Home Mini: Googles Amazon-Echo-Herausforderer im Test

    12. November 2017, 17:27
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    Smarter Lautsprecher zum Einsteigerpreis – Assistent mit verblüffend nützlichen Möglichkeiten aber auch Defiziten

    Ein Computer, der auf Zuruf all das tut, was man ihm gerade anschafft, und natürlich sämtliche Wissensfragen korrekt beantworten kann – diese Vision hat nicht zuletzt die Fernsehserie Star Trek in vielen Köpfen verankert. Doch was die Serienmacher da vor einigen Jahrzehnten ersonnen haben, blieb lange ein unerreichbares Ziel – Fiktion eben. In den letzten Jahren hat die Spracherkennung aber dermaßen starke Fortschritte gemacht, dass solche Systeme zunehmend in Griffweite gekommen sind. Digitale Assistenten von Amazon, Apple und Co. haben sich ganz der Spracheingabe verschrieben, smarte Lautsprecher sollen wiederum dafür sorgen, dass all dies im gesamten Haushalt verfügbar ist – also beinahe unsichtbar wird.

    Google Home Mini

    Eines jener Unternehmen, das sich seit Jahren ganz offen dieser Vision des Star-Trek-Computers verschrieben hat, ist Google. So verwundert es denn auch nicht, dass der Softwarehersteller derzeit neben Amazon jenes Unternehmen ist, das besonders offensiv in die Entwicklung von smarten Lautsprechern und der darauf laufenden Software investiert. Mit dem Google Home Mini gibt es nun seit kurzem das zweite diesbezügliche Gerät des Android-Herstellers, und zwar eines, das – zumindest finanziell – den Einstieg in die Welt des smarten Zuhauses weiter senken soll.

    foto: andreas proschofsky / der standard
    Google Home Mini: Die Oberseite ist aus Stoff gehalten.

    Mit einem Preis von 59 Euro ist das Google Home Mini erheblich billiger als das um 149 Euro angebotene Google Home. Ein Unterschied, dessen Signifikanz man nicht verkennen sollte, befindet es sich doch damit in einer Region, bei der viele schnell mal einen Spontankauf tätigen – immerhin hält sich der Schaden bei Nichtgefallen in Grenzen.

    Unterschiede zwischen Klein und Groß

    Von der Funktionalität her halten sich die Unterschiede zwischen Google Home und Home Mini in engen Grenzen, prinzipiell kann der Assistent nämlich bei beiden Geräten exakt das Gleiche. Die relevante Differenz macht insofern der Lautsprecher aus, heißt: Diese sind beim teureren Modell deutlich stärker, was sich vor allem bei der Musikwiedergabe bemerkbar macht. Die Sprachausgabe klingt trotzdem auch beim Home Mini recht klar, die Mikrofone funktionieren ebenfalls gut genug, um den Nutzer noch aus dem anderen Ende des Raums problemlos zu verstehen. Im Vergleich zum direkten Pendant von Amazon – dem Echo Dot – klingt das Google Home Mini übrigens deutlich besser, zudem fällt die maximale Lautstärke höher aus.

    Der schwächere Lautsprecher hat zufolge, dass das Home Mini erheblich kleiner ist als das reguläre Google Home. Im Grund kann man sich das Gerät von der Größe her in etwa wie einen etwas flachgedrückten Krapfen vorstellen. Die Oberseite ist dabei mit einem Stoff überzogen, was dem Ganzen einen recht dezenten Look gibt, der sich auch gut in ein Wohnzimmerambiente einfügt. Fraglich bleibt dabei nur, wie gut oder schlecht der Stoff altern wird.

    Externe Kommunikation

    Im Vergleich zum Echo Dot vermisst man die Möglichkeit direkt einen Lautsprecher anzuschließen. Allerdings kann jedes Google-Home-Gerät die Musikwiedergabe an ein beliebiges Chromecast im Netzwerk weitergeben. Insofern ließe sich also für solche Aufgaben ein Default-Lautsprecher wählen, um sich den schwachen Sound des Home Mini zu ersparen – freilich ist das natürlich dann auch nocht mit der Anschaffung eines Chromecast Audio verbunden. Umgekehrt kann das Home Mini übrigens selbst wie ein Chromecast angesprochen werden, also etwa um Podcasts oder Musik vom Handy oder Desktop dorthin zu schicken. Auch eingehende Bluetooth-Kommunikation akzeptiert das Home Mini.

    An der Rückseite des Geräts befindet sich ein Schalter, mit dem das Mikrofon manuell deaktiviert werden kann. Dabei hat Google aber nur begrenzt mitgedacht, lässt sich dieser Schritt doch auch über einen Sprachbefehl vornehmen, was dann bedeutet, dass die Position des Schiebereglers nicht mehr mit dem realen Zustand des Lautsprechers übereinstimmt. Hier wäre ein simpler Knopf wie beim größeren Home sinnvoller gewesen.

