Viennale-Bilanz: Besser nicht alles so wie immer

    Analyse2. November 2017, 20:00
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    Nach dem Übergangsjahr benötigt das Filmfestival auch Mut zur Veränderung

    Wien – Die 55. Viennale wird als Übergangsfestival in Erinnerung bleiben, bei dem man bei vielen Anlässen an den im Sommer verstorbenen Langzeitdirektor Hans Hurch erinnert hat. Interimschef Franz Schwartz und das Team haben noch einmal nostalgisch seine Ära heraufbeschworen. Die Besucherzahlen (91.700) und die Auslastung von 82,6 Prozent – beides in etwa auf dem gleichen Niveau wie 2016 – sind auch ein Indiz dafür, dass sich dies für das Publikum angemessen und würdig angefühlt hat.

    Übergang bedeutet aber auch, dass die Viennale nun in die schwierigere Phase der Suche nach einer Nachfolge tritt. Man hat den Zeitpunkt der Ausschreibung mit dem Festivalende sehr spät angesetzt, das wird wohl einigen möglichen Bewerbern zu kurzfristig sein. Auch dass sich die Auswahlkommission nur aus Mitgliedern des Kuratoriums zusammensetzt, wirkt so, als wolle man die Entscheidung lieber im kleinen Kreis treffen. Externe Experten hätten da jedenfalls die größere Übersicht über den Festivalzirkel mitgebracht, mehr Insiderwissen und Expertise über personelle Erfordernisse.

    Konservative Auslegung

    Franz Schwartz hat in einem Interview mit dem Filmportal Cineuropa gerade erst wieder bekräftigt, dass alles so bleiben soll, wie es war – man müsse den Geist der Viennale bewahren und mit dem Team zusammenarbeiten können: eine äußerst konservative Auslegung für ein Festival, das 20 Jahre lang von derselben Person geleitet wurde.

    Für Festivals sollte gelten, was auch für andere Kultureinrichtungen unumgänglich ist: Sie müssen für Veränderungen offen sein, solange diese ihr Wesen nicht bedrohen. Einem Nachfolger sollte die Möglichkeit zugestanden werden, Programmstrukturen zu hinterfragen und mit Kuratoren zu kooperieren, wie es international üblich ist. Keine Einzelperson hat die Übersicht über eine jährlich weiter wuchernde Anzahl von Filmen. Dass die neue Leitung auf ein erfahrenes Team zurückgreifen kann, ist fraglos gut – aber doch keine Frage der Qualifikation. Auch da ist es üblich, flexibler zu agieren. Wer auch immer nun mitentscheidet, sollte aufgeschlossen sein und sich einer moderneren Auslegung des Festivalkonzepts nicht verweigern.

    Zum Abschluss dieser Viennale wurden wie immer auch noch Filme prämiert: Der Wiener Filmpreis ging an Die Liebhaberin von Lukas Valenta Rinner sowie Untitled von Michael Glawogger und Monika Willi. Die STANDARD-Jury empfiehlt das libanesische Gerichtssaaldrama L’insulte für einen Verleih, den Erste-Preis bekam Ruth Kaaserer für ihr Gewichtheberinnenporträt Gwendolyn. Den Fipresci-Preis der Filmkritik erhielt Distant Constellation. (Dominik Kamalzadeh, 2.11.2017)

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