Lehrergewerkschaft will Reformpaket aufschnüren

    1. November 2017, 13:18
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    Die Klassenschülerhöchstzahl soll ins Gesetz zurück, sagt Vorsitzender Kimberger. Den ÖVP-Experten Salcher hält er für einen Scharlatan

    Wien – Die Lehrergewerkschaft war mit dem vor dem Sommer beschlossenen Autonomiepaket nie so recht zufrieden. Die türkis-blauen Koalitionsverhandler haben bereits anklingen lassen, dass die neue Regierung Beschlüsse der alten Regierung zurücknehmen könnte. Bei der Schulreform hat Paul Kimberger, Vorsitzender der Pflichtschullehrergewerkschaft und Christgewerkschafter, bereits eine Idee: "Die Abschaffung der Klassenschülerhöchstzahl war katastrophal", sagt er zum STANDARD.

    Er fordert, dass die Höchstzahl von 25 Schülern pro Klasse wieder in den Gesetzestext kommt. Derzeit ist sie als Richtwert formuliert. Noch-Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) erhoffte sich von der Aufhebung freiwerdende Ressourcen für besondere Förderung. Schulen sollen künftig autonom entscheiden, welche Inhalte sie in größeren Klassen unterrichten, damit sie bei anderen kleinere Gruppen bilden können.

    Reformbeschluss schon unter Kurz

    Die schwarze Lehrergewerkschaft sowie die FPÖ waren von Anfang an gegen die Aufhebung der Klassenschülerhöchstzahl. Nach einigem Zögern hat die ÖVP im Juni – damals schon unter Sebastian Kurz – der Bildungsreform doch noch zugestimmt. Kimberger ist nun irritiert darüber, dass im Wahlkampf die Reform als wenig gelungen kritisiert wurde. "Im Parlament haben alle brav die Hand gehoben."

    Bildungsthemen werden zwischen ÖVP und FPÖ im Cluster "Zukunft" verhandelt, für die Türkisen leitet Generalsekretärin Elisabeth Köstinger, für die Blauen Alex Kassegger die Gruppe. Die Volkspartei hat sich als externen Berater, der aber nicht aktiv mitverhandeln soll, den ehemaligen ÖVP-Politiker Andreas Salcher geholt. Salcher hat diverse Bücher zum Thema Schule geschrieben und die Sir-Karl-Popper-Schule in Wien mitgegründet.

    Salcher statt Taschner

    Bei den Lehrergewerkschaftern sorgt das für wenig Begeisterung. "Salcher hat weder in einer Schule unterrichtet noch ein pädagogisches Studium absolviert", sagt Kimberger. Lieber wäre ihm der Mathematiker Rudolf Taschner gewesen, der für die ÖVP als Bildungssprecher ins Parlament einzieht: "Er hat Profil gezeigt und sehr vernünftige Ansätze."

    Damit meine er vor allem Taschners Verweis auf den Leistungsgedanken, der den Schulen abhandengekommen sei. Dezidierte Ablehnung von Kimberger kommt zu Taschners Kolumne aus dem Jahr 2012, in der er Ohrfeigen für Kinder als "Gewitter mit dem kurzen, reinigenden Schmerz" bezeichnet hatte. "Ich lehne jede Art der Gewalt ab", sagt Kimberger. Auch Taschner hat bereits gesagt, dass er das so heute nicht mehr schreiben würde.

    "Populist" und "Scharlatan"

    Für Salcher hat Kimberger jedenfalls nur kritische Worte übrig. "Er ist ein selbsternannter Bildungsexperte, dem es nicht um die Schulen geht, sondern um die Verkaufszahlen seiner Bücher." Salcher sei ein "Populist" und "Scharlatan", dessen Aussagen "beschämend und abqualifizierend" für Lehrer seien.

    Salcher selbst macht sich nicht viel aus dieser Kritik. "Kurz sucht sich seine Leute selbst aus", sagt der studierte Betriebswirtschaftler zum STANDARD und verweist auf die Gründung der Popper-Schule, die weltweit eine der erfolgreichsten sei.

    Das beschlossene Schulautonomiepaket hält Salcher für "einen ersten richtigen Schritt". Nun dürfe kein "Zurückstufen" des bereits Beschlossenen passieren. Man müsse sich jetzt einmal anschauen, wie die Reform funktioniere.

    Salcher: Schulen an die Spitze bringen

    Als Bildungsberater will Salcher vor allem auf einen "Grundkonsens, dass wir Österreichs Schulen an die Spitze bringen müssen", pochen. Bisher sei das nur in den Sonntagsreden der Politiker vorgekommen, man müsse dafür einen breiten, gesamtgesellschaftlichen Konsens finden.

    Eine weitere Forderung: "Kinder, die in die Volksschule kommen, müssen Deutsch können." Gelingen soll das unter anderem mit einem zweiten verpflichtenden Kindergartenjahr "für die, die es brauchen". Auch die von Kurz vorgesehene Bildungspflicht hält Salcher für eine gute Idee. Im ÖVP-Programm wird darunter verstanden, dass Schüler erst die Schule abschließen können, wenn sie sich bestimmte Grundkenntnisse angeeignet oder das 18. Lebensjahr vollendet haben.

    Lesen, Schreiben, Rechnen

    Eine stärkere Vermittlung der Grundkenntnisse findet sich auch auf Kimbergers Forderungsliste. "Wir müssen uns auf das Wesentliche wie Lesen, Schreiben und Rechnen konzentrieren." Neben der Rückkehr des Leistungsgedankens an die Schulen und Investitionen in die Sonderpädagogik ist ihm die soziale Kompetenz wichtig. "Es ist nicht tragbar, dass einzelne Schüler sämtliche Ressourcen binden." Er wiederholt seine Idee von "Time-out-Klassen", die Schüler besuchen sollen, die im regulären Unterricht "nicht mehr tragbar sind". Dafür benötigt würde auch mehr Unterstützungspersonal für die Schulen. "Würden wir uns am OECD-Durchschnitt orientieren, müssten wir zwei Milliarden mehr ins Schulsystem investieren." (Lisa Kogelnik, 31.10.2017)

    • Paul Kimberger ist Vorsitzender der Pflichtschullehrergewerkschaft.
      foto: apa/herbert pfarrhofer

      Paul Kimberger ist Vorsitzender der Pflichtschullehrergewerkschaft.

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