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3. November 2017, 11:04

Cox's Bazar / Wien – Es ist ein ganzes Volk, das auf einem schmalen Streifen Erde unterwegs ist: Menschenmassen fliehen seit über zwei Monaten aus Myanmar, waten zwischen überfluteten Reisfeldern durch Schlamm und Wasser, die Jüngsten auf den Schultern, ein wenig Hab und Gut in Plastiksäcken, die Schwächsten tragen sie in Körben ins Nachbarland.

Die wenigen, die sich die Überfahrt leisten können, legen in Holzbooten Richtung Grenze ab, immer wieder kentern sie. Vor wenigen Tagen ertranken erneut ein Mann, eine Frau und zwei Kinder, als ein winziger, völlig überfüllter Fischkutter kenterte, weitere elf schwebten in Lebensgefahr, als sie aus dem Wasser gezogen wurden.

foto: apa/afp/fabrice coffrini
Zeid Raad al-Hussein spricht von einem "Musterbeispiel für ethnische Säuberungen".

Der Exodus der Angehörigen der muslimischen Rohingya-Minderheit im mehrheitlich buddhistischen Myanmar reißt nicht ab, seitdem die Armee Ende August ihre Offensive gegen sie begonnen hat. Laut Angaben von Hilfsorganisationen setzen Soldaten ganze Dörfer in Brand, mehr als 400 Zivilisten wurden dabei getötet, hinzu kommen Berichte über Gewalt, Vergewaltigung und Folter.

Vorangegangen waren dem Vorgehen des Militärs koordinierte Angriffe von Rohingya-Extremisten auf Sicherheitskräfte. "Die Situation scheint ein Musterbeispiel für ethnische Säuberungen zu sein", befand der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Zeid Raad al-Hussein, Mitte September.

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STANDARD-Erklärvideo zur Flucht der Rohingya.

Vor Ausbruch der Krise lebten rund eine Million Rohingya vorwiegend in der nördlichen Region Rakhine. Inzwischen gehen Hilfsorganisationen davon aus, dass es nicht mehr allzu viele Dörfer geben dürfte, die die Soldaten abfackeln könnten. Tag für Tag gewährt Bangladesch weiterhin tausenden Rohingya die Einreise. Allein am 16. Oktober passierten innerhalb von nur 24 Stunden 12.000 die Grenze.

"Das ist die größte Massenfluchtbewegung in der Region seit Jahrzehnten", konstatierte ein UN-Sprecher. Das war Ende September, inzwischen haben sich schon mehr als 600.000 Menschen nach Bangladesch aufgemacht. Am Mittwoch sprach der EU-Kommissar für humanitäre Hilfe und Krisenschutz, Christos Stylianides, nach einem Besuch in Bangladesch von der "größten Flüchtlingskrise seit Jahrzehnten", denn: "Das Ausmaß des Zustroms in einer so kurzen Zeit ist vollkommen einzigartig."

foto: reuters/hannah mckay
Rohingya-Flüchtlinge aus Myanmar warten an der Grenze zu Bangladesch darauf, in den Bezirk Cox's Bazar einreisen zu dürfen.

Die Regierung bestreitet, für die Brandschatzungen verantwortlich zu sein. Jener Minister, der für eine etwaige Rückkehr der Rohingya verantwortlich zeichnet, konterte jüngst, diese würden sich vielmehr selbst auslöschen, um der Regierung zu schaden. Am Donnerstag reiste die De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi erstmals offiziell nach Rakhine.

foto: reuters/stringer
De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi wurde wegen ihres langen Schweigens über die Gewalt gegen die Rohingya kritisiert.

Ob sie die zerstörten Dörfer besuchte, blieb unklar. Die Friedensnobelpreisträgerin hatte lange zu dem Konflikt geschwiegen und schließlich Menschenrechtsverletzungen eingeräumt, ohne das Militär, das in Myanmar alle Fäden zieht, auch nur einmal beim Namen zu nennen. Die Regierung betrachtet die Rohingya als illegale staatenlose Einwanderer aus Bangladesch, obwohl sie schon seit Generationen im heutigen Myanmar leben.

