Künstliche Gendefekte heilen Erbkrankheit im Reagenzglas

1. November 2017, 10:27
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Fanconi-Anämie-Fehler durch zweiten Defekt in Zellen ausgemerzt – Genaue Wirkungsweise aber noch unbekannt

Wien – Zwei Fehler machen eine Sache meist schlimmer als einer, doch in seltenen Fällen heben sie einander auf: So kann ein zusätzlicher, künstlich herbeigeführter Gendefekt die Schäden der Fanconi-Anämie in Zellen kaschieren, fanden Wissenschafter des Forschungszentrums für Molekulare Medizin (CeMM) in Wien heraus. Ihre Studie erschien im Fachjournal "Nature Communications".

Fanconi-Anämie ist eine seltene Erbkrankheit, von der etwa einer von 130.000 Menschen unabhängig von seiner ethischen Herkunft betroffen ist. In den Zellen der Patienten ist ein Signalweg defekt, der zur Reparatur von Erbgut-Schäden nötig ist, erklärten die CeMM-Forscher um Joanna Loizou in einer Aussendung. Daher könnten Quervernetzungen der DNA-Stränge während der Zellteilung nicht mehr aufgelöst werden, und in Folge leiden die Betroffenen unter Fehlbildungen, Blutarmut und haben ein erhöhtes Krebsrisiko.

Viren als "Genfähren"

Die Wissenschafter haben nun mithilfe der Genschere CRISPR/Cas9 eine Sammlung an Viren hergestellt, die als "Genfähren" jeweils einen weiteren Gendefekt in Fanconi-Anämie-Zellen bringen können. "Für nahezu jedes Gen im menschlichen Genom waren passende Viren dabei", schrieben die Wissenschafter. Pro Zelle wurde damit jeweils aber nur ein weiterer Fehler zusätzlich zum Fanconi-Anämie-Defekt eingeführt. Anschließend erzeugten die Forscher besagte DNA-Quervernetzungen und suchten nach Zellen, denen dies weniger ausmacht, als "normalen" Fanconi-Anämie-Zellen.

Dabei wurden sie fündig: Jene Zellen, deren Gene für einen bestimmten Eiweiß-Verband (BLM-Helikasekomplex) zerstört waren, verhielten sich fast so wie gesunde Zellen ohne Fanconi-Anämie-Defekt, so die Forscher. Mit solch einer speziellen "Synthetic Viability"-Analyse könne man also genetische Interaktionspartner identifizieren, die das Überleben von Zellen mit defekten DNA-Reparaturmechanismen fördern, meinen sie. Wie der BLM-Helikasekomplex mit dem Fanconi-Anämie-Defekt wechselwirkt und dabei den Fehler ausmerzt, könnten sie aber noch nicht sagen. (APA, red, 1.11.2017)

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