"Weitermachen!" – Dichter und Dichterinnen und ihre letzten Worte

    Essay1. November 2017, 08:00
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    Was unbedingt noch gesagt werden musste, öffnet einem Kampf der Überlieferungen und Deutungen oft Tür und Tor

    Er hatte verlangt, dass man die Fensterläden mehr öffne, es war ihm immer noch zu düster in seinem Schlafzimmer. Deswegen die berühmten Worte "Mehr Licht!", das Letzte, was die Welt von ihm vernommen hat. Das war gegen Mittag um halb zwölf, es war hell genug draußen, der Frühling hatte gerade begonnen, der 22. März, aber ihm verlosch in dieser Stunde das Lebenslicht.

    In seiner Heimatstadt Frankfurt wurde später gewitzelt, dass Goethes letzte Worte gar nicht "Mehr Licht" gelautet hätten, sondern "Mer lischt", er habe nämlich sagen wollen: "Mer lischt hier so schlecht" (auf Hochdeutsch: "Man liegt hier so schlecht"), er sei nur nicht mehr dazu gekommen, den Satz zu Ende zu sprechen. Ein Kalauer, der sich bis heute hält. Er hat nur den Schönheitsfehler, dass Goethe sitzend, in einem Lehnstuhl, starb. So hatte er seine letzten Tage und Nächte zugebracht, sitzend neben seinem Bett. Er war unruhig, litt unter Atembeklemmungen und Schweißausbrüchen, eine "fürchterliche" Todesangst plagte ihn. Als er endlich ruhiger wurde, sehnte er sich nach der Helligkeit des Lebens. Mehr Licht!, so heißt auch ein Gemälde des Malers Fritz Fleischer, das zeigt, wie ein gleißender Lichtstrahl auf den Sterbenden fällt; dieser, die Augen weit aufgerissen, starrt weit ins Nichts.

    Hörfehler und Bedeutungsschwere

    Goethe wollte Helligkeit, keine weiche Matratze. Oder wollte er bloß nicht miterleben, wie es allmählich dunkel wird? Vielleicht wollte er einfach nur, dass es aufhört, und er hat nicht "Mehr Licht", sondern "Mehr nicht" gesagt ... So will es uns jedenfalls Thomas Bernhard weismachen, der in seiner Schelmenprosa Goethe schtirbt dessen am 22. März 1832 gesprochene letzte Worte zu entzaubern versucht und damit deutsches Bildungs- und Kulturgut infrage stellt. Nicht, dass man damals einem simplen Hörfehler aufgesessen sei, die Zeugen von Goethes Sterben hätten vielmehr beschlossen, der Welt etwas anderes, als er tatsächlich gesagt habe, mitzuteilen: "Mehr Licht" klingt immerhin bedeutungsvoller als das Bedürfnis, mit 82 endlich seine Ruhe haben zu wollen.

    Natürlich ist das Verlangen nach Helligkeit ein würdevoller Schlusspunkt, die Affirmation von irdischem Glanz oder gar der Durchdringung vom Licht der Erkenntnis. Dabei ist alles viel prosaischer: Wenn das Sterben beginnt, wird es dämmrig. Verständlich, dass das allmähliche Erblinden den Sterbenden unruhig macht, es ist ja das Lebenslicht, das mit dem Augenlicht erlischt. Wohl deswegen hat Goethe gebeten, auch den zweiten Fensterladen zu öffnen, damit mehr Licht hereinfalle, was später sein Arzt (er war übrigens gar nicht im Zimmer, als Goethe starb) auf diesen fast metaphysischen Imperativ verkürzte.

