Warum es ein Mehr an Bildung nicht gibt

    Userkommentar2. November 2017, 11:25
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    Zur Logik von Bildung und Wirtschaft. Zwei Wünsche an Sebastian Kurz

    Die ORF-"Pressestunde" mit Margit Kraker, der Präsidentin des Rechnungshofes, war zuweilen ein Lehrstück des Musil'schen (1937) Plädoyers für Bescheidenheit. Diese, so Musil, sei wichtig, um nicht an der Tüchtigkeit vorbei zu handeln und zu denken. Dieser antiquierte Begriff lässt sich mit Angemessenheit übertragen und verweist auf das zentrale Problem der Rechnungshofpositionen zum Bereich Bildung.

    Georg Simmel hat um 1900 in seiner "Philosophie des Geldes" insbesondere dessen Gefahren beschrieben: Geld, so Simmel, nivelliere und negiere das Besondere. Zudem liege es im Wesen der Funktionalität von Geld, dass dieses Subjektivität objektiven Sachzwängen unterordne und den Tausch- zum Selbstwert mutiere. Entfremdung – so möchte man zusammenfassen, stellt sich nebenbei ein oder, so Byung-Chul Han (2014), ist das Ergebnis einer "Psychopolitik", die nicht mehr bloß überwacht, sondern aktiv – vermittels Daten und Statistiken – steuert.

    Bildung – oder: die Art und Weise wie Menschen leben

    Und gerade diese Aspekte zeigen, wie unverträglich wirtschaftliches Denken mit Bildung ist. Denn das Betrachten eines Gemäldes, eines Baumes in der Herbstsonne oder das Lesen eines Romans hat keinen Sinn, sofern dies bedeuten muss, dass es zu etwas führt, verwertet oder funktionalisiert werden kann.

    "Bildung ist etwas, das Menschen mit sich und für sich machen", schreibt Peter Bieri (2005) und spitzt den Zusammenhang zu, indem er fragt: "Wie wäre es, gebildet zu sein?" Nun verweist der Konjunktiv aber nicht auf eine Distanzierung oder einen Wunsch, sondern auf den Umstand, dass Bildung ein Werden bezeichnet und auf einen Überschuss an Möglichkeiten in der sogenannten Realität verweist. Bildung ist Praxis, nicht ein Herstellen oder bloß Arbeit – durchtränkt von Unsicherheit und Wagnis. Die Bildungsbewegung schafft Orientierung im Inneren und Äußeren, ist Motor von Aufklärung und vermag ein Bewusstsein von Kontingenz zu schaffen.

    Rahmenbedingungen von Schule

    Schulen reagieren also nicht bloß – wie in der "Pressestunde" artikuliert – auf Anforderungen der Gesellschaft, sondern sie nehmen diese als Rahmenbedingungen war. Der Kern schulischer Bildungsbestrebungen liegt indes bei den heranwachsenden Personen. Wie das funktionieren kann, hat Reinhard Kahl in "Treibhäuser der Zukunft" zeigen können. Wenn dem Rechnungshof also nicht bloß eine Ausbildungsschule vorschwebt, die zunächst oder gar überhaupt mit möglichst geringem Mitteleinsatz verwertbare Arbeiterinnen und Arbeiter hervorbringen soll, dann braucht es zunächst eine erziehungswissenschaftliche Debatte um die Zukunft von Schule und Bildung.

    Ein erster Wunsch an Sebastian Kurz lautet daher: Bildung und Schule nicht von Vertreterinnen und Vertretern der Wirtschaft diskutieren lassen, sondern diese Themen in die Hände von Pädagoginnen und Pädagogen geben. Bildung ist nicht für den Markt da, sondern legt das Fundament von liberalen, demokratischen Gesellschaften.

    "Handle, so gut du kannst und so schlecht du musst, und bleibe dir dabei der Fehlergrenzen deines Handelns bewusst."

    Das äußert Robert Musil in einem Vortrag im Wien der 1930er-Jahre. Wir wollen ihn ernst nehmen und deshalb an zwei Beispielen zeigen, wie wichtig eine sachliche, bescheidene und entideologisierte Debatte zum Thema wäre.

    Die "Pressestunde" offenbarte selbst an der Oberfläche schon einen eklatanten Mangel an Kenntnis, der durch die beiden Fragenden jedenfalls nicht gemildert wurde. Die Pädagoginnen- und Pädagogen-Bildung Neu erfuhr dabei eine Darstellung, als würden Lehrerinnen und Lehrer für Gymnasien und Neue Mittelschulen ausgebildet. Das entspricht zwar der schulischen Strukturrealität, ist aber sachlich unrichtig: es gibt nur ein "Sekundarstufenlehramt", dessen Realisierung von Universitäten und Pädagogischen Hochschulen gemeinsam unternommen. Die Wirklichkeit von Schule(n) hinkt dem ambitionierten Konzept der Pädagoginnen- und Pädagogen-Bildung nach.

    Eine politische Frage – und eine pädagogische

    Tiefer liegende Probleme zeigen sich dann etwa zum Thema gemeinsame Schule: Der Kommentar der Präsidentin lautete dazu: "Ich möchte nicht haben, dass man damit behindert wird." Ihre Einschätzung, wonach es sich dabei um eine politische Frage handle, ist zwar nicht ganz von der Hand zu weisen, müsste aber ergänzt werden durch: und es ist auch eine pädagogische Frage. Um eben dieses Terrain nicht zu betreten, wurde dann – auch das nur sehr knapp – auf den strukturellen Zusammenhang gewechselt. Eine Strategie, die sich immer dann beobachten lässt, wenn es an Überzeugungen oder bildungswissenschaftliche Inhalte ginge.

    Würde der Bildungsgedanke Humboldts (1792) – "die Verknüpfung unsres Ichs mit der Welt zu der allgemeinsten, regesten und freiesten Wechselwirkung" zu verhelfen – nur ein wenig ernst genommen, dann müsste sich die Debatte einer gemeinsamen Schule pädagogisch formulieren lassen. Befeuert durch das Menschenrecht auf (inklusive) Bildung, stellt sich die Frage nach einem umfassenden Person-Welt-Verhältnis jedes Menschen – nicht zuletzt als soziales Verhältnis: Wer wählt Inhalte, Umwelt(en), Methoden und soziale Partnerinnen und Partner für Bildungsbewegungen von Kindern und Jugendlichen aus und wie wird das jeweils argumentiert? Demnach lässt sich ein zweiter Wunsch an Kurz formulieren: Lassen Sie uns Schule pädagogisch und bildungstheoretisch diskutieren und dabei diese Fragen als Anregungen verwenden. Dann erst ist es an der Zeit – mittels empirischer Untersuchungen – zu Effekten, Kosten-Nutzen-Relationen und so weiter zu forschen. (Robert Schneider, 2.11.2017)

    Robert Schneider ist Professor für Erziehungswissenschaft im Bereich Inklusion und Leiter des Fachbereichs Inklusionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Salzburg.

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