    Touch

    Unter der Abdeckung sind zudem einige Touch-Flächen versteckt. So lässt sich über leichtes Berühren an den Rändern die Lautstärke regulieren – was aber natürlich auch auf Zuruf oder mittels der zugehörigen App erledigt werden kann. In der Mitte ist eigentlich ein Touch-Feld, um den Assistant manuell aufzurufen, angebracht. Dieses hat Google aber nach einem peinlichen Bug mittlerweile komplett deaktiviert. Ein Hardwaredefekt am betreffenden Touch-Sensor hatte bei einzelnen Geräten dazu geführt, dass die Spracherkennung durchgängig lief. Dies fiel zwar angesichts des dadurch generierten Datenvolumens schnell auf, hat aber natürlich bei vielen ohnehin schon latent vorhandene Privatsphärenbedenken neu befeuert. Insofern ist es wohl besser, dass Google diesen Button lieber gleich ganz deaktiviert.

    foto: andreas proschofsky / der standard
    An der Rückseite des Geräts gibt es einen Stromanschluss (MicroUSB) und einen Schieberegler, um das Mikrofon zu deaktivieren.

    Ablauf

    Die Steuerung eines Google Home (Mini) funktioniert ähnlich wie beim Amazon Echo. Über ein Keyword – in diesem Fall wahlweise "Hey Google" oder "Ok Google" – wird der Lautsprecher aufgeweckt, anschließend wartet er auf die eigentlichen Befehle. Das funktioniert mittlerweile ziemlich zuverlässig und vor allem sehr flott, es ist also möglich gleich nach dem Keyword ohne Unterbrechung weiterzureden. Was auch erfreut: Reagierten solche smarten Lautsprecher noch vor nicht allzu langer Zeit gerne einmal sogar, wenn etwas gesagt wurde, das nur entfernt an das jeweilige Keyword erinnert, zeigen sich solche Probleme mittlerweile nicht mehr. Wer mehrere Google Homes im Haus hat, braucht sich übrigens keine Sorgen machen, dass diese alle gleichzeitig anspringen. Mittlerweile reagiert tatsächlich nur mehr jenes Device, das gerade am nähesten zum Sprecher ist.

    Wozu das alles?

    Die für viele entscheidende Frage ist dabei aber wohl: Wozu sollte ich mir so etwas überhaupt zulegen? Google beantwortet dies mit einem Verweis auf eine ständig wachsende Liste an Fähigkeiten. Von gewohnten Kernkompetenzen wie der Beantwortung allfälliger Wissensfragen und der Wiedergabe von Musik reicht die Palette an verfügbaren Funktionen mittlerweile über das Eintragen von Terminen in den eigenen Kalender bis zur Steuerung des Lichts – die notwendigen "smarten" Lampen natürlich vorausgesetzt. Statt sich hier in einer endlosen Liste zu verlieren, im Folgenden lieber ein Liste von Dingen, die aktuell bereits sehr gut funktionieren – und was eher nicht.

    Highlights

    • Eine der nützlichsten Funktionen ist das Morning Briefing, das über anstehende Termine, Verkehr und Wetter informiert, um dann individuell ausgewählte News-Podcasts abzuspielen
    • Besonders positiv fällt das Zusammenspiel mit einem Chromecast aus: Mit einem simplen "Spiel 'Logan' auf dem Fernseher ab" wird in einem solchen Setup der Fernseher eingeschaltet, auf den richtigen Eingang gewechselt und der betreffende Film gestartet. Auch Pausieren oder Vor- und Zurückspringen um einen frei definierbaren Zeitraum funktioniert anschließend per Sprachbefehl.
    • Mit "Find my Phone" kann das eigene (Android)-Smartphone auf maximaler Lautstärke zum Läuten gebracht werden. Das geht zwar auch über den Computer, ist per Sprachbefehl aber wesentlich schneller.
    • Der Multi-User-Support von Google Home funktioniert mittlerweile tadellos. Dabei werden private Informationen – etwa Kalendereinträge – passend für die jeweils gerade sprechende Person geliefert – und zwar nur für diese. Für die Zukunft wäre noch zu wünschen, dass die Home-Nutzung generell auf erkannte Stimmen begrenzt werden kann, um das Auslösen durch Werbespots oder Dialoge in Serien und Filmen zu verhindern.
    • Google liefert laufend nette Gimmicks wie aktuell etwa ein Halloween Easter Egg ("Let's get spooky") bei dem alle Geräte gleichzeitig mit passender Musik und Videos bespielt werden und das Licht zu flackern beginnt. In den USA sind zudem gerade einige Funktionen für Kinder hinzugekommen, die sich von Google Home Geschichten erzählen lassen und Spiele spielen können.