    "Die Tapete – oder ich"

    Auch Giacomo Leopardis letzte Worte – er starb fünf Jahre später, am 14. Juni 1837 – lauteten ganz ähnlich: "Öffne das Fenster, lass mich das Licht sehen." Oscar Wilde dagegen hätte sich eher gewünscht, nichts mehr sehen zu müssen: "Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich", sollen seine letzten Wort gewesen sein, oder wie es im Original heißt: "My wallpaper and I are fighting a duel to the death. One or other of us has to go." Wilde starb 1900 völlig verarmt in einem billigen Pariser Hotel. Ob er wirklich mit der Tapete seines Hotelzimmers kämpfte? Es sind nämlich noch andere letzte Worte von ihm überliefert: "Ich kann mir nicht einmal leisten zu sterben" und: "Ich sterbe über meine Verhältnisse." Als könnte man mit Ironie der Misslichkeit des Endes begegnen. Wie auch immer, die Tapete blieb, und Oscar Wilde ging. Auf dem Sterbebett hatte er zuvor noch von einem katholischen Priester Nottaufe, Absolution und Letzte Ölung erhalten. Vermutlich war er da schon nicht mehr bei Bewusstsein.

    Es ist gut oder es reicht?

    Es ist überhaupt die Frage, wie sehr man sterbend noch in der Lage sein soll, einen sinnvollen Satz für die Nachwelt zu hinterlassen, sich mit einer Geste des Bedeutungsvollen zu verabschieden, und zwar so, dass das zuletzt Gesagte das ganze Leben auf den Punkt bringt und das Nachleben unwiderruflich prägt. Aber offenbar gehört das zum Personenkult dazu. Wikipedia betreibt sogar eine eigene Website "Letzte Worte", alphabetisch geordnet nach berühmten Personen: Von Petrus Abaelardus bis Johann Georg Zimmermann sind hier wohl einige Hundert Vermächtnisse gesammelt. An ihrer Originalität darf gezweifelt werden – gut möglich, dass etliche davon frei erfunden sind, den Sterbenden in den Mund gelegt bzw. ihnen angedichtet wurden. Viel Pathos, viel Dramatik. Der angebliche Tiefsinn der letzten Stunde, wo es doch auch ganz anders gewesen sein könnte, viel gewöhnlicher. Zu Goethes Sterben wird ja auch noch ein zweiter Satz überliefert: "Frauenzimmerchen, gib mir dein Pfötchen!" Das hat er angeblich zu seiner Schwiegertochter gesagt, die vor seinen Füßen kniete.

    Nun kann man streiten, was war wirklich? Licht oder Pfötchen? Und hat Kant etwa am 12. Februar 1804 tatsächlich "Es ist gut" gesagt, als er starb? Oder ist Variante zwei glaubwürdiger: "Es reicht"? Genug des Sterbens, wohl auch des Lebens ... Das mag dann auch den Widerspruch im Letzten herausfordern. Vielleicht ist es ja tatsächlich so gewesen: Zu einem Besucher des todkranken Henrik Ibsen soll die Krankenschwester gesagt haben: "Es geht ihm schon etwas besser!" Darauf soll Ibsen erwidert haben: "Im Gegenteil!" Und dann starb er.

    Wortloser Tod

    Aber nicht immer warten Dichter auf den wirklich letzten Augenblick, um ihr Letztes mitzuteilen. Mark Twain hat ja den Rat gegeben, man solle sich seine letzten Worte beizeiten auf einem Zettel notieren und sich keinesfalls erst in der Stunde des Todes damit befassen – es gebe schließlich keine Garantie, dass man gerade dann eine brillante Eingebung hat, um mit Größe in die Ewigkeit einzugehen. Besser also, man sagt es rechtzeitig, aber wer tut das schon? Karl Marx hat sich der letzten Botschaft verweigert: Als ihn seine Haushälterin, die vermutlich auch seine Geliebte war, um eine Wortspende für die Nachwelt bat, soll er geantwortet haben: "Letzte Worte sind für Narren, die noch nicht genug gesagt haben." Er starb lieber wortlos.

