Mit Dolly ins virtuelle Paradies

    1. November 2017, 17:17
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    Premieren-Triple "MacMillan/McGregor/Ashton" des Staatsballetts im Haus am Ring

    Wien – Wide Open heißt ein Musikvideo der Chemical Brothers, für das der Brite Wayne McGregor im Vorjahr ein von Sonoya Mizuno getanztes Solo choreografiert hat. Darin verwandelt sich Mizunos Körper Stück für Stück in eine hohle digitale Netzstruktur. In der Wiener Staatsoper zeigt der vielgelobte zeitgenössische Ballettkünstler (46) nun sein Gruppenstück Eden | Eden aus dem Jahr 2005 als Teil des Triple-Abends MacMillan/McGregor/Ashton, der am Dienstag vor vollem Haus Premiere feierte.

    Das Drei-Stücke-Format wird vom Staatsballett seit Jahren auch dafür genutzt, seinem Publikum Werke aus der jüngsten Ballettgeschichte vorzustellen. Der aktuelle Abend gehört zu den bisher geglücktesten seiner Art. Vor allem, weil er zeigt, dass das Ballett heute keineswegs weltabgewandt ist und zu den gewaltigen Umbrüchen der Gegenwart im Umgang mit dem Körper einiges zu sagen hat. Aber auch, weil MacMillan/McGregor/Ashton einen Blick auf die ästhetischen Veränderungen des britischen Balletts seit den 1960er-Jahren ermöglicht: in der Tanztechnik, im Zusammenspiel mit der Musik und in der Auffassung von Bühnengestaltung.

    Bei der Premiere leitete Valery Ovsyanikov das Orchester der Wiener Staatsoper klug und sensibel. Der Abend beginnt mit Kenneth MacMillans neoklassischem Concerto von 1966 zu Dmitri Schostakowitschs zweitem Klavierkonzert und endet mit Frederick Ashtons 1963 uraufgeführter Kameliendame-Adaption Marguerite and Armand zur Klaviersonate h-Moll von Franz Liszt. Dazwischen funkelt düster McGregors Antiparadies, eingebettet in den Sound von Dolly aus Steve Reichs vor 15 Jahren bei den Wiener Festwochen uraufgeführter Oper Three Tales.

    wiener staatsoper

    Bewundernswerterweise überzeugen die Tänzer der Wiener Compagnie in allen drei Stücken – leichtfüßig abstrakt mit feiner Erotik bei MacMillan, schwer und brüchig bis zur Überdehnung bei McGregor und mit dramatischem Pathos bei Ashton. Die Reihenfolge dieser Arbeiten gibt auch ein inhaltliches Sinnkonstrukt her: Das Concerto wirkt wie ein paradieshafter Reigen aus der bürgerlichen Moderne der Sixties, Eden | Eden zeigt den Tod dieser Moderne im technizistischen Machbarkeitswahn der Gegenwart, und Marguerite and Armand spielt jene soziale Enge des 19. Jahrhunderts aus, die Alexandre Dumas in seinem 1848 erschienenen Roman La dame aux camélias dargestellt hat.

    Dem Eingesperrtsein des Dumas'schen Körpers in ein Moralkorsett entspricht die Gefangenschaft des heutigen Körpers in seiner ökonomischen Verwertung und der damit verbundenen digitalen Kontrolle. Diese mündet gerade in einen neuen Moralismus, der dem des 19. Jahrhunderts immer ähnlicher wird. Wayne McGregor skizziert die neue Enge der technischen Durchsetzung des Körpers – à la Wide Open der Chemical Brothers – mit marionettenhaften Tänzern und einer Videoebene, auf der Ravi Deepres die Überführung des Leibes in seine virtuelle Verbannung darstellt.

    Ingenieure der Körperwelt

    Deepres überschreibt dabei übrigens Beryl Korots Bilder in Reichs Three Tales. Beibehalten wird das Libretto, das dem Abendprogramm von MacMillan/McGregor/Ashton beigefügt ist: eine bei der Aufführung nicht durchwegs verständliche Akkumulation aus Zitaten von Ingenieuren der schönen neuen Körperwelt, in der die Ideologie der Körperverwertung raunt, raschelt und rumort. In dieses Mutantenparadies konnten sich bei der Premiere etwa Natascha Mair und Zsolt Török brillant einfühlen. In MacMillans Puppenstube spielten sehr schön Nikisha Fogo mit Denys Cherevychko, Nina Poláková mit Roman Lazik und im Solo Alice Firenze. Und bei Ashton schied Liudmila Konovalova in Jakob Feyferliks Armen anklagend hin. (Helmut Ploebst, 1.11.2017)

    Wiener Staatsballett in der Staatsoper, 3., 6., 10. 11. und im Juni 2018

    • Bis zur Überdehnung: Natascha Mair in "Eden | Eden".

      Bis zur Überdehnung: Natascha Mair in "Eden | Eden".

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