Doppelmord in Stiwoll: Heimatschmutz

Kolumne2. November 2017, 15:56
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Die Gesinnung, die Friedrich F.s Tun antrieb, entsprang nicht exklusiv seinem Geist, sie wurzelt in einem Nährboden, der in Österreich von rechtsextremen Kreisen bearbeitet wird

Ursprünglich war geplant, über diese Kolumne den Titel "Heil Hitler" zu setzen. Selbstverständlich nicht, weil auch nur im Entferntesten die Absicht bestand, gegen das Verbotsgesetz zu verstoßen. Im Gegenteil! Aber wenn man auf politische oder behördliche Missstände aufmerksam machen will, eignet sich im demokratischen Österreich nun einmal nichts besser als ein öffentlich geäußertes 88, es muss nicht einmal von der Bestellung dreier Biere begleitet sein. Wenn es der Führergruß doch nicht in den Titel schaffte, liegt der Grund dafür nur in Feigheit: Wer kann schon sicher sein, dass die Wiener Staatsanwaltschaft ebenso verständnisvoll reagiert wie die Grazer? Die hat in der öffentlichen Zurschaustellung eines "Heil Hitler"-Plakats Wiederbetätigung im Sinne einer NS-Propaganda zwar "objektiv", aber nicht "subjektiv" erkannt, weil der Hitler-Grüßer "glaubhaft" versicherte, er wolle nur Missstände in der Justiz wie zur NS-Zeit aufzeigen.

Einer solchen Dialektik ist kaum zu widerstehen, weshalb man es auch nicht für notwendig hielt, wenigstens der bereits vor sechs Jahren auffällig gewordenen Hitler-Plakatiererei des Mannes Einhalt zu gebieten. Es lässt sich nicht beweisen, ob zwei Menschen noch am Leben sein könnten, hätte man das zumindest versucht, aber geschadet hätte es nichts, dessen öffentlichem Treiben ein wenig mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu widmen, als ihn amtlich für paranoid, zurechnungsunfähig, also definitiv für harmlos zu erklären.

Keine Marotte eines Einzelnen

Den Doppelmord von Stiwoll nun mit der Bemerkung abzutun, im Nachhinein sind wir halt alle gescheiter, wäre angesichts der politischen Dimension, die er auch enthält, zu billig. Denn bei dem Gedankengut des mutmaßlichen Täters – es gilt die Unschuldsvermutung – handelt es sich ja offenkundig weder um völlige psychiatrische Harmlosigkeit noch um die ideologische Marotte eines Einzelnen, sondern um etwas, das, gespeist vom rechten politischen Rand, als Reichsbürgersyndrom längst weitere Kreise erfasst hat. Nähe zum Nationalsozialismus und Hass auf die Republik Österreich, Querulantentum und eine Gewaltbereitschaft, deren Grenzen noch nicht zur Gänze ausgelotet sind, sind charakteristisch, ohne dass ein Reichsbürger sich dafür schon einmal mit paranoider Schizophrenie entschuldigt hätte. Sie halten sich für normal, krank sind alle anderen.

Jetzt plötzlich gehe in Stiwoll die Angst um, konnte man in den letzten Tagen lesen. Verständlich, aber für zwei Menschen zu spät. Über Stiwoll hinaus ist festzustellen: Man mag Friedrich F. für geistig nicht gesund halten, das wird ein Gericht zu entscheiden haben, sollte es je dazu kommen. Aber die Gesinnung, die sein Tun antrieb, entsprang nicht exklusiv seinem Geist, sie wurzelt in einem Nährboden, der in Österreich von rechtsextremen Kreisen bearbeitet und in deren Netzwerken eifrig gedüngt wird. Anonym ergießt sich daraus ein pseudopatriotischer Heimatschmutz, dessen moralische Vertreter sich gerade wieder intensiv als Saubermänner auf ihrer Lieblingsspielwiese Heimatschutz anbieten. Womöglich mit einem der ihren als Schutzminister. Gnade, nur das nicht! (Günter Traxler, 2.11.2017)

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