"Assassin's Creed Origins" im Test: Dank Ägyptomanie ein großartiges Spiel

    Rezension29. Oktober 2017, 11:00
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    Serienneustart versucht, alte Schwächen zu überwinden und überzeugt mit beeindruckender Spielewelt

    Als Napoleon Bonapartes Expeditionsarmee 1801 aus Ägypten nach Frankreich zurückkehrte, erfasste die Begeisterung für die exotische große Vergangenheit der uralten Kultur am Nil die halbe Welt. Die Faszination eines so fremdartigen wie geheimnisvollen Orients löste eine Welle an Ägyptenmode, architektonische Trends und Einflüsse auf die gesamte Kunst- und Geisteswelt Europas aus. Kein Wunder, denn die Kultur der Pharaonen ist und bleibt beeindruckend und rätselhaft – und auf unmenschliche Art und Weise gewaltig. Allein mit den Steinen der großen Cheopspyramide wäre es möglich, eine zwei Meter hohe Mauer rund um ganz Frankreich zu errichten – 3.800 Kilometer lang.

    Die "Ägyptomanie" genannte Begeisterung für diese Welt hat sich gewissermaßen seitdem nie wieder gelegt – und "Assassin’s Creed Origins" (Windows, PS4, Xbox One, ab 59,99 Euro) ist der jüngste Ausläufer davon.

    Das Ägypten der Zeit Kleopatras – übrigens lebte sie zeitlich von den Erbauern der Pyramiden ebenso weit entfernt wie wir von ihr -, das Schauplatz des bereits zehnten Teils der erfolgreichen Assassinen-Saga Ubisofts ist, lässt so gesehen einen alten Traum in Erfüllung gehen: jene Welt selbst zu erleben, deren riesenhafte Überreste und Spuren zu den beeindruckendsten archäologischen und historischen Monumenten der Welt zählen, den Glanz von antiken Metropolen wie Memphis, die Gewaltigkeit rätselhafter Bauwerke wie der großen Pyramiden und das Alltagsleben einer exotischen Kultur mit eigenen Augen zu sehen, die über Jahrtausende einzigartig blieb.

    Das sind recht hohe Ansprüche an ein Videospiel, doch mit einigen Abstrichen schafft "Assassin’s Creed Origins" genau das – und erfüllt somit den zentralen Anspruch der Reihe, ihre Spielerinnen und Spieler in eine möglichst detailgetreue historische Vergangenheit zu versetzen.

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    So spielt sich "Assassin's Creed Origins".

    Virtuelle Archäologie

    Eins vorweg: Die Spielewelt von "Origins" ist ein Triumph moderner Videospielgestaltung, das Werk unzähliger Programmierer, Grafiker, Künstler und Wissenschafter, die sich in Sachen Realienkunde wohl damit selbst einen heimlichen Wunsch erfüllen konnten. In kleinen Dörfern, riesigen Städten, winzigen Lehmhütten und riesenhaften Tempeln steckt die historische Arbeit von zwei Jahrhunderten Forschung. Das Ägypten von "Assassin’s Creed Origins" ist ein Meilenstein virtueller Archäologie.

    So betrachtet ist es kein Wunder, dass Ubisoft diese so detailreich rekonstruierte Kulisse nicht nur klassischen Spielerinnen und Spielern, sondern mit dem "Discovery Mode", einer Art virtuellem Tourismus-Modus, in dem Experten und "Guides" zu ausgewählten Punkten der Welt führen und Wissenswertes erzählen, auch einem anderen Publikum eröffnen will – schade, dass dieser Modus erst irgendwann Anfang 2018 nachgereicht werden soll.

    Denn im Moment, so viel vorab, ist die faszinierende Welt des exotischen alten Ägyptens hauptsächlich eines: Kulisse für ein durchaus hervorragendes, aber ansonsten eigentlich auch recht herkömmliches Videospiel, das in zahlreichen mal mehr, mal weniger sinnvollen Detailveränderungen seiner altbekannten Erfolgsformel verhaftet bleibt.

    Das Open-World-Patentrezept

    Natürlich werden vor allem langjährige Fans der Reihe bei diesem Befund aufschreien, denn in Einzelheiten hat sich doch einiges verändert – immerhin hat sich Ubisoft auch deshalb mehr Zeit für die Entwicklung gelassen, um "revolutionäre" Veränderungen des altbekannten – und, wie man kritisch anmerken darf, manchmal schon Ermüdungserscheinungen zeigenden – Konzepts der Reihe zu entwickeln. Was stattdessen gelungen ist, ist eher eine Evolution. "Origins" hat sich in seinen Systemen stärker in Richtung Rollenspiel orientiert, das Kampfsystem wurde rundum erneuert und ein Levelsystem für Gegner sowie Waffen und Gegenstände eingeführt. Kern der spielerischen Erfahrung bleibt allerdings – wie könnte es anders sein – jene Open-World-Erfolgsformel, die Ubisoft und unzählige andere Entwickler in den letzten zehn Jahren nur in Details weiterentwickelt haben.

