Gurlitts Sammlung in Doppelschau in Bern und Bonn erstmals zu sehen

    27. Oktober 2017, 12:39
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    "Bestandsaufnahme Gurlitt" zeigt ab Anfang November rund 450 Werke. Bisher wurden sechs Kunstwerke eindeutig als NS-Raubkunst identifiziert

    Bonn/Bern – Mehr als fünfeinhalb Jahre nach der Beschlagnahmung der spektakulären Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt wird der Fund erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. In der Doppelausstellung "Bestandsaufnahme Gurlitt" sind ab Anfang November im Kunstmuseum Bern und in der Bundeskunsthalle Bonn rund 450 Werke aus der zum Teil mit NS-Raubkunstverdacht behafteten Sammlung zu sehen.

    Mehr als 1.500 Werke berühmter Künstler wie Monet, Cézanne, Renoir, Macke, Dix, Nolde oder Beckmann waren 2012 in Gurlitts Münchner Wohnung und später in seinem Salzburger Haus entdeckt worden. Zusammengetragen hatte die Kunst sein Vater Hildebrand Gurlitt, der einer der Kunsthändler Hitlers war. Die Arbeiten der berühmtesten Künstler vor allem des 19. Jahrhunderts und der Klassischen Moderne – sie waren teils verschimmelt, wie Monets "Waterloo Bridge" (1903). Ein Großteil waren Papierarbeiten, die in einem Schubladen-Schrank gestapelt waren. Von einem Milliardenwert kann zwar keine Rede sein, wohl aber von einer Kollektion, die teilweise Museumsrang hat. Als wertvollstes Bild gilt das auf einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag geschätzte Cézanne-Gemälde "La Montagne Sainte-Victoire". Es wurde im Salzburger Haus hinter einem Schrank gefunden – ebenfalls in schlechtem Zustand.

    Verfemte Moderne und Herkunft

    Gurlitt, der 2014 starb, hat die Sammlung zur Überraschung vieler dem Kunstmuseum in Bern vermacht. Dort werden alle Werke nach den beiden Ausstellungen hinkommen. Unter dem Titel "Entartete Kunst – beschlagnahmt und verkauft" liegt der Schwerpunkt der am 2. November in Bern startenden Ausstellung auf der von den Nazis verfemten Moderne. Die Ausstellung "Der NS-Kunstraub und die Folgen", die am 3. November in Bonn startet, legt den Fokus auf die Herkunft der Werke.

    Als Kunsthändler sollte Hildebrand Gurlitt die Werke der Avantgarde, die die Nazis 1937 als "entartete Kunst" diffamierten und in den Museen beschlagnahmt hatten, für Devisen verkaufen. Gurlitt hatte dem NS-Regime seine Dienste angeboten – vielleicht, um sich vor Repressionen zu schützen. Gurlitt hat die Bilder zumindest aus der Beschlagnahmeaktion legal erworben. Forscher fanden heraus, dass Gurlitt auch Kunstwerke von verfolgten jüdischen Sammlern erwarb und teils falsche Herkunftsnachweise konstruierte.

    43 Prozent erforscht

    Nach Angaben des Projekts "Provenienzrecherche Gurlitt" wurden bis Mitte Oktober Forschungen zu mehr als 670 Werken abgeschlossen – das sind etwa 43 Prozent der Sammlung. Sechs Kunstwerke wurden bisher abschließend als NS-Raubkunst identifiziert. Bei etwa 110 Werken ist nach bisherigem Recherchestand ein Raubkunstverdacht nicht auszuschließen.

    Vier Werke von Henri Matisse, Camille Pissarro, Adolph von Menzel und Max Liebermann wurden an die Nachfahren der einstigen Besitzer zurückgegeben. Erst am Mittwoch waren zudem neue Erkenntnisse bekanntgeworden: Das Gemälde "Porträt einer sitzenden jungen Frau" des französischen Malers Thomas Couture stellte sich NS-Raubkunst heraus. Die Experten identifizierten es als Eigentum des hochrangigen jüdischen Politikers und Nazi-Gegners Georges Mandel. (APA, 27.10.2017)

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