Wie das Laaer Knochenpuzzle entwirrt wurde

Blog2. November 2017, 07:24
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"Skelettreste aus dem Heimatmuseum Laa – unbestimmbar" steht auf einer Schachtel, die auf dem Dachboden des Rathauses von Laa an der Thaya entdeckt wurde. Damit muss man sich nicht (mehr) zufriedengeben

Als im Jahr 1974 auf dem Dachboden des Rathauses von Laa an der Thaya in Niederösterreich die kläglichen Reste des dortigen Heimatmuseums (1907–1938) entdeckt wurden, fand sich unter diesen Überbleibseln auch eine Schachtel mit menschlichen Knochen. In Ermangelung von Beschriftungen und jeglicher Dokumente zu den Beständen der alten Sammlung wurde sie damals mit "Skelettreste aus dem Heimatmuseum Laa – unbestimmbar" beschriftet und erneut auf einem Dachboden abgestellt. Dort fand ich diese Schachtel schließlich im Frühjahr 2016.

Sie enthielt ein Wirrwarr aus menschlichen Schädelfragmenten, Unterkiefern und Zähnen, ein Fragment eines Oberschenkelknochens sowie Mittelhand- und Mittelfußknochen eines Rindes. Meine Kollegin Edith Nechansky und ich, die wir im Auftrag eines Kulturvereins seit 2015 die Geschichte des Heimatmuseums aufarbeiten, konnten zunächst wenig Licht in diese Schachtel bringen. Zwar war Anfang März 2016 ein Eingangsbuch des Museums nach fast siebzig Jahren wiederaufgetaucht, es war uns aber nicht möglich, die einzelnen Schädelfragmente konkreten Funden zuzuordnen. Mit "unbestimmbar" wollten wir uns aber auch nicht zufriedengeben.

Die Transkription des Eingangsbuches und zusätzliche Recherchen ergaben, dass in das Heimatmuseum die Knochen von fünf bis acht menschlichen Individuen von fünf bis sieben verschiedenen Fundorten Eingang gefunden hatten. Diese Unschärfe ist widersprüchlichen oder fehlenden Angaben geschuldet. Nachdem eines der Skelette, das Grab Nummer 12 aus dem langobardischen Gräberfeld Neuruppersdorf (Niederösterreich), damals als kompletter Grabbefund in einer Vitrine ausgestellt war, konnten wir das schon einmal ausschließen. Wir hatten es vor allem mit Schädelskeletten und einem einzelnen Oberschenkelfragment zu tun.

Erster Anhaltspunkt

Es darf einen zunächst nicht wundern, dass von diesen Toten nicht mehr übrigblieb. Zum Zeitpunkt der Bergung der Funde, am Beginn des 20. Jahrhunderts, war es durchwegs noch keine gängige Praxis, das gesamte Skelett aufzubewahren. Man behielt oft nur den Schädel. Dieses Vorgehen spiegelt sich auch in der Auflistung der eingehenden Fundposten wider, wo stets nur vom Schädel die Rede ist. Hier stolperte ich jedoch über einen ersten Anhaltspunkt.

Im Dezember 1907 waren vier Fundgegenstände aus einem beim Sandabbau gestörten Grab in die Sammlung gelangt: ein kleines Gefäß, eine eiserne Lanzenspitze, eine Schädeldecke und "ein Oberschenkel, von dem das untere Gelenksende abgebrochen" war. Tatsächlich traf diese Beschreibung exakt auf zwei der Knochen zu: Eine in zwei Hälften zerbrochene Schädeldecke und der obere Schaft eines Oberschenkels zeigten zusätzlich auch eine identische Färbung und einen sehr ähnlichen Erhaltungsgrad. Bei dem Zufallsfund handelte es sich um das erste aufgedeckte Grab des bereits erwähnten Gräberfeldes von Neuruppersdorf. Die im Jahr 1930 erfolgte, planmäßige Ausgrabung orientierte sich an diesem Fund.

Abenteuerliche Theorie

Obwohl die Langobarden ihre Toten in sehr tiefen Grabschächten beisetzten (drei Meter und mehr), kam es damals aus Rohstoffmangel häufig zur Beraubung der Gräber, vor allem nach dem Abzug des Stammes nach Oberitalien im Jahr 568 nach Christus. Ziel der Grabräuber waren Gegenstände aus Bunt- und Edelmetall. Nur Unbrauchbares – also das Skelett und Beigaben aus Keramik, Eisen, Bein und Glas – verblieb als Durcheinander im Grab.

Nachdem die Toten fallweise noch im Sehnenverband waren, wurden bei der Beraubung, die man sich als nicht besonders appetitliche Tätigkeit vorstellen darf, manchmal einzelne Körperteile als Ganzes verfrachtet, Knochen mit dem Grabwerkzeug zerschlagen, und mitunter fand sich am Ende der Schädel zwischen den Beinen wieder. Ein Zusammenspiel aus der noch mangelhaften Grabungstechnik und der blühenden Phantasie mancher Ausgräber führte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter dem Eindruck solcher Befunde zu der abenteuerlichen Theorie einer "rituellen Leichenzerstückelung" bei den Langobarden. Auch das Gräberfeld von Neuruppersdorf, das heute in der Fachliteratur relativ stiefmütterlich behandelt wird, musste bei Eduard Beninger zum "Beweis" dieser Theorie herhalten.

Kleine Überraschung

Aber zurück zu unseren Knochen. Nachdem uns dieser eine mögliche Treffer noch zu wenig war, nahmen wir Kontakt mit Michaela Binder auf, die uns ihre Mitarbeiterin Leslie Quade vermittelte. Zuvor aber sollten die Knochen gereinigt werden.