Ihr Status ist ein Erbe der Kolonialzeit. Als die Briten Burma (das heutige Myanmar) eroberten, schlugen sie dieses ihrem indischen Kolonialgebiet zu. Im heutigen Rakhine ließen sich muslimische Grundherren und Bauern aus Bengalen nieder. "Eingewandert" sind die Rohingya, die von diesen Arbeitsmigranten abstammen dürften, bereits im 19. Jahrhundert, wobei sie sich damals nur von einer Provinz des britischen Empire in die andere bewegten.

Bis heute gelten Rohingya in Myanmar als unerwünscht. In der Geschichte des Landes gingen buddhistische Mobs und Sicherheitskräfte immer wieder brutal gegen die Minderheit vor, was sie stets mit den immer wieder vorkommenden Überfällen militanter Rohingya auf die Regierung begründen. Rechnet man zu den aktuellen die bereits früher Geflüchteten dazu, leben mittlerweile gut eine Million Rohingya im südwestlichen Küstengebiet Bangladeschs. Die meisten behelfsmäßigen Flüchtlingslager im Grenzbezirk Cox's Bazar sind derart überfüllt, dass die Neuankömmlinge dazu übergegangen sind, an deren Rändern Unterkünfte aus Blech und Plastikplanen zu errichten.

foto: reuters/hannah mckay/adnan abidi
Die Vereinten Nationen sprechen von der "größten Massenfluchtbewegung in der Region seit Jahrzehnten".

Die Flüchtlingslager Kutupalong und Balu Khali sind so rasant gewachsen, dass unklar geworden ist, wo das eine anfängt und das andere aufhört, erzählt Jennifer Bose, die zwei Wochen für die Kommunikation und Berichterstattung der Hilfsorganisation Care in Bangladesch gearbeitet hat. Wer es nach Bangladesch geschafft hat, kommt im völligen Elend an. "Die Situation in den Camps ist katastrophal", sagt Bose zum STANDARD.

Mehr als 40.000 unbegleitete Kinder befinden sich nach der Flucht aus Myanmar in Flüchtlingscamps in Bangladesch. "Diese Zahl allein veranschaulicht das Ausmaß der Krise", sagte EU-Kommissar Stylianides nach seiner Reise. UN-Vertreter befürchten, dass die unbegleiteten Minderjährigen Opfer von Menschenhändlern werden könnten. Stylianides forderte deswegen eine "umfassende und koordinierte humanitäre Antwort" auf die Krise.

Mehr Hilfe fordert auch Care-Mitarbeiterin Bose: "Es fehlt an allem, was es für das Überleben braucht", sagt sie. "Toiletten existieren weiterhin nicht. Es bräuchte dringend psychologische Betreuung. Die Menschen erzählen vor Ort, dass ihre Häuser niedergebrannt wurden, Frauen vergewaltigt, Männer gefoltert wurden, viele Kinder haben ihre Eltern verloren."

Als kürzlich ein dreiköpfiges UN-Team nach sechs Tagen, in denen es Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch befragt hatte, abreiste, sagte ein Mitglied der Gruppe, die ehemalige sri-lankische Sonderberichterstatterin Radhika Coomaraswamy: Was ihr an Darstellungen sexueller Gewalt von Opfern berichtet wurde, sei mit das Schlimmste, was sie in ihrer langen Zeit als Expertin bei solchen Kriseneinsätzen gehört habe.

Die Lager platzten aus allen Nähten, sagt Care-Mitarbeiterin Bose, die vor wenigen Tagen zurückgekehrt ist: "Überall sieht man Menschen, Kinder, die knietief im Matsch stehen. Es stinkt nach Urin, Fäkalien, Müll." Die NGOs kommen mit dem Impfen kaum nach, sie befürchten eine Cholera-Epidemie. Der Ausbruch von Krankheiten sei eine "tickende Zeitbombe". "Die Rohingya", sagt Jennifer Bose, "sind von einer schrecklichen Situation in die nächste schreckliche Situation geflohen." (Anna Giulia Fink, 3.11.2017)