STANDARD: Gefühle werden überbewertet?

    Paal: Überbewertet in ihrem Anspruch, als Argument zu gelten. Das Gefühl gilt als Argument, und weil man Gefühle nicht wegreden kann, sind sie unumstößlich. Gefühle sind nicht korrumpierbar von der Faktenlage, und deswegen glaubt der Gefühlsträger, dass sie berücksichtigt werden müssen von der Welt. Fakten zählen dann nicht, Gefühle werden berücksichtigt. Das ist deppert, denn wenn es um die Welt geht, muss man Gefühle von dem trennen, was ist.

    foto: standard/hendrich
    "Der billige und einfache Weg, gewählt zu werden, ist, dass man Unterschiede gröber darstellt, als sie sind, und mit Bewertung versieht.": Günther Paal.

    STANDARD: Gefühle können ja auch nie falsch sein.

    Paal: Stimmt auch, und manchmal passen sie auch nicht zusammen. Nehmen Sie den Gedanken: "Er ist ein Arsch, aber halt so hübsch." Da ist das Gefühl entweder: Er ist ein Arsch, oder: Er ist so hübsch. Ich kann schon auch zwei Gefühle dazu entwickeln, nur kommen die halt nicht zusammen.

    STANDARD: In der Politik geht es immer mehr um Gefühle. Schlecht?

    Paal: Ja. Mich interessiert an der Politik nur die Frage, wie das mentale und soziale Terrain beschaffen ist, in dem sie passieren kann.

    STANDARD: In Ihrem aktuellen Programm geht es darum, dass Menschen verändern wollen. Politiker rufen auch nach Veränderung ...

    Paal: ... und verwenden das Vokabel Reform dafür, und das ist ein bissel beliebig. Wie oft führen sie das Wort Reform im Banner, und wie selten erklären sie, welcher Zustand warum wie zu reformieren ist. Man sagt Reform oder Reformverhinderer, und damit ist der Diskurs beendet.

    STANDARD: Wollen Politiker wirklich etwas verbessern?

    Paal: Das glaube ich schon. Aber bis das, was ich für ergiebig halte, ausformuliert ist, hat der Populist seinen kurzgriffigen Ansatz bereits in die Herzen, nicht Hirne seiner Zuhörerschaft gerammt. Und wenn ein Politiker auftritt wie ein Sieger, gehen die Zuschauer davon aus, dass er gewonnen hat. Davon hat Jörg Haider gelebt: Er ist bei seiner Geste "Ich habe recht" geblieben, auch wenn man ihn dreimal widerlegt hat. Trump macht's auch so und rempelt damit die Anständigen raus, die drei Minuten nachdenken, wenn man sie auf einen Fehler aufmerksam gemacht hat.

    STANDARD: Beim Ansprechen von Gefühlen ist die FPÖ besonders gut.

    Paal: Sie sind geschickt darin, Gruppen von Menschen das Gefühl zu geben, gegen "die da oben" zu sein und "auf die da unten, die schlechter sind als wir", brunzen zu dürfen. Das ist nur über Gefühle herstellbar, nicht rational. Das macht es schrecklich leicht für die Politiker, denn Emotionen sind simpel und monokausal, finden ohne ein Aber statt.

    STANDARD: "Aber" lieben Sie. Weil man damit die Welt erfassen kann?

    Paal: Das Aber ist die grandioseste philosophische Erfindung der Menschheit. Damit können wir berücksichtigen, wie die Welt ist. Alles hat verschiedene Seiten, die emotional oder rational betrachtet werden können. Ist es emotional, fällt das, was nach dem Aber steht, weg. Deshalb sind Gefühle so sauber, auch das ist das Verführerische dran.

    STANDARD: Ist das "Ja, aber" nicht sehr österreichisch? Sie sagen selbst, der Österreicher sei geistig im Ungefähren daheim.

    Paal: Es stimmt, man kann mit dem Aber auch unsauber umgehen. Mir sind trotzdem Leute mit Gedanken sympathischer, die ein Aber beinhalten, denn sie bedenken zumindest zwei Aspekte. Wer ohne Aber denkt und argumentiert, ist gefährlich. Mit Aber können wir die Welt verstehen.

    foto: apa/gindl
    "Kurzgriffige Ansagen" von Politikern sind dem Kabarettisten "suspekt".

    STANDARD: Noch zur Politik. Sebastian Kurz sagt auch: höchste Zeit für Veränderungen. Dabei verändert sich eh immer alles, allein wegen der Zellteilung. Wie sieht das Naturwissenschaftsexperte Gunkl?