Dabei kam es zu einer kleinen Überraschung. Sobald die Schädeldecke und das Oberschenkelfragment mit Wasser in Berührung gekommen waren, zeigten sich darauf verschwommene rote Zahlen. Diese Inventarnummern waren zwar objektiv nicht mehr zu entziffern, allerdings war ersichtlich, dass es sich um dreistellige Nummern handelte. Die anderen beiden menschlichen Schädel mit dreistelliger Eingangsnummer konnten wir ausschließen – es handelte sich um andersartige, jüngere Funde. Damit stand nun fest: Das war definitiv unser Langobarde.

Knochenpuzzle entwirrt

Als uns Quade schließlich in Laa besuchte, lichteten sich weitere Nebel. In weniger als einer halben Stunde hatte sie das Knochenpuzzle entwirrt. Sie setzte Ober- und Unterkiefer zusammen, fügte ausgefallene Zähne in leere Zahnfächer und passte Schädelknochen aneinander.

Spätestens seit dem Film "A Chinese Ghost Story III" wissen wir: Wenn man Tote zusammensetzt, bleiben am Ende manchmal auch ein paar Teile übrig. In unserem Fall waren das zwei Zähne, die in keines der Kiefer passen wollten. Sonst aber ergab sich ein sehr übersichtliches Bild.

Partieller Gesichtsschädel

Es lagen Überreste von vier bis sechs menschlichen Individuen (und eines Rindes) vor. An dem Toten aus Neuruppersdorf, einem erwachsenen Mann, stellte Quade Cribra orbitalia fest – ein Hinweis auf eine Stoffwechselerkrankung oder Mangelernährung während der Kindheit beziehungsweise Jugend.

Ein Unter- und ein Oberkiefer konnten zu einem partiellen Gesichtsschädel zusammengesetzt werden, der deutlich besser erhalten war als manche anderen Knochen. Wir schlossen daraus, dass es sich um die als "Ober- und Unterkiefer" bezeichnete Inventarnummer 726 handeln musste – gefunden in Laa beim Abriss der "Einsetz" im Jahr 1907.

Tumultartige Auffindungssituation

Dieses Gebäude bildete den letzten Rest einer ehemaligen Klosterkirche des Minoritenordens. Innerhalb beziehungsweise unterhalb des Gebäudes herrschten für die Knochen wohl auch bessere Erhaltungsbedingungen, weil sie vor verschiedenen Umwelteinflüssen geschützt waren. Die Überreste sind zudem verhältnismäßig jung – das mittelalterliche Kloster wurde erst nach zwei Großbränden in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts aufgegeben.

Quade stellte einen verheilten Bruch des rechten Kiefergelenks an dem Schädel des 25- bis 35-jährigen Mannes fest. Schließlich erweckten die Schäden an den Knochen den Eindruck, als wäre ein Grabwerkzeug, vermutlich ein Spaten, im Bereich der linken Augenhöhle eingedrungen und im rechten Unterkiefer steckengeblieben. Das passt auch zu dem Bild dieser Baustelle, von der 1907 "ganze Säcke voll Totengebeine[n]" weggeschafft wurden. Hier wurde keine große Sorgfalt bei der Bergung an den Tag gelegt – es ging darum, eine Baugrube auszuheben.

Es bleiben Fragezeichen

Auch an einem Gehirnschädelfragment zeigte sich eine frische Beschädigung durch ein Werkzeug. Es gehörte nicht zu dem Gesichtsschädel, war aber ebenso gut erhalten wie ein weiterer Unterkiefer, den Quade jedoch nicht sicher dem Schädelbruchstück zuordnen konnte. Bedenkt man die tumultartige Auffindungssituation 1907, so wäre auch nicht verwunderlich, dass damals zwei unterschiedliche Individuen zusammengewürfelt worden wären. Im Falle dieser Reste muss am Ende also ein Fragezeichen stehen bleiben.

Den letzten Schädel, der in insgesamt neun Fragmente zerfallen war, konnte Quade als den einer erwachsenen Frau über 20 identifizieren. An dem Hinterhauptsbein, nahe der Lambdanaht, ist eine partielle Grünfärbung zu bemerken, die einen – wenn auch schwachen – Hinweis darauf liefert, dass es sich um den Schädel einer (vermutlich spätbronzezeitlichen) Bestattung handelt, die 1926 von dem Museumskurator Karl Müller südwestlich von Laa ausgegraben wurde. Er erwähnt im Eingangsbuch nämlich ein auf dem Schädel liegendes Bronzeplättchen. Auch in diesem Fall bestehen Zweifel – bei den Fragmenten kann es sich ebenso gut um den Kopf einer keltischen Frau handeln, deren Grab 1921 in der Nähe des neuen Laaer Friedhofes gefunden wurde. Es enthielt einige Schmuckgegenstände, die heute, wie so vieles andere aus dem Heimatmuseum, größtenteils verschollen sind.

Angesichts unserer Ausgangslage war das am Ende ein durchaus schönes Ergebnis – auch wenn, objektiv betrachtet, einige Unsicherheiten bestehen bleiben. Zuletzt blieb vor allem aber offen, wer diese beiden einsamen Zähne vermisst. Bei Leslie Quade möchten wir uns hier noch sehr herzlich für ihre kostenlose Expertise bedanken! (Leopold Toriser, 2.11.2017)

Leopold Toriser ist Archäologe und Kabarettist. Gemeinsam mit Edith Nechansky arbeitet er seit 2015 im Auftrag des Vereines zur Förderung der Erneuerung von Laa an der Thaya die Überreste des Heimatmuseums der Stadt Laa an der Thaya und Umgebung auf.

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