100 Jahre Russische Revolution: Umsturz, Lüge und Gewalt

Analyse28. Oktober 2017, 13:00
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1917 begann in St. Petersburg mit einer Revolution, die eher ein Putsch war, die Entstehung des Sowjetstaats und des weltweiten kommunistischen Systems

Die russische Oktoberrevolution war ein welthistorisches Ereignis mit ungeheuren Folgen. Aber sie war keine Revolution. Sie war ein Staatsstreich einer relativ kleinen Gruppe von entschlossenen Berufsverschwörern unter der Führung des Intellektuellen Wladimir Iljitsch Lenin, denen es gelang, in einem historischen Augenblick die Macht in dem riesigen Land an sich zu reißen.

Was folgte, wirkte sich auf das gesamte 20. Jahrhundert aus. Im gesamten Russischen Reich, das bald zur Sowjetunion wurde, fand eine soziale Umwälzung statt, die ihresgleichen suchte. Aus einem rückständigen Agrarstaat von riesigen Ausmaßen, den eine winzige Adelsclique in monströsem Luxus beherrschte, während die 85 Prozent Bauern großteils in unvorstellbarem Elend lebten, wurde eine mächtige, durchorganisierte Industriegesellschaft.

Allerdings mit ungeheuren Opfern. Eine Zeitlang sah es sogar so aus, als würde die Idee des Sowjetkommunismus zum Modell für die halbe Welt werden. Aber das theoretische Gebäude einer Alternative zum Kapitalismus stürzte eines Tages in sich zusammen. Die "Zeit" nennt es ein "Menschheitsverbrechen im Gewand einer Erlösungsutopie".

Lüge und Gewalt

Die wahre Revolution hatte schon im Februar 1917 stattgefunden. Der verheerende Verlauf des Ersten Weltkriegs führte zu Massendemonstrationen in der Hauptstadt St. Petersburg. Das unfähige und repressive Regime von Zar Nikolaus II. wurde weggefegt.

Doch die darauffolgende "provisorische Regierung" unter Alexander Kerenskij beging den Fehler, den Krieg weiterführen zu wollen. Die "Bolschewiki" unter Lenin und Leo Trotzki ergriffen mit wenigen tausend Bewaffneten am 25. Oktober 1917 die Macht (nach dem alten julianischen Kalender – nach dem heute gültigen gregorianischen Kalender am 7. November).

Aber die Fotos und Filme, die von diesem "Sturm auf das Winterpalais" in St. Petersburg existieren, sind Rekonstruktionen, sie stammen aus dem Film "Oktober" des genialen Regisseurs Sergej Eisenstein von 1927.

Damit ist ein wesentliches Element der Herrschaft des Kommunismus eingeführt: die Lüge. Die Lüge von der "Überlegenheit des Sozialismus", vom glorreichen Sowjetsystem, vom "Arbeiterparadies" wurde innerhalb und außerhalb des Herrschaftsbereichs jahrzehntelang akzeptiert, zum Teil erbittert verteidigt und existiert heute noch bei nicht wenigen weiter beziehungsweise feiert Auferstehung.

Das zweite konstitutive Element der kommunistischen Herrschaft war Gewalt. An- und abschwellende, zyklische, aber meist unfassbar intensive und gnadenlose Gewalt. Trotzki: "Der Rote Terror ist eine Waffe, die gegen eine dem Tod geweihte Klasse eingesetzt wird."

"Roter Terror"

Auf den Staatsstreich folgte Repression gegen politische Gegner und der besagte "Rote Terror". Zehntausende kamen ins Lager, Zehntausende wurden erschossen. Lenin gab dazu die Anweisungen in biologistischer Sprache, die man aus anderem Zusammenhang kennt: "Zur Säuberung der russischen Erde von allem Ungeziefer, von den Flöhen, den Gaunern, von den Wanzen, den Reichen", und so fort.

Es folgte der Bürgerkrieg, in dem die "Weißen", die konterrevolutionären Kräfte aus Adel, Armee und Bürgertum, ebenfalls zum Terror griffen.