    Lowlights

    • Die Nutzer müssen noch immer oft darüber nachdenken, wie sie eine Frage formulieren sollen, damit der Google Assistant sie versteht. Zwar ist der Assistent in dieser Hinsicht in den letzten Monaten deutlich besser geworden, jeder solcher Vorfälle bricht aber die Illusion, und reduziert die Chance, dass man das Gerät wieder nutzen will.
    • So etwas wie Videos abspielen funktioniert natürlich nur mit jenen Services, die Google Home unterstützen – und wie weit der jeweilige Support gediehen ist, variiert zusätzlich. So ist es etwa möglich, Netflix-Serien auf Zuruf zu starten, eine spezielle Folge (etwa die aktuellste) lässt sich dabei bislang aber nicht auswählen. Solche Inkonsistenzen machen das Ganze für die User unberechenbar.
    • Die Verwendung von "Ok Google" und "Hey Google" als Keywords wurde oft kritisiert – und zwar zurecht. Einen solch bekannten Markennamen durch die Gegend zu rufen hat eine höhere Hemmschwelle als einen generischen Begriff wie "Alexa" zu verwenden, wie es Amazon bei seinen Geräten tut.
    • Viele der spannendsten Features gibt es zunächst nur auf Englisch und zum Teil sogar auf einzelne Regionen beschränkt. Dass etwa ein Stranger-Things-Spiel auf die USA und Kanada beschränkt ist, obwohl die Serie von Netflix global angeboten wird, ist logisch nicht wirklich nachvollziehbar.
    • Google Home funktioniert nur mit privaten Google Accounts. Wer einen Gsuite-Account hat, kann diesen also nicht benutzen.
    foto: andreas proschofsky / der standard
    Durch den Stoff leuchten bei Bedarf die LEDs, weiß signalisiert dabei Aktivität, rot dass das Mikrofon deaktiviert ist.

    Amazon vs. Google

    Auch wenn andere Hersteller wie Apple und Microsoft ebenfalls an ihren digitalen Assistenten arbeiten, so haben sich doch aktuell – zumindest vorerst – Amazon und Google als die beiden dominanten Unternehmen in diesem Bereich herauskristallisiert. Daraus ist im vergangenen Jahr ein regelrechter Wettlauf entstanden, bei dem sich die Hersteller fast schon im Wochentakt mit immer neuen Features zu übertrumpfen versuchen, und beide natürlich rasch voneinander abkupfern. Auch sonst ist es derzeit praktisch unmöglich, einen eindeutigen Gewinner zu küren. Momentan sieht es in etwa so aus: Google liegt weiterhin bei Wissensfragen und im Zusammenspiel mit Chromecast und Co. vorne, Amazon hat dafür mehr Support von Drittanbietern im Smart-Home-Bereich zu bieten. Im Endeffekt ist die Wahl zwischen Google Home und Amazon Echo insofern vor allem eine Geschmacksfrage, und natürlich eine die davon abhängt, in welchem Produkt-Ökosystem man stärker verankert ist.

    Auswahl

    Wer einfach einmal in den Bereich smarte Lautsprecher hineinschnuppern will, ist insofern sowohl mit einem Google Home Mini als auch mit einem Amazon Echo Dot bestens bedient – alleine schon aufgrund des geringen Anschaffungspreises. Ein kleiner Vorteil für Amazon ist dabei, dass das Home Mini derzeit in weniger Ländern verfügbar ist, so fehlt bei Google aktuell etwa Österreich auf dieser Liste. Aus Deutschland ist das Home Mini aber relativ problemlos zu beziehen.

    Grundlegende Bedenken

    Bei all dem bisher Gesagten, darf natürlich nicht unerwähnt bleiben, dass es auch grundlegende Bedenken gegen solche smarten Lautsprecher gibt. Immerhin stellt man sich damit ein Gerät in die Wohnung, das mit Mikrofonen ausgestattet theoretisch alles in der Umgebung Gesprochene mitlauschen könnte. Da können die Hersteller noch so oft versichern, dass erst nach dem Aussprechen des Keywords Daten an die eigenen Server übertragen werden, bei vielen bleibt trotzdem ein mulmiges Gefühl zurück, egal ob das angesichts dessen, dass sich bei Smartphones oder vielen Fernsehern eigentlich die exakt selbe Problematik stellt, jetzt rational ist oder nicht. (Andreas Proschofsky, 12.11.2017)

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