    Natürlich gibt es auch die geschriebenen Letzten Worte, bewusster oder zufälliger Schlusspunkt im Werk. Zum Beispiel Rilkes letztes Gedicht, ein, zwei Wochen vor seinem Tod, als er schon in der Klinik von Val-Mont lag: "Komm du, du letzter, den ich anerkenne, / heilloser Schmerz im leiblichen Geweb". So beginnt die letzte Eintragung im letzten Notizbuch. Rilke starb am 29. Dezember 1926 an einer seltenen Form von Leukämie. Die Inschrift für seinen Grabstein hatte er schon im Jahr davor festgelegt.

    Nur nichts hinterlassen

    Auch Testamente eignen sich gut zur Überlieferung letzter Botschaften – Kafka und Thomas Bernhard sind berühmte Beispiele. Der eine wollte alles vernichtet, der andere sein Werk in Österreich verboten wissen: "ausnahmslos zu verbrennen" (Kafka 1922, eineinhalb Jahre vor seinem Tod), "kein Wort mehr veröffentlicht werden" (Bernhard 1989, zwei Tage bevor er starb). An die Leser haben beide nicht gedacht.

    Gottfried Benn hingegen hat sich mit einem noch zu Lebzeiten veröffentlichten Gedicht von seinen Lesern verabschiedet: "und muß nun gehn". Das ist natürlich ein Topos, der Standpunkt des aufs Leben zurückblickenden Dichters. Benn, ganz Vertreter des rationalistischen 20. Jahrhunderts, war abgeklärt genug: Kann keine Trauer sein lautet der Titel seines letzten Gedichtes, das Leben, das fast schon vorbei ist, nicht mehr als "ein Wallen, namenlos, ein Huschen". Und wenn er in einem ebenfalls späten Gedicht schreibt, dass es unter anderem schlimm wäre, nicht im Sommer zu sterben, weil im Sommer "alles hell ist / und die Erde für Spaten leicht", dann kam der Tod für ihn wenigstens rechtzeitig: Benn starb im Juli 1956. Was vom Leben blieb, waren ohnehin "nur zwei Dinge: die Leere / und das gezeichnete Ich". Aber derlei Worte haben nicht die Qualität des unmittelbaren Abschieds, nicht die Spontaneität des letzten Augenblicks, wie sie sich etwa in Abschiedsbriefen äußert, auch wenn diese oft inszeniert sein mögen. Kleists berühmter Brief "am Morgen meines Todes" (21. November 1811) ist wohl das eindringlichste Zeugnis einer solchen Finalisierung: "die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war". Stunden später schoss er seiner Gefährtin in die Brust, sich selbst anschließend in den Mund, um das Leben, "das allerqualvollste, das je ein Mensch geführt hat", wie angekündigt zu beenden.

    Verzweiflung und ein Maß an Übersteigerung sprechen aus einem solchen Ende, zumindest fordert die Überzeugung, es gebe keinen Ausweg mehr, zur letzten Konsequenz heraus. Für Walter Benjamin war es das Ende seiner Flucht vor den Nazis in der Nacht auf den 26. August 1940: "In einer aussichtslosen Lage habe ich keine andere Wahl, als Schluß zu machen", schrieb er in einem Hotelzimmer im französischen Grenzort Port Bou, ehe er eine Überdosis Morphium nahm. Stefan Zweig, ebenso "durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft", verabschiedete sich eineinhalb Jahre später im brasilianischen Petrópolis von der Welt: "... aus freiem Willen und mit klaren Sinnen ..."

    Lasst mich allein!

    Sterben, sofern es bewusst geschieht, hat immer mit Bilanzziehen zu tun. "Ich bin gescheitert!", soll Jean-Paul Sartre als Letztes gesagt haben. Ein vernichtendes Selbsturteil. Andere wurden angesichts des Todes noch deutlicher: "Fegt mich weg!" (Søren Kierkegaard). Oder gar: "Pfui Teufel!", die letzten Worte Karl Kraus', als er am 12. Juni 1936 an einem Gehirnschlag starb. Heldenhafter klingt natürlich der Lebenswille als Abwehr: "Nicht schießen!", rief Rosa Luxemburg am 15. Jänner 1919, als auf sie angelegt wurde. Oder war das Ausdruck von Ohnmacht, Hilflosigkeit, Angst?

