"Thor: Ragnarok": Durch des Teufels Hintern

    30. Oktober 2017, 08:05
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    Im Actionblockbuster tritt der Götterheld mit Hammer und viel Selbstironie gegen seine böse Schwester an. Das Marvel-Universum expandiert derweil weiterhin fröhlich in alle Richtungen

    Wien – Als sich der Medienkonzern Marvel Entertainment vor zwölf Jahren dazu entschloss, mit eigenen Studios die Abenteuer seiner Comichelden zu verfilmen, war das Universum als Trademark wohl schnell zur Hand: Marvel Cinematic Universe (MCU) nennt sich denn seither auch jenes Franchise, das in den vergangenen Jahren die umsatzstärksten Filme aller Zeiten hervorbrachte.

    Allein das Aufeinandertreffen der diversen Superhelden rund um Captain America, Iron Man, Hulk und Co in Marvels: The Avengers (2012) sorgte für weltweite Einnahmen von über 1,5 Milliarden US-Dollar – nur an der Kinokasse wohlgemerkt. Rechnet man den Gesamtumsatz aus der Sekundärverwertung – vom Computerspiel bis zur Bubenbettwäsche – hinzu, übersteigt der Gewinn des Blockbusters das Bruttoinlandsprodukt von Staaten wie beispielsweise Liberia.

    Chaos für Quereinsteiger

    Tatsächlich wuchert das Marvel-Universum nach wie vor mit jedem neuen Film weiter, erschließt sich seriell ständig neue Märkte und expandiert in alle Richtungen. Die Filme selbst sind dabei längst nicht mehr als der dafür notwendige Treibstoff. Man bekommt auf der Leinwand das, was man erwartet und verdient, und wer im kalifornischen Burbank verdient, das weiß man.

    Wer als Zuschauer dabei den Überblick verloren hat oder als verspäteter Quereinsteiger einen solchen nie besaß, für den existieren glücklicherweise Timelines, um das Chaos, das die Superhelden mehr anrichten als verhindern, chronologisch ordnen zu können. Aktuell sollte man – abgesehen von bis zum Urknall zurückreichenden Ausflügen in die Vergangenheit – mit Captain America (2011) als Supersoldat im Zweiten Weltkrieg beginnen. Thor: Tag der Entscheidung, der jüngste Teil der Saga rund um den Donnergott, ist übrigens auf einem der hinteren Ränge platziert, gleich nach Spider-Man: Homecoming (2017), aber noch vor dem im Februar 2018 zu erwartenden Black Panther.

    marvel entertainment

    Für Thor: Tag der Entscheidung hat man sich bei Marvel entschieden, den Götterhelden, dessen bisherige eigenständige Abenteuer einen nicht so hohen Gewinn erwirtschafteten wie erwartet, einer kleinen Überarbeitung zu unterziehen. Jedenfalls beweist der neuseeländische Komödienregisseur Taika Waititi (dessen Horrorcomedy What We Do in the Shadows über den Alltag einer Vampirwohngemeinschaft mittlerweile sogenannten Kultstatus genießt) auch bei seinem ersten Großeinsatz ausreichend Humor.

    Bunt und bumsfidel

    Waititi, seine vier Drehbuchautoren und der restliche Generalstab nehmen die ganze Angelegenheit – also Figuren inklusive Erzählung, Ausstattung und Kostüme – nicht allzu ernst. Das Ergebnis erinnert deshalb mitunter an eine Sitcom, bei der die bumsfidelen Pointen immer zulasten desjenigen gehen, der gerade am dümmsten aus seinem Heldenkostüm oder aus einer bunten Kulisse schauen kann. Manchmal erweisen sich auch Situationskomik, Peniswitze und humoristische Einlagen nahe am Slapstick als zweckdienlich.

    Der Untergang, der sich mit dem Originaltitel Thor: Ragnarok ankündigt, betrifft diesmal allerdings nicht die Erde, sondern die Heimat des Hammerwerfers (Chris Hemsworth). Denn die von Vater Odin (Anthony Hopkins) aus Asgard entfernte Tochter Hela (Cate Blanchett als Todesgöttin) kehrt an ihren Hauptwohnsitz zurück, erweckt eine Armee von Skeletten zum Leben und kann nur in letzter Minute von ihren sich im Schulterschluss übenden Brüdern Thor und Loki (Tom Hiddleston) besiegt werden. Soweit die, nun ja, Handlung.

    Dass Marvel zum Disney-Konzern gehört, kann man unter anderem gut an Blanchetts Kostümierung erkennen: Als eine Mischung aus Rapunzels Mutter Gothel und böser Fee Maleficent streift sich Odins Erstgeborene ihr Geweih über, um im schwarzen Fetischoutfit ihrem Anspruch auf das Erbe Nachdruck zu verleihen. Und das, während sich der seines Werkzeugs Mjölnir beraubte Thor auf einem von Jeff Goldblum als affektiertem Diktator ("Ass-guard") beherrschten Gefängnisplaneten wiederfindet, auf dem er sich als Gladiator verdingen muss.

    Dass sich in der Arena ein Wiedersehen mit dem unlängst ins Weltall katapultierten Hulk (Mark Ruffalo) sowie die Bekanntschaft mit einer ehemaligen Walküre (Tessa Thompson) ergeben, die mit Hornträgerin Hela noch eine Rechnung offen hat, erleichtert die Rekrutierung der Rettungstruppe fürs obligate finale Schlachtengetümmel.

    Selbstironie für die Charakterbildung

    Die Selbstironie, die sich selbstverständlich auf unzählige Referenzen und Reverenzen erstreckt, gehört bei Marvels Superhelden mittlerweile ja längst zum guten Umgangston. Dass nun auch der 1962 von Stan Lee und Jack Kirby erschaffene Donnergott damit gesegnet ist, macht aus dem einfältigen Nordmann ("the stupid Avenger") zwar noch immer keine Persönlichkeit, hilft aber immerhin ein wenig bei der weiteren Charakterbildung.

    Und eine solche wird nötig sein, denn ein Ende des Universums ist auch bei Marvel nicht in Sicht. Nicht nur kumuliert die laufende dritte Phase im nächsten Frühsommer in Avengers: Infinity War, sondern es wird auch das Crossover der Serienhelden munter weitergetrieben werden. Das als "Devil's anus" bezeichnete Wurmloch, das schnurstracks Richtung Asgard führt, wird also weiterhin benützt werden. Und aus dem Allerwertesten dabei sicher wieder etwas herauskommen. (Michael Pekler, 30.10.2017)

    Jetzt im Kino

    • Das Böse erkennt man an Glatze und Geweih: Der unzuverlässige Skurge (Karl Urban) und die enterbte Hela (Cate Blanchett) schauen in Asgard nach dem Rechten.
      foto: marvel sudios

      Das Böse erkennt man an Glatze und Geweih: Der unzuverlässige Skurge (Karl Urban) und die enterbte Hela (Cate Blanchett) schauen in Asgard nach dem Rechten.

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