Die Kommunisten bedienten sich eines Gesellschaftsmodells, das man Kriegskommunismus genannt hat. Die gesamte Gesellschaft sollte nach militärischen Richtlinien geführt werden. "Kriegskommissar" Trotzki betrachtete den Staat als Befehlshaber der Gesellschaft. "Die ganze Bevölkerung sollte in Arbeitsregimentern und Brigaden erfasst und wie eine Armee zur Ausführung von Produktionsbefehlen an die Wirtschaftsfront geschickt werden", beschreibt es der renommierte Historiker Orlando Figes. Im Grunde blieb dies das Wirtschafts-und Gesellschaftsmodell bis fast ganz zum Ende der Sowjetunion.

Unvorstellbare Massenverbrechen

Nach Lenins Tod und der Machtübernahme durch Stalin kam der nächste Schub an unvorstellbaren Massenverbrechen. Im Sinne der kommunistischen Ideologie wurde 1930/32 die "Kollektivierung" der Landwirtschaft mit brutalster Gewalt durchgeführt. 60 Millionen Bauern waren betroffen.

Ergebnis: Hungersnöte mit sechs Millionen Toten in der Ukraine und an der Wolga. In Kiew gibt es eine "Holodomor"-Gedenkstätte, mit der Statue eines kleinen Mädchens, das eine Getreideähre umklammert hält. Das erinnert an Stalins "Ährengesetz". Wer mehr als eine Ähre behielt, wurde erschossen.

Stalin löste die Hungersnot bewusst aus, denn das beschlagnahmte Getreide wurde exportiert, um damit die Industrialisierung des Landes zu bezahlen. Ob er mit dem Völkermord auch die widerspenstige Ukraine in die Knie zwingen wollte, ist umstritten.

Wider die Rückständigkeit

Stalin erklärte 1931 zur Verteidigung seinen schwerindustriellen Fünfjahresplan: "Die Geschichte des alten Russland bestand unter anderem darin, dass es wegen seiner Rückständigkeit fortwährend geschlagen wurde. Wollen Sie, dass unser sozialistisches Vaterland geschlagen wird?" Der massive Aufbau einer Schwerindustrie ermöglichte es der UdSSR, den deutschen Angriff 1941 zu überleben.

Alexander Solschenizyn betrachtete das System der Arbeitslager mit Millionen Zwangsarbeitern in seinem berühmten Buch "Der Archipel Gulag" als eigentlichen Kern des bolschewistischen Experiments. Es sei die bolschewistische Mentalität, den Menschen als Rohmaterial, als Gebrauchsgut zu sehen, mit dem der Staat nach Gutdünken verfahren konnte.

Stalins millionenfache Morde waren aber auch ein funktionelles Herrschaftsinstrument. Im "Großen Terror" von 1936/38, einer Verhaftungs- und Erschießungswelle, war niemand sicher. Die "Säuberung" traf unterschiedslos alle, Bauern, Arbeiter, Funktionäre, Künstler, die gesamte Funktionselite. Der Komponist Dimitri Schostakowitsch setzte sich jede Nacht mit dem Koffer vor seine Wohnungstür, damit seine Abholung durch die "Organe" nicht seine Familie weckte. Aber auch die Geheimpolizisten wurden nach einer gewissen Zeit "liquidiert".

Mörderische Paranoia

Stalins mörderische Paranoia war die letzte Konsequenz eines Systems, das nur in Kategorien der "Feinde des Sozialismus" denken und funktionieren konnte. Das System hatte tatsächlich sehr gefährliche (Außen-)Feinde, aber es konnte sich wegen seiner inhärenten wirtschaftlichen und sonstigen Widersinnigkeiten nur halten, indem es unablässig innere Feinde suchte und bekämpfte.

Stalins Nachfolger gaben ab den 1950ern die allerschlimmste Repression auf. Aber die Sowjetunion blieb ein totalitäres System, das den Wettbewerb mit dem demokratischen, marktwirtschaftlichen Westen einfach nicht bestehen konnte. Dennoch hält Putin das Ende der Sowjetunion für "die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts".

