Empörung im Radsport über Nichtnominierung bei Sportlerwahl

    1. November 2017, 13:00
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    Österreichs Radfahrer sind nach der erfolgreichsten Saison seit langem bei der Vorauswahl zu Österreichs Sportlern des Jahres nicht unter den Top fünf. Dort steht mit Mensur Suljovic ein Dartspieler. Für Rudolf Massak, Generalsekretär des Radsportverbands "komplett unverständlich"

    Wien – Ist das eine Aufregung. Am Donnerstag (20.15 Uhr, ORF 1) werden im Rahmen der Lotterien-Sporthilfe-Gala in der Wiener Marx Halle der Sportler, die Sportlerin, die Mannschaft, die Aufsteiger und die Behindertensportler des Jahres in Österreich ausgezeichnet. Überraschungen sind so gut wie auszuschließen, an Marcel Hirscher und Österreichs Fußballerinnen sollte kein Weg vorbeiführen, unter den Sportlerinnen ist die Snowboarderin Anna Gasser zu favorisieren.

    Für die Sporthilfe, den ORF und die Sportjournalistenvereinigung Sports Media Austria, deren Mitglieder Österreichs Sportler des Jahres küren, ist es ein Wermutstropfen, dass Hirscher für die Gala abgesagt hat. Er wird am selben Abend in Prag als "ANOC Europa-Sportler 2017" geehrt, ANOC ist die Vereinigung der olympischen Komitees, unter denen abgestimmt worden war. Sie haben Hirscher u.a. dem Schweizer Tennisspieler Roger Federer und dem britischen Leichtathleten Mo Farah vorgezogen.

    Dass Hirscher, der in Österreich schon dreimal Jahressportler war, auf nationaler Ebene heuer hinter dem Skispringer Stefan Kraft angekommen sein könnte, der heuer ebenfalls zwei WM-Titel und den Gesamtweltcup holte, ist eher nicht zu erwarten. Eher entschied er sich für Prag, weil der europäische Markt größer als der österreichische ist.

    Ski und Fußball

    So oder so wird Österreich eine Ski- und Fußballnation bleiben. Andere Sportarten sind weitgehend abgemeldet. Über die aktuelle Kür – genau gesagt über die Vorauswahl der Top fünf bei den Männern – empörten sich zuletzt vor allem die Radfahrer. Die Empörung kommt nicht von ungefähr, schließlich blickt der heimische Radsport auf das erfolgreichste Jahr seit einer kleinen Ewigkeit zurück. Das war vor allem Stefan Denifl, der bei der Spanien-Rundfahrt Vuelta die Königsetappe gewann, und Lukas Pöstlberger zu verdanken, der beim Giro d’Italia nach seinem Sieg in der ersten Etappe als erster Österreicher das Rosa Trikot des Gesamtführenden trug.

    Der Tiroler Denifl (30), heuer auch Gewinner der Österreich-Rundfahrt, äußerte via Facebook zwar "allerhöchsten Respekt" für die fünf Nominierten Hirscher, Kraft, Jakob Pöltl (Basketball), Mensur Suljovic (Dart) und Dominic Thiem (Tennis) – aber auch Unverständnis. Später bekräftigte er, es sei "schade, dass die Wintersportler anscheinend mehr zum Zug kommen". Auch der Oberösterreicher Pöstlberger (25) konstatierte "geringe Wertschätzung uns gegenüber".

    "Größte Radsportleistung der Neuzeit"

    Der Generalsekretär des Radsportverbands (ÖRV), Rudolf Massak, sprach von einer "komplett unverständlichen Wahl". Schließlich sei Denifls Tagessieg bei der Vuelta "die wahrscheinlich größte Radsportleistung der Neuzeit" gewesen. "An diesem Tag hat er wirklich alle Kapazunder bezwungen. Ein epochaler Sieg." Und Pöstlbergers Giro-Tat sei historisch gewesen. Massak: "Zwanzig Leute fahren beim Giro mit Blick auf die Gesamtwertung. Die anderen 180 haben gewusst, die erste Etappe ist die eine Chance, das Rosa Trikot zu holen. Und geschafft hat das der Lukas."

    Wie Denifl und Pöstlberger will Massak "sicher keine andere Leistung schmälern". Aber er sagt auch, er habe "eine persönliche Sportrangliste, und in der kommt Darts nicht ganz vorne". Mit anderen Worten: "Olympische Sportarten sollten von vornherein schon mehr Wert haben." Mag sein, für den Radsport war es gewissermaßen ein Pech, dass nicht einer allein für die großen Erfolge sorgte. Denifl und Pöstlberger nahmen sich quasi gegenseitig Stimmen weg. Eine ähnliche Situation hatte es 2014 gegeben, als sich die "Skistimmen" auf Marcel Hirscher, Matthias Mayer und Mario Matt verteilten, weshalb Hirscher überraschend hinter David Alaba auf Rang zwei landete. Das war erst eine Aufregung. (Fritz Neumann, 1.11.2017)

    Die Finalisten der Wahl zu Österreichs Sportlern des Jahres 2017

    Sportler des Jahres (Sieger 2016: Marcel Hirscher/Ski alpin):

    Marcel Hirscher (Ski alpin)
    Stefan Kraft (Skispringen)
    Jakob Pöltl (Basketball)
    Mensur Suljovic (Darts)
    Dominic Thiem (Tennis)

    Sportlerin des Jahres (Sieger 2016: Eva-Maria Brem/Ski alpin):

    Ivona Dadic (Leichtathletik)
    Anna Gasser (Snowboard)
    Magdalena Lobnig (Rudern)
    Nicole Schmidhofer (Ski alpin)
    Manuela Zinsberger (Fußball)

    Mannschaft des Jahres (Sieger 2016: Thomas Zajac und Tanja Frank/Segeln):

    Clemens Doppler und Alexander Horst (Beach-Volleyball)
    ÖFB-Frauennationalteam (Fußball)
    ÖSV-Herrenteam Biathlon (Mesotitsch, Eberhard, Eder, Landertinger)
    Red Bull Salzburg U19 (Fußball)
    Vienna Capitals (Eishockey)

    Aufsteiger des Jahres (Sieger 2016: Lukas Weißhaidinger/Leichtathletik; Publikumswahl):

    Lucas Auer (Motorsport)
    Jakob Pöltl (Basketball)
    Stephanie Venier (Ski alpin)

    Anmerkung: Abgestimmt haben in den Hauptkategorien Sportler, Sportlerin und Mannschaft des Jahres die Mitglieder der Sportjournalistenvereinigung Sports Media Austria. Finalisten sind die jeweils fünf Stimmenstärksten pro Kategorie, die Reihung erfolgte vorerst alphabetisch. Vergeben werden zudem Auszeichnungen für Sportlerin und Sportler des Jahres mit Behinderung, Special-Olympics-Sportler des Jahres und "Sportler mit Herz".

    • "Historisch" und trotzdem nicht gewürdigt bei der Sportlerwahl: Lukas Pöstlberger trug als erster Österreicher das Rosa Trikot beim Giro nach seinem Sieg auf der ersten Etappe.
      foto: apa/afp/luk benies

      "Historisch" und trotzdem nicht gewürdigt bei der Sportlerwahl: Lukas Pöstlberger trug als erster Österreicher das Rosa Trikot beim Giro nach seinem Sieg auf der ersten Etappe.

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