    Zugleich werden in devotionalen Berichten die letzten Äußerungen berühmter Personen bewusst geschönt, um der Nachwelt ein lauteres Bild zu überliefern. So soll Edgar Allan Poe, bevor er am 7. Oktober 1849 seinen Kopf "sanft" zur Seite drehte, noch geflüstert haben: "Gott helfe meiner armen Seele!" In Wahrheit war er "tierisch betrunken", lag im Delirium, begleitet von Fieber und Schüttelfrost, und redete, wenn überhaupt, mit den Gespenstern, die er an den Wänden erblickte.

    Abtritt mit Rekord

    Er war nicht der einzige Schriftsteller, der am Alkohol zugrunde ging. Ein Jahrhundert später hat sich sein walisischer Kollege Dylan Thomas regelrecht zu Tode gesoffen, dabei soll er, bevor er am 9. November 1953 starb, noch triumphierend gesagt haben: "Ich hatte gerade 18 Whiskey pur, ich denke, das ist Rekord." Ein wenig geschwindelt hatte er doch, denn der Barmann sagte später, dass es nur neun waren. Außerdem starb Thomas nicht an einer Alkoholvergiftung, sondern an Lungenentzündung. Die bedeutete 1939 auch das Ende für Joseph Roth in einem Pariser Spital. Im Delirium und mit Riemen festgeschnallt, hatte er zuletzt mehrmals nach dem Kellner gerufen – oder besser geschrien.

    Ganz anders bei Tschechow. Da hatte der Arzt dem an einer Herzschwäche Leidenden noch in der Stunde seines Todes – am 15. Juli 1904, kurz nach Mitternacht – ein Glas Champagner verordnet. Tschechow, so berichtete es später seine Witwe, setzte sich im Bett auf, sagte: "Ich sterbe" und, indem er das Glas nahm: "Lange keinen Champagner mehr getrunken". Dann drehte er sich zur Seite.

    In wenigen belegten Fällen hat der Tod auch sein Versöhnliches. "Mir geht es gut", sind die letzten überlieferten Worte von H. G. Wells am 13. August 1946. Immerhin gibt es die romantische Vorstellung, dass man im Augenblick des Sterbens ganz mit sich und der Welt im Reinen ist. So wie Lord Byron: "Nun werde ich schlafen gehen. Gute Nacht!" Das war am 19. April 1824 in Mesolongi, wo Byron, der am griechischen Freiheitskampf teilgenommen hatte, an Unterkühlung infolge eines Aderlasses starb. Auf dem Gemälde eines flämischen Historienmalers liegt er dennoch mit nacktem Oberkörper, dafür entspannt auf dem Totenbett, die Stirn mit Lorbeer gekrönt, die Leier ist ihm aus der Hand gesunken ... Solche Gelassenheit wäre bewundernswert. Oder jene stille Ironie, mit der Heinrich Heine am 17. Februar 1856 aus der Welt geschieden ist: "Gott wird mir vergeben, das ist sein Beruf."

    Gleichmut und Kampfgeist

    Kann man wirklich so unbewegt sterben? Zumindest gleichmütig: "Ich sterbe. Lasst mich allein" (der Schweizer Arzt und Philosoph Johann Georg Zimmermann am 7. Oktober 1795). Schließlich ist der Tod eine Entscheidung, die nur den Sterbenden betrifft, am Ende bleibt das große Unbekannte, Unverstandene, an dem man nicht teilhaben kann. "Versteht es niemand?" Mit dieser Frage hat sich am 13. Jänner 1941 James Joyce in das Geheimnis zurückgezogen.

    Aber was heißt schon Ende? Als ich heuer im April den Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte besuchte, kam ich zufällig am Grab Herbert Marcuses vorbei. Ein schlichter grauer Stein mit abgeschrägter Kante, darauf steht ein einziges letztes Wort: "weitermachen!" (Gerhard Zeillinger, 1.11.2017)

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      foto: zeillinger
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