    Paal: Stimmt schon, die Frage ist nur, wie sehr der Mensch wirklichkeitsstiftend eingreift. Mir ist halt die kurzgriffige, nicht ausformulierte Ansage "Es ist Zeit, wir brauchen Veränderung" suspekt. Dass das bei den Wählern funktioniert, beunruhigt mich.

    STANDARD: Dafür beruhigt Sie Türkis. Die Farbe gefällt Ihnen?

    Paal: Ich hab's nicht so mit Farben. Wobei, ich habe eine gelbe Hose an.

    STANDARD: Ihre Hosen sind maßgeschneidert.

    Paal: Na ja, ich habe sie einer Hose nachschneidern lassen, die ich in London gekauft hatte und die praktischerweise viele Taschen hatte.

    STANDARD: Was haben Sie da alles drin?

    Paal: (klopft die Taschen ab) Zigaretten, Fisherman's Friends, Taschentücheln, Zigaretten, Zigaretten, meine Buchhaltung, Handy, Schlüssel, eine Taschenlampe ...

    STANDARD: Wozu eine Taschenlampe?

    Paal: Weil man hinter der Bühne oft im Finsteren steht.

    STANDARD: Noch zur Farbe Türkis: Ihr Audi A6 ist türkis, und Sie lieben Autobahnfahren ...

    Paal: Mein erstes Auto war türkis, mein jetziger A5 ist blau. Ich mag Autobahnfahren, weil ich da konzentriert Radio hören kann wie sonst nirgends. Herrlich.

    STANDARD: Und kommen Sie an Windrädern vorbei, regen Sie sich auf, dass die sich nicht synchron drehen?

    Paal: Sauber recherchiert. Ich rege mich nicht auf, aber freue mich, wenn Windräder synchron laufen. Das ist selten, schön und sehr ästhetisch.

    STANDARD: Sie gelten als Philosoph der Kabarettszene, dabei ziehen Sie Naturwissenschaften der Philosophie vor. Weil die exakt sind?

    Paal: Kein Physiker glaubt, dass die von ihm gefundenen Gesetze ohne Abrieb und Störgrößen in der Welt anwendbar sind. Jeder Physiker weiß, dass die Erdbeschleunigung von 9,81 Metern pro Sekundenquadrat nur im Vakuum in dieser Reinform beobachtbar ist. Der Philosoph aber glaubt gern einmal, dass das Gedachte so ist, wie er denkt, und zwar nur so, und beansprucht es zur Weltbeschreibung. Der Philosoph kennt keine Störgrößen.

    STANDARD: Sie sind auch der Kabarettist mit den längsten Sätzen. Twittern ist eher nicht Ihres?

    Paal: Nein.

    STANDARD: Obwohl man mit 140 Zeichen die Welt verändern kann?

    Paal: Aber nur, wenn man Trump ist. Er hat den Diskurs beschädigt: Da geht es um Weltpolitik, und die Welt setzt sich ernsthaft mit Tweets auseinander. In einer Komödie würde man so einen Plot nur wagen, wenn das Rundherum um dieses Fundament sehr sauber gebaut, ganz schlau konstruiert ist und super gespielt wird.

    foto: ap/kambayashi
    Je bis zu 140 Zeichen aus Donald Trumps Tastatur bewegen regelmäßig die Welt.

    STANDARD: In der Realität ist es offenbar einfacher.

    Paal: Ja, weil sich die Wirklichkeit nicht um Glaubwürdigkeit scheren muss. Einen Film muss ich glauben können, die Welt muss ich glauben.

    STANDARD: Weil wir bei Ihren Schachtelsätzen waren: Wie wichtig ist eigentlich der erste Satz in einem Programm? Der jüngste heißt "Wenn der Herbst eine Frau wäre, dann müsste sie Paul heißen und nach Brot riechen". Ein anderer war kürzer: "Ich war ein schwieriges Kind."

    Paal: Der erste Satz ist sehr wichtig, weil er die Einflugschneise für den ganzen Abend ist. Mit dem ersten Satz setzt man dem Publikum einen Schuss vor den Bug, in diesem von Ihnen genannten Fall von Herbst und Paul und Brot verspricht der erste Satz den Zuschauern nicht gerade Stringenz.

    STANDARD: Ist eigentlich schon einmal wer nach dem ersten Satz gegangen?

    Paal: Nein. Aber man kann sich mit dem ersten Satz schon die Lustigkeit des Abends abmontieren, da muss man dann halt stramm und trocken durchs Programm. Ich mach's auch ohne Lachen.

