ÖBB-Güterverkehr hinkt Aufschwung hinterher

30. Oktober 2017, 07:09
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Die Konjunktur läuft wie geschmiert, die Straßengütertransporte auch. Nur die Schiene profitiert kaum. Die ÖBB-Güterbahn blieb hinter Plan

Wien – Im Juni vom Konjunkturaufschwung kalt erwischt, konnte der ÖBB-Güterverkehr von der anziehenden Industriekonjunktur auch bis Ende August nicht wirklich profitieren. Zumindest in den Geschäftszahlen schlagen sich die verstärkte Nachfrage nach Rohstoffen und die gute Auftragslage der Produktionsbetriebe bis dato kaum nieder.

Bis Ende August verzeichnete die ÖBB-Güterbahn Rail Cargo Austria (RCA) mit Umsatzerlösen in Höhe von 1,45 Milliarden Euro wohl ein Plus von 7,5 Prozent, sie liegt damit allerdings deutlich hinter ihren eigenen Erwartungen, zumal das Vorjahr bei Umsatz und Ergebnis noch zu den schwächeren Jahren nach der Krise zählte. Deutlich angezogen haben die Produktionswerte der Industrie erst 2017.

Unter Fünfjahresplan

Der Fünfjahresplan der ÖBB, der alljährlich an die wirtschaftlichen Gegebenheiten angepasst wird und großteils auf Mehrjahresverträgen mit großen Kunden wie Voestalpine oder Autozulieferern basiert, sah mit 1,51 Milliarden Euro Umsatz um 4,2 Prozent höhere Einnahmen vor. Ähnlich das Bild beim operativen Ergebnis (Ebit) nach acht Monaten: Es übersteigt den Vorjahreswert mit 28,04 Millionen Euro zwar um 16,2 Millionen Euro oder 137 Prozent, bleibt laut der dem STANDARD vorliegenden Gewinn- und Verlustrechnung (IFRS) von Jänner bis August allerdings um 28,2 Prozent hinter Plan. Das für das Gesamtjahr eingestellte Ebit von knapp 62 Millionen Euro scheint damit unerreichbar, denn selbst der zweite RCA-interne "Forecast" sieht nur mehr ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von 51,2 Millionen Euro vor, also 15 Prozent hinter Vorjahreswert.

"Kein Stau mehr"

Seitens der ÖBB wollte die Zahlen niemand kommentieren. Man räumt aber "etwas zu optimistische Planungen" ein. Mengenmäßig laufe es allerdings gut, wird betont, ohne detaillierte Zahlen zum aktuellen Transportvolumen zu nennen. Als Grund wird "ein höheres Störgeschehen" in Deutschland, Italien und Ungarn genannt, das Beförderungszeiten verlängere und so die Transportqualität beeinträchtige. Immerhin gebe es keinen Rückstau mehr, heißt es in Anspielung auf das Debakel in Juni und Juli an Österreichs Ostgrenzen, wo an die hundert Güterzüge aufgrund von Ressourcenengpässen tagelang nicht abgefertigt werden konnten – der STANDARD berichtete.

Allen Widrigkeiten zum Trotz werde RCA auch heuer wieder ein Ebit in der Größenordnung von 55 bis 60 Millionen Euro einfahren und damit die profitabelste Güterbahn Europas sein, betont man seitens der ÖBB. Selbst Preiserhöhungen werden ins Auge gefasst. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, müsste die RCA in den letzten drei Monaten des Jahres einen Turbo zünden. Das sei mit Rüben- und anderen Agrartransporten möglich, die haben jetzt Hochsaison, heißt es. Generell sei das letzte Trimester das stärkste des Jahres, betont man in der Bahn.

Allerdings müsste auch der Margenverfall, den ÖBB-Holding-Chef Andreas Matthä seit Monaten beklagt, zum Stillstand kommen. Er lässt die Erträge seit Jahren erodieren, ist insbesondere bei sogenannten Ganzzugtransporten, also Güterzügen mit einheitlicher Ladung, im Güterbahnsektor massiv. Marktpreismäßig sei die Situation sehr angespannt, räumt die ÖBB ein.

Österreich-Geschäft unter Druck

Ein Blick in die RCA-Zahlen, aufgeschlüsselt nach Konzerntöchtern, zeigt das Dilemma: Der Umsatz des in der RCA-AG gebündelten Österreich-Geschäfts war bis Ende August mit 676 Millionen Euro zwar um 9,5 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum, im Ebit schlägt sich dies aber nicht nieder. Im Gegenteil, das operative Ergebnis ist von 9,2 auf 15 Millionen Euro noch tiefer ins Minus abgerutscht. Im Plan war eine rote Null vorgesehen, nach minus 9,2 Millionen Euro im Vorjahr. Man möge diese Zwischenbilanz nicht überbewerten, heißt es seitens der Bahn, darin seien Konsolidierungseffekte nicht enthalten.

Insgesamt ist der Gütertransport wieder stark im Steigen. Freilich in erster Linie auf Österreichs Straßen. Zahlen für 2017 gibt es noch nicht. Aber 2016, noch ohne Wirtschaftsaufschwung, erhöhte sich das von in- und ausländischen Schwerfahrzeugen erbrachte Transportaufkommen um 5,7 Prozent auf 488 Millionen Tonnen. Die Transportleistung im Inland stieg laut Statistik Austria um 3,1 Prozent auf 38,5 Milliarden Tonnenkilometer. Am stärksten stieg das Transportaufkommen im Inlandsverkehr (plus 7,2 Prozent auf 355,4 Millionen Tonnen), der grenzüberschreitende Empfang erhöhte sich um 3,1 Prozent auf 45,4 Millionen Tonnen, der grenzüberschreitende Versand um 2,9 Prozent auf 39,5 Millionen Tonnen. Den geringsten Zuwachs hatte der Transitverkehr (plus 0,7 Prozent auf 47,7 Millionen Tonnen). (Luise Ungerboeck, 30.10.2017)

  • Um die Güterbahnen zu alten Rekordhöhen zurückzuführen, müssten Stahl-, Rohstoff- und Fahrzeugtransporte auf der Schiene noch viel stärker steigen. Allerdings wurde der ÖBB-Güterverkehr vom Aufschwung kalt erwischt, es gab Kapazitätsprobleme.
    foto: christian fischer

    Um die Güterbahnen zu alten Rekordhöhen zurückzuführen, müssten Stahl-, Rohstoff- und Fahrzeugtransporte auf der Schiene noch viel stärker steigen. Allerdings wurde der ÖBB-Güterverkehr vom Aufschwung kalt erwischt, es gab Kapazitätsprobleme.

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