Männer nicht unter Generalverdacht stellen

    Kommentar der anderen2. November 2017, 16:14
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    Sexuelle Übergriffe sind nicht zu tolerieren und von Gesellschaft und Gerichten aufs Schärfste zu verurteilen. Aber Männer pauschal als Täter darzustellen bringt die Sache der Frauen nicht weiter. Ein Widerspruch gegen die #metoo-Kampagne

    Derzeit geht es den Männern an den Kragen. Hauptthema der Gazetten ist die sexuelle Belästigung, die Frauen von den Männern erfahren. Diese stehen unter Generalverdacht, sexuell übergriffig zu sein. Bald muss ein Mann bei jedem Flirtversuch fürchten, dass ihm daraus ein Strick gedreht wird, und er wäre gut beraten, jeder Einladung zum Date eine "Disclosure" voranzuschicken. Die könnte ganz im Sinne der Romane von Jane Austen lauten wie folgt: "Wenn ich Sie nachfolgend zu einem Date einlade, so garantiere ich, im Zusammenhang mit Ihrer Person keinerlei sexuelle Absichten zu hegen, mich Ihnen nicht ungebührlich zu nähern, vielmehr Sie in Ihrer Gesamtheit als Person wertzuschätzen. Sollten Sie allerdings mir gegenüber Absichten hegen, die ein rein freundschaftliches Verhältnis übersteigen, so ersuche ich, mir diese (am besten unter Darlegung Ihrer genauen Vorstellungen) schriftlich darzutun."

    Mir geht es absolut nicht um ein Verharmlosen von sexuellen Übergriffen. Und ich gehe davon aus, dass es, wie diese auch selbst klarstellte, auch der Schauspielerin Nina Proll in ihrem nun vielkritisierten Posting nicht darum ging. Aber es wird den Männern ausgetrieben, mit uns Frauen flirten zu wollen, da sie (berechtigte) Angst haben müssen, dass ihnen dies (zum Teil vielleicht durchaus bewusst) falsch ausgelegt werden könnte, sie dann um ihre Karriere fürchten müssen oder ihnen daraus sonstige Nachteile entstehen.

    Es ist ja bald keine normale Kommunikation zwischen den Geschlechtern möglich. Und es würde mich nicht verwundern, wenn es bald zu Zuständen kommen würde, die wir anderorts verpönen, nämlich zu einer strengen Geschlechtertrennung, getrennter Nahrungsaufnahme, Schwimmbad nur für Frauen und die Gebäudetrakte in den Hotels nach Geschlechtern getrennt. In den USA hat ein Mann Angst, mit einer Frau allein in den Aufzug einzusteigen, bei Besprechungen zwischen Mann und Frau wird die Bürotür offen gehalten. Dies aus Furcht der Männer, es könnte ihnen später ein Vorwurf wegen sexueller Belästigung gemacht werden. Mir ist auch unbegreiflich, warum sich so viele Frauen jetzt erst damit melden, dass ihnen Männer vor vielen Jahren unmoralische Angebote gemacht haben. Bei Gericht hätten sich diese Frauen sehr wohl die Frage des "Warum erst jetzt?" gefallen lassen müssen. Wenn sie sich damals geschämt haben wollen, warum gerade jetzt nicht mehr?

    Man muss unterscheiden zwischen sexuellen Übergriffen und – mögen diese auch nicht erwidert sein – Flirtereien. Die Grenze ist natürlich fließend, und – in der Sprache der Juristen – es kommt auf die Gesamtschau an. Gerade dieser Blick auf den Gesamtzusammenhang wird aber in den Medien meiner Meinung nach vernachlässigt. Entgleisungen, wie sie sich einst der Nationalratsabgeordnete Paul Burgstaller gegenüber der Grünen Terezija Stoisits erlaubte, stellen natürlich eine ganz klare Grenzüberschreitung dar. Fakt ist jedoch: Jeder gescheiterte Flirtversuch würde den aktuellen Intentionen zufolge die Gefahr bergen, als sexueller unzulässiger Übergriff geortet zu werden, der den Mann erpressbar macht.

    Jeder Frau ist zu raten, bei unerwünschten sexuellen Annäherungen sofort ein klares "Stopp" zu geben. Vorausgesetzt, der Mann ist nicht komplett von Sinnen, sollte wohl auch die Möglichkeit – dies ist mit technischen Mitteln ein Leichtes –, die sexuelle Annäherung aufzuzeichnen, abschrecken. Wenn dies alles nicht reicht, sofort Meldung bei den dafür zuständigen Stellen machen (Betriebsrat, der zuständigen Interessenvertretung, Polizei).

    Eines möchte ich jedenfalls nicht: dass Männer, ohne dass dies hinterfragt wird, pauschal als Täter dargestellt werden, denn hiermit würden wir Frauen Männer diskriminieren. Der Philosoph Robert Pfaller schreibt in "Kurze Sätze über gutes Leben": "Für die Frauen ist aber nichts gewonnen, wenn sie im Zuge der Emanzipation ihre eigene Unfreiheit auf die Männer ausweiten. Das meiste, was wir derzeit für Befreiungen oder Fortschritte halten, besteht in Wahrheit darin, dass wir die armseligen Standards der bisher Unterdrückten zur Norm für alle machen. Ich bezeichne das als 'Beuteverzicht'."

    Eines dürfen wir zudem bei dieser Diskussion nicht vergessen: dass ja durchaus auch Männer sich durch Frauen, wenn diese sehr freizügig angezogen sind, sexuell belästigt fühlen könnten. Würden wir das Thema der sexuellen Annäherung konsequent verfolgen, hieße dies auch Schluss machen mit Sex in Werbung, Film, Literatur, Mode et cetera.

    Weiblichen Sex aufdrängen

    Denn anderenfalls könnte es leicht passieren, dass ein Mann eine Frau verklagt, weil diese zu offenherzig bekleidet war und sich ihm in ihrer weiblichen Sexualität aufdrängte. Im Sinne des Humanismus sollten wir Geschlechter gemeinsam dafür sorgen, dass Diskriminierung und Gewalt keinen Raum bekommt. Egal ob gegen Frau oder Mann. (Katharina Braun, 2.11.2017)

    • Eindeutige Signale bei einer Demo von #metoo-Aktivistinnen vor einigen Tagen in Paris.
      foto: afp

      Eindeutige Signale bei einer Demo von #metoo-Aktivistinnen vor einigen Tagen in Paris.

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