    STANDARD: In einem Interview in der "Wiener Zeitung" haben Sie 2015 gesagt: "Struktur und Ordnung können nur durch Trennung funktionieren. Wir müssen reden über das, was uns unterscheidet und wie wir uns arrangieren können. Sonst bleiben die Unterschiede manifest, und es fliegen die Watschen." Letzteres geschieht, warum befeuert die Politik das?

    Paal: Weil der billige und einfache Weg, gewählt zu werden, ist, dass man Unterschiede gröber darstellt, als sie sind, und mit Bewertung versieht. Wer sagt "Das sind die anderen, also sind sie böse, also sind sie schlecht, also sind sie blöd. Wir sind besser", wird Chef der Gruppe, weil sich die gern hinter attraktiven Behauptungen versammelt. Beim Populismus kommt zuerst die Bewertung als ein Vehikel, und dann wird der Unterschied draufgesetzt. Dass das sogar im Mittelstandswesten so gut ankommt, liegt daran, dass wir nicht wissen, wie gut's uns geht.

    STANDARD: Menschen unterscheiden sich eben gern von anderen. Sie haben schon als Kind Totenköpfe aus Lego gebaut und nicht Häuser wie die anderen Kinder.

    Paal: Aber nicht, um mich zu unterscheiden. Ich habe ja nicht gewusst, was die anderen Kinder bauen. Die Totenköpfe habe ich im Lexikon gesehen und nachgebaut, weil sie mich fasziniert haben. Ich war froh, dass es mir gelungen ist, ein Jochbein einzubauen, Jochbeinbogen habe ich nicht geschafft. Und ein Kiefergelenk hatte der Schädel auch, leider war der Stein mit Scharnier grau. Das war blöd, denn so hatte ich dann einen weißen Totenschädel mit grauem Kiefergelenk.

    STANDARD: Sie schauen ja gern ins Universum. Warum begeistert Sie Astrophysik so? Weil Sterne weit weg sind?

    Paal: Weil es da um Ereignisse geht, die so wunderbar menschentkoppelt sind. Gravitation, Himmelsmechanik, Spikulen – das sind monströse Auswerfungen auf Sonnenoberflächen – sind so was von unabhängig davon, wie es uns dabei geht. Großartig, und so sauber.

    STANDARD: Sauber?

    Paal: Ja, da gibt es Wirkgrößen, die unabhängig davon sind, dass jemand twittert oder sagt "Mir geht's nicht gut dabei" oder "Das kann ich mir nicht vorstellen". Das ist wurscht, ganz wurscht. Das Ausmaß des Universums richtet sich nicht danach, was du dir vorstellen kannst, das Universum ist nicht für dich gemacht, sondern du bist im Universum, leb damit. Das Universum ist.

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    Das sind die sichtbaren Reste der Supernova namens Puppis A. Der dazugehörige Stern ist vor ungefähr 3.700 Jahren verglüht.

    STANDARD: Vom inzwischen verstorbenen Physiker Heinz Oberhummer habe ich gelernt, dass wir alle aus Sternenstaub sind. Ich finde das sehr romantisch.

    Paal: Ja, leider ist er schon gestorben. Das mit dem Sternenstaub ist aber überpoetisch ausgedrückt. Da stellt man sich so eine Disney-Elfe mit Klingelingeling-Zauberstab vor – Sterne sind aber monströs große Ansammlungen von Wasserstoff und gar nicht staubig. Die haben irre viel Masse, die drückt ins Zentrum, und in ihrem Inneren wird Wasserstoff zu Helium verbacken, unpackbar heiß mit vielen Millionen Grad. Dabei wird Energie frei in Form von Strahlung, die verhindert, dass der Stern in sein eigenes Zentrum stürzt. Dabei entstehen immer schwerere Elemente, letztlich wird Eisen erbrütet, und da wird keine Energie mehr frei. Irgendwann versiegt so die Hitzequelle, und dann stürzt eine Sternenmasse ins Zentrum, heizt sich so auf, dass mehr Energie abgegeben wird als in den zehn Milliarden Jahren Sternsein vorher – und der Stern zerreißt: Supernova. Dieses heiße Zeug fliegt mit bis zu einem Viertel der Lichtgeschwindigkeit ins Weltall – und das sind die schweren Elemente, aus denen der Mensch teilweise besteht. So weit zum Sternenstaub.

    STANDARD: Sie haben ein seltenes Hobby. Sie schmieden, vor allem Messer, mit denen Sie dann harte Wurst schneiden. Ist Schmieden Ihr Ausgleich zum Denken?