    Im Zentrum der Geschichte steht wie im Vorgänger "Assassin’s Creed Syndicate" ein Paar: Meistens ist man in der Rolle Bayeks unterwegs, der als Mittelding aus Rächer, Sheriff und Dienstmann der ägyptischen Bevölkerung für Gerechtigkeit sorgt. In einigen Story-Missionen verkörpern Spielerinnen und Spieler auch seine Frau Aya. Vor dem historisch-politischen Hintergrund der Begegnung zwischen der intriganten Thronanwärterin Kleopatra und dem siegreichen römischen General Julius Caesar entspinnt sich letztlich ein persönlicher Rachefeldzug gegen eine schattenhafte Verschwörung, die für den Tod des gemeinsamen Sohnes des Protagonistenpaares verantwortlich zu sein scheint – und eine Geschichte um die Ursprünge des titelgebenden Assassinen-Ordens. Die unvermeidliche Science-Fiction-Rahmenhandlung nimmt diesmal kaum Raum ein.

    Großes Drama und viel Füllmaterial

    Wie von der Serie gewohnt verknüpft auch "Origins" plakative Historie mit persönlichem Drama – und schwankt durch seine Open-World-Struktur zum Teil wild zwischen mal beeindruckendem, mal eher pathetischem Historienkitsch, durchaus berührenden Szenen und belanglosem Füllmaterial. Die etwa 30 Spielstunden einnehmende Haupthandlung liefert immer wieder Momente und Missionen, die durch Settings, Inszenierung und auch Abwechslung beeindrucken, doch die Spielstruktur zwingt ebenso oft dazu, diesen Fortgang der Handlung hintanzustellen und mal mehr, mal weniger spannende Nebenmissionen zu absolvieren, um den nötigen Levelfortschritt zu erreichen.

    Wagt man sich nämlich zu niederstufig voran, stellen diesmal auch gewöhnliche Palastwachen schier unüberwindliche Hindernisse dar, die auch aus dem Hinterhalt nicht gefahrlos ausgeschaltet werden können. Es wäre angesichts des durchwegs hohen Unterhaltungswerts von "Origins" ungerecht, hier vom Zwang zu schnödem Grinding zu sprechen – stattdessen wäre vielleicht der Begriff "Beschäftigungstherapie" angebrachter.

    Dieser dem Open-World-Genre immer innewohnende Widerspruch zwischen Erzählen und offenem Spielplatz mit diesem Erzählen manchmal widersprechenden Regeln ist auch in "Origins" nicht aufgehoben. Auch wenn sich Freunde des Genres daran längst nicht mehr stören, fällt vor allem angesichts der außerordentlich gelungenen Kulisse auf, dass diese Formelhaftigkeit an mancher Stelle doch nachhaltig die Immersion in eine beispiellos gelungene, detailreiche Spielewelt sabotiert. So dramatisch können die per Cutscene gerade aufgedeckten Verschwörungen gar nicht sein, dass nicht noch ein, zwei, drei, vier Nebenmissionen dazwischenpassen, in denen der düstere Rächer für stoische Bauern-NPCs von A nach B teleportiert, um Steuereintreiber umzubringen, Medikamente einzusammeln oder die letzten Winkelchen eines Tempels nach Papyrusfragmenten zu durchsuchen. Wohl bemüht sich "Origins", viele dieser Nebenmissionen detailreich und auch originell zu gestalten, doch bleiben sie eben – polemisch betrachtet – jenes Spielstunde um Spielstunde generierende Füllmaterial, das auszulassen spielmechanisch bestraft wird.

    Freilich: Für die allermeisten Freunde sowohl der "Assassin’s Creed"-Reihe wie auch des Open-World-Genres an sich wiegt dieser Kritikpunkt wenig schwer. Immerhin ist auch das alte Ägypten zuallererst ein gewaltiger Spielplatz zur freien Bewegung, und hier weiß "Origins" zu überzeugen.

    Am Abenteuerspielplatz

    In den beeindruckend gestalteten Städten, Dörfern und Oasen, aber auch in den von Sandstürmen heimgesuchten Wüsten ist die größte Spielewelt der Reihe ein Abenteuerspielplatz, wie ihn sich Open-World-Fans wünschen. Neben den Haupt- und Nebenmissionen laden auch Sammeln und Craften, Minispiele wie Wagenrennen und Gladiatorenkämpfe, versteckte Schnitzeljagden und vermeintlich simple Freuden wie das Besteigen der höchsten Aussichtspunkte zur stundenlangen Erforschung dieser Welt ein.

