Walter Niedermayr: Lexikon des Gemeinwohls

    3. November 2017, 10:56
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    Der Künstler hat die einzigartige Architektursprache im Südtiroler Fleimstal fotografisch dokumentiert – zu sehen im Aut

    Innsbruck – Die anarchische Dorfstruktur der elf Südtiroler Gemeinden im Fleimstal ist das krasse Gegenkonzept zur technokratisch überregulierten Bautätigkeit, wie wir sie allerorts gewohnt sind: dicht gepackte "Häuserburgen", gebildet aus über Generationen gewachsenen Agglomerationen alter und neuer Bausubstanz, mehr zufällig als gewollt miteinander kommunizierend und durchwachsen von einem Netzwerk öffentlich-privater Hybridräume.

    Walter Niedermayr hat die semiurbane Architektur mit präzisem Blick fotografisch analysiert. Die Baustruktur orientiert sich ausschließlich am aktuellen Bedarf und nicht an Regulativen oder gar Ästhetik. Vor allem aber ist die Architektur und die kollektive Raumnutzung das Ergebnis eines laufenden respektvollen Ausverhandelns zwischen Nachbarn – etwas, das die Fleimser schon seit dem 12. Jahrhundert praktizieren.

    Thujenheckendynamik

    Die damals als selbstverwaltete "Bauernrepublik" begründete Solidargemeinschaft wird nämlich noch immer gelebt. Sie teilt nach allmeindeähnlichen Prinzipien die Erlöse von Wald, Wiesen und Almen im Kollektiv der "Vicini" auf, auch wenn sie heute durch Tourismus und Thujenhecken dynamik zunehmend gefährdet ist.

    Niedermayr hat sich über viele Jahre mit dieser widerständigen Baukultur ausein andergesetzt, ihre "spontane Kreativität" in über 10.000 Recherchefotos festgehalten. In seiner Schau "Koexistenzen" im Innsbrucker Aut. Architektur und Tirol zeigt er nun eine eindrucksvolle Auswahl von Fotografien. Gestaltet vom Architektenduo Pauhof ist die Ausstellung eine künstlerische Annäherung an ein faszinierendes urbanistisches aber auch soziales Konzept – wird doch die Idee der "Commons" heute als Modell einer alternativen Ökonomie weltweit diskutiert. Die in unterschiedlichen Formaten von klein bis raumhoch präsentierten Bilder werden durch historische und demografische Daten zum Tal und durch hörenswerte Interviews mit Bewohnern verdichtet und ergänzt. (Nicola Weber, 3.11.2017)

    Bis 23. Februar 2018, Aut. Architektur und Tirol

    • In Predazzo beruft man sich nicht auf Baugesetze, sondern verhandelt die Raumnutzung im Kollektiv.
      foto: walter niedermayr

      In Predazzo beruft man sich nicht auf Baugesetze, sondern verhandelt die Raumnutzung im Kollektiv.

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