Vor Geschichtslehrern sagte er: "Was ein paar problematische Seiten unserer Geschichte angeht, ja, wir haben sie gehabt. Aber für welchen Staat gilt das nicht? Und unsere waren nicht so schrecklich wie die mancher anderer." Und so betrachtet auch heute eine Mehrheit der Russen die Revolution. (Hans Rauscher, 28.10.2017)

Die Opferzahlen

foto: ap / alexander agafonov
Ehemaliges Lager Perm in Sibirien für politische Häftlinge.

Die Geschichte der Russischen Revolution und der Herrschaft des Kommunismus in der Sowjetunion ist eine Geschichte der Massenmorde. Geschätzte Gesamtzahl der Opfer zwischen 1918 und 1953 (Stalins Tod) allein auf Sowjetterritorium: 20 Millionen Tote. Eine Schreckensstatistik, die sich nur grob nach den Phasen der Revolution und der Sowjetherrschaft aufstellen lässt (die Darstellung folgt in etwa dem "Schwarzbuch des Kommunismus" von Stéphane Courtois und anderen):

Gleich nach der Revolution und im Bürgerkrieg 1918-22 zehntausende Exekutionen von politischen Gegnern, Geiseln und Gefangenen. Exekution von hunderttausenden rebellischen Bauern und Arbeitern. Rund fünf Millionen Tote durch Hungersnöte, die durch den Bürgerkrieg ausgelöst wurden.

1920 Ausrottung und Deportation der Kosaken.

1930/32 Deportation von zwei Millionen Kulaken (Mittelbauern).

1932/33 Vernichtung von vier Millionen ukrainischen und zwei Millionen russischen und anderen Bauern im Zuge der geplanten Hungersnot, die durch die Kollektivierung der Landwirtschaft ausgelöst wurde ("Holodomor").

1936/38 Liquidierung von rund 690.000 Menschen im von Stalin angeordneten "Großen Terror".

1930-1950er: Fünf Millionen Tote im "Gulag" (System von Arbeitslagern).

1939-1944 Deportation von hunderttausenden Polen, Ukrainern, Balten, Moldauern und Bewohnern Bessarabiens, Wolgadeutschen, Krimtataren, Tschetschenen und Inguschen. Geschätzte Zahl der Deportationstoten: 1,7 Millionen.

Nicht eingerechnet sind die Millionenverluste im Zweiten Weltkrieg, die durch Stalins inkompetente und rücksichtslose Kriegführung entstanden, darunter 3,3 Millionen, die in deutscher Kriegsgefangenschaft umkamen.

Wie konnte es zu diesem mörderischen Wahn kommen, der Jahrzehnte andauerte? Viele Historiker und Politikwissenschafter erklären das mit der Natur des "Sozialismus", mit dem Allmachtsanspruch des Marxismus, der sich im Besitz der absoluten Wahrheit betrachte und keine Kompromisse kenne. Er zeige den Weg zur Veränderung der Gesellschaft auf, der sozialistischen Diktatur des Proletariats.

Der Staat musste demnach im Besitz absoluter Gewalt sein und diese ausüben, um eine "bessere Welt" zu verwirklichen. Wer auch immer dies zu behindern drohte, sei "ein Feind des Staates" gewesen und habe ausgeschaltet werden müssen. Der französisch-bulgarische Soziologe Tzvetan Todorov schrieb: "Der totalitäre Staat kann ohne Feinde nicht leben. Fehlen sie ihm, erfindet er sie. Sobald sie identifiziert sind, gibt es keine Gnade mehr für sie." (Hans Rauscher, 28.10.2017)

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  • Kürzlich wieder ausgegrabene Statue von Lenin: Der Berufsverschwörer ergriff im Oktober 1917 die Gelegenheit, nach der "echten" Revolution vom Februar einen Staatsstreich durchzuführen: "Die Bolschewiki können und müssen die Staatsmacht in ihre Hände nehmen."
    foto: apa / dpa / wolfgang kumm

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  • Der "Sturm auf das Winterpalais" – ins Heroische verfälscht durch den künstlerisch bahnbrechenden Film von Sergej Eisenstein 1927.
    foto: afp / picturedesk

    Der "Sturm auf das Winterpalais" – ins Heroische verfälscht durch den künstlerisch bahnbrechenden Film von Sergej Eisenstein 1927.

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