    Vor allem das Weglassen eines altbekannten Details trägt überdies dazu bei, den Aufenthalt in dieser Welt intensiver werden zu lassen, als dies bei anderen Spielen des Genres der Fall ist: Weil die Minimap am Bildschirmrand verschwunden ist, ist man zur Orientierung in der unmittelbaren Umgebung auf den Adlerblick des den Protagonisten begleitenden Raubvogels angewiesen – eine simple, aber entschieden immersionsfördernde und damit willkommene Reduktion, durch die man gezwungen ist, seine Umgebung genauer zu würdigen.

    Spielmechanisch bleibt sonst vieles beim weniger glorreichen Alten, vor allem der nach wie vor manchmal etwas schwammige Parkour-Anteil sowie der neuerdings ausgerechnet in brenzligen Situationen nicht immer verlässlich funktionierende Stealth-Part. Die neue Kampfmechanik hingegen macht einen Schritt weg vom bisherigen, an der "Arkham"-Reihe orientierten Countersystem hin zu offeneren Kämpfen, wie man sie etwa aus der "Souls"-Reihe kennt – nur ohne jemals dessen Finesse zu erreichen. Vor allem im Kampf gegen stärkere einzelne Gegner stellt sich die neue Mechanik aber als durchaus spannend heraus.

    Auch hier: Mikrotransaktionen

    Auch "Origins" mag auf die aktuell zunehmende Unsitte, in Vollpreisspielen per Mikrotransaktionen Umsatz zu generieren, nicht verzichten, und auch Ubisoft beteuert, dass diese Zusatzkäufe völlig "optional" seien. Tatsächlich braucht man weder die Erfahrungspunkte steigernden Extras noch besonderen Waffen noch Vanity-Items, um in "Origins" zum Ende zu kommen oder auch nur seinen Spaß zu haben – ein "offenes" Endgame wie in "Middle-earth: Shadow of War", das von Grinding lebt, gibt es hier (noch) nicht. Dass Ubisoft treuherzig versichert, man wolle damit nur ungeduldigen Spielern ermöglichen, "Zeit zu sparen", kann man angesichts des erwähnten Füllmaterials nur augenrollend zur Kenntnis nehmen.

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    Trailer zu "Assassin's Creed Origins".

    Fazit

    Eine revolutionäre Neuerfindung der Serie ist "Assassin’s Creed Origins" trotz aller Detailveränderungen nicht geworden, stattdessen – zur Freude von Serien-Fans und Neueinsteigern – ist Ubisoft mit seinem Ausflug ins alte Ägypten eine Vielzahl kleiner Evolutionssprünge geglückt, die vor allem auch das Fundament für vermutlich noch viele weitere Fortsetzungen bilden sollen. Spielerisch mag man sich Größeres erhofft haben, doch "Origins" schafft es, durch seine exotische, beispiellos detailreich und atmosphärisch gestaltete Welt, einen virtuellen Sehnsuchtsraum zugänglich zu machen, in dem sich ein großteils hochkompetentes, wenn auch letztlich altbekanntes Spiel entfalten kann.

    Dass der Aufenthalt in dieser Welt so faszinierend wie lange nicht gerät, verdankt sich hauptsächlich dem grandios gestalteten Setting, das sichtlich Resultat der Arbeit hochprofessioneller und beseelter Gestalter ist. Die Faszination der uralten Hochkultur am Nil, die die Welt seit Jahrhunderten erfasst hat, macht aus einem soliden, in Details sinnvoll weiterentwickelten Open-World-Genrevertreter diesmal tatsächlich etwas Außergewöhnliches – und lässt die dem Genre verlässlich anhaftenden Kritikpunkte für dieses eine Mal zur Nebensache werden. "Assassin’s Creed Origins" ist endlich wieder ein Höhepunkt der Erfolgsreihe – und ein würdiger Anlass für diesmal virtuelle Ägyptomanie. (Rainer Sigl, 29.10.2017)

    "Assassin's Creed Origins" ist ab 18 Jahren für PC, PS4 und Xbox One erschienen. UVP: 59,99 Euro.

    • "Assassin's Creed Origins" ist ab 18 Jahren für PC, PS4 und Xbox One erschienen. UVP: 59,99 Euro.
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      "Assassin's Creed Origins" ist ab 18 Jahren für PC, PS4 und Xbox One erschienen. UVP: 59,99 Euro.

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