    Paal: Ja, etwas machen, was es dann gibt. Mit den Messern schneide ich harte Wurst, Käse, Pfefferoni. Macht mir Freude.

    STANDARD: Sie treten auch als Bassspieler auf, haben etliche Tobias-Bassgitarren. Deren Designer, Michael Tobias, sagt, er würde nie öffentlich Bass spielen, einen Hochzeitsanzug tragen oder tanzen ...

    Paal: Bis aufs Bassspielen bin ich bei ihm. Tanzen? Nein. Tanzen ist die ursprünglichste und direkteste Form des persönlichen Offenbarungseids. An dem, wie jemand tanzt, sieht man, wie der beinand ist. Tanzen ist eine Art der Entäußerung, die man vermeiden kann.

    STANDARD: Eigentlich müsste man Politiker vortanzen statt diskutieren lassen. Wie würde zum Beispiel Heinz-Christian Strache tanzen?

    Paal: Gute Frage. Meine Hoffnung ist, dass er so in sich beengt tanzt, dass man sich denkt: Ui, ein Patient. Kann aber auch sein, dass er so raumgreifend tanzt, dass es ausschaut wie: Der traut sich was.

    STANDARD: Sebastian Kurz?

    Paal: Wahrscheinlich gefasst, gebunden, tanzschulartig.

    STANDARD: Peter Pilz?

    Paal: Wie ein Grüner auf Wohnungsfesten. So "Na, setz dich hin, red, das is gscheiter". Aber ich kenne diese Leute alle nicht.

    STANDARD: Sie selbst nennen sich ja einen unerschütterlichen Rationalisten. Brechen Sie nie aus? Etwa wenn Sie etwas total begeistert?

    Paal: Nein, weil ich sofort wissen will, warum etwas so schön ist. Die Cello-Solosuiten von Bach zum Beispiel. Bach zaubert mit offenen Karten. Er hat auch nur Töne und Harmonielehre zur Verfügung wie alle und formuliert Gegenden in seiner Musik, wo er den Zuhörer mit Verschiebung von zwei Halbtönen an einen ganz anderen Ort versetzt. Da denkst du dir: Wie sind wir hier hergekommen? Gerade waren wir noch dort, wo es schroff, kantig und von bizarrer Schönheit war, und dann macht Bach zwei kleine Schritte, und wir sind auf einer Ebene, wo der Wind weht, ein kleines Haus steht und der Großvater wartet. Am Weg dorthin macht's Schnapp, und wir sind mitten im Sturm. Das gehört zum Schönsten, was Musik ist.

    STANDARD: Religion lehnen Sie ab, woran glauben Sie?

    Paal: Ich hüte mich zu glauben.

    STANDARD: Sie wollen nur wissen?

    Paal: Ja, und ich weiß, dass man alles nur so lange weiß, bis man es besser weiß.

    STANDARD: Womit tröstet man sich, wenn man nicht glaubt?

    Paal: Damit, dass man lebt. Und damit, dass man immer mehr wissen kann, wenn man das will.

    STANDARD: "Last x Lastarm = Kraft x Kraftarm" reicht Ihnen?

    Paal: Was gibt es Schöneres als Metapher für Gerechtigkeit? Wenn du was Schweres heben willst, musst du viel Weg bewältigen. Es gibt nix umsonst. Und der Reibungsverlust beim Hebelvorgang ist das, was das Leben mit sich bringt: Abrieb.

    STANDARD: Passt zur letzten Frage. Worum geht's im Leben?

    Paal: Darum, dass man mit anderen gut auskommt und keine Brösel macht. Horaz sagt es so: Nützen und erfreuen. (Renate Graber, 4.11.2017)

    Günther Paal (55), besser bekannt als Gunkl, tritt seit 1994 als Solokabarettist auf, davor spielte er in der Band Wiener Wunder mit. Er gilt als Philosoph der österreichischen Kabarettszene und beschäftigt sich intensiv mit den Naturwissenschaften. Der Sohn einer Schirmmacherin und eines Schriftsetzers wuchs mit zwei Geschwistern in Wien-Favoriten auf, kellnerte, sein Studium brach er ab. Seit 1993 spielt er Bassgitarre und Saxofon in der Auftrittsband seines Freundes und Kollegen Alfred Dorfer. Gunkl schmiedet nicht nur ausgeklügelte Schachtelsätze, sondern auch Messer, fährt gern auf der Autobahn und lebt mit seiner Partnerin in Wien.

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