Die Gebeine der Babenberger in Melk und die Sinnhaftigkeit von DNA-Analysen

    Blog26. Oktober 2017, 08:00
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    Historiker zweifeln an den Melker Annalen. Was die Bioarchäologie klären kann – und welche Fragen das aufwirft

    Passend zum Nationalfeiertag gibt es etwas Bioarchäologisches über die Gründerväter Österreichs – die Familie der Babenberger. Vor kurzem hatte ich die Möglichkeit, mich mit einer der umfassenderen anthropologischen Untersuchungen ihrer Gebeine zu beschäftigen.

    Im Jahr 976 wurde der erste Babenberger – der Name bezieht sich auf die Abstammung der Familie aus Bamberg –, Leopold I., von Kaiser Otto II. als Graf der marchia orientalis – ab dem 19. Jahrhundert oft als Ostmark übersetzt –, der östlichen Grenzregion des Herzogtums Bayern, eingesetzt. Unter seinem Sohn und Nachfolger Heinrich I. wurde 996 das Gebiet erstmals als "Ostarrichi" bezeichnet. Insgesamt 270 Jahre, bis zu ihrem Aussterben im Jahr 1246, herrschte die Familie der Babenberger über das stetig anwachsende Territorium zwischen Thaya, March und Enns, auf das sich das heutige Österreich begründete.

    Unstimmigkeiten in Melker Annalen

    Doch genug der Geschichtsstunde, kommen wir zum eigentlichen Thema dieses Blogbeitrags: ihren sterblichen Überresten. Schenkt man historischen Dokumenten Glauben, wurden einige der Familienmitglieder der frühen Babenberger in Melk beigesetzt. Wichtigstes Zeugnis sind die sogenannten Melker Annalen aus dem 13. Jahrhundert, nach denen insgesamt elf Babenberger, darunter die Markgrafen Leopold I., II., Ernst, Adalbert und Heinrich I. dort bestattet wurden. Historiker hegten jedoch schon lange Zweifel an diesem Dokument.

    Um die Unstimmigkeiten zu klären, wurde 1968 auf Initiative des Babenberger-Forschers Karl Lechner eine Exhumierung der Babenberger Grablege, die sich seit 1735 in einem Seitenflügel der Stiftskirche befindet, vorgenommen. Die anthropologische Untersuchung übernahm Johann Jungwirth, der damalige Leiter der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums. Seine Aufzeichnungen publizierte er damals in einem kurzen Aufsatz, die geplante Monografie kam jedoch nicht mehr zustande. Die Originaldokumentation stellten mir die Mitarbeiter der Anthropologischen Abteilung des NHM dankenswerterweise für die Forschungen zur Verfügung.

    Skelette zusammenfügen

    Bereits bei der Öffnung des Sarges wurde festgestellt, dass die darin befindlichen Skelette vermischt waren, da es sich bei der Grablege lediglich um die letzte gemeinsame Ruhestätte nach einer Reihe von Umbettungen handelte. Ist das einmal geschehen, ist eine Zuordnung zu ihren "Besitzern" oft nicht mehr möglich.

    Erster Schritt einer anthropologischen Untersuchung an solchen Fundkomplexen, der damals auch Jungwirth nicht erspart blieb, ist es, aufgrund von Form-, Größen-, Alters- und geschlechtsspezifischen Merkmalen zu versuchen, Skelette wieder zusammenzufügen. Beispielsweise konnten die Knochen der einzigen 18 bis 20 Jahre alten Person aufgrund der offenen Wachstumsfugen an den Knochen sehr gut von den übrigen Erwachsenen abgegrenzt werden. Während das jedoch bei Schädeln, Becken und Langknochen oft noch ganz gut funktionieren kann, ist es bei kleineren Knochen wie Händen und Füßen oder auch Rippen und Wirbeln oft sehr schwierig.

    Gebeine von 15 Personen

    Unter den zahlreichen vermischten Knochen aus der Babenberger Grablege konnte Jungwirth statt der auf dem Epitaph verzeichneten elf Personen die Reste von 15 Personen feststellen. Lediglich acht davon, drei Männer, vier Frauen und ein Kind, waren relativ vollständig. Gemeinsam mit Lechner und Herbert Mitscha-Märheim, Professor für Frühgeschichte an der Universität Wien, versuchte er basierend auf den anthropologischen und historischen Daten nun die einzelnen Skelette zu identifizieren.

    So wurde ein etwa 45 bis 50 Jahre alter Mann mit zwei Hieb- und Schnittverletzungen am Schädel als Markgraf Ernst der Tapfere identifiziert, der 1075 in der Schlacht bei Homburg gefallen war. Das Skelett eines etwa 60 Jahre alten Mannes, an dem schwere Gelenksabnutzungen sowie ein verheilter Bruch des Oberschenkels festzustellen waren, wurde nicht zuletzt aufgrund der beachtlichen Größe von 1,80 Metern Markgraf Adalbert dem Siegreichen (990/992–1055) zugeordnet, da dieser bereits in historischen Quellen als Riese bezeichnet wurde.

    Unsichere Zuordnungen

    Die beiden Markgrafen Leopold I. und II. scheinen hingegen nicht in Melk bestattet worden zu sein. Die weiblichen Skelette konnten lediglich aufgrund von Jungwirths Sterbealterbestimmung als Froiza, die zweite Frau Adalberts; als Mechthild, erste Frau Leopolds II.; und als Swanhild und Adelheid, erste und zweite Frau Ernsts, bestimmt werden. Das Skelett eines etwa sieben bis acht Jahre alten Kindes wurde darüber hinaus als Juditha, eine Schwester Leopolds III., identifiziert, während die Identität des "Jünglings" nicht mit Sicherheit geklärt werden konnte.

    Weiters unsicher ist die Zugehörigkeit eines sehr robusten Oberarmknochens, der gemeinsam mit mehreren Rippen und Fingern Brandspuren aufweist. Während Jungwirth diese Reste dem Markgrafen Heinrich I. zuschreibt und die Brandspuren mit dem Brand von Stift Melk im Jahr 1297 erklärt, stellte Mitscha-Märheim die Theorie auf, dass es vielleicht doch die Reste von Leopold II. sein könnten, die nach einem Brand seiner Grabkapelle in Gars nach Melk verlegt wurden. Letzteres wurde jedoch nicht anerkannt.

    DNA-Analysen zur Klärung der Identität

    Versucht man sich diesen Untersuchungen nun aus einer modernen bioarchäologischen Perspektive zu nähern, ergeben sich sowohl Fragen als auch einige Möglichkeiten. Jungwirths Forschungen wurden mit den der Anthropologie 1968 zur Verfügung stehenden Methoden durchgeführt und sind als solche auch nur geringfügig infrage zu stellen – obwohl beispielsweise die Sterbealterbestimmungen sehr eng gefasst sind. Was wir beispielsweise jedoch kaum erfahren, sind Hinweise auf den Gesundheitszustand der frühen Babenberger, obwohl gerade das sehr spannend wäre, da es dazu kaum Quellen gibt.

    Ob die Identifikationen wirklich der Wahrheit entsprechen, lässt sich jedoch nicht mit Gewissheit sagen. Zur Klärung könnten heute natürlich DNA-Analysen beitragen. Solche Untersuchungen zur Klärung der Identität berühmter Personen sind in den vergangenen Jahren zunehmend en vogue geworden. Man denke nur an Schiller (der statt zwei Schädeln nun gar keinen mehr hat) oder Richard III. (der es also 99,999-prozentig wirklich ist). Auch Angehörige der Babenberger wurden erst kürzlich DNA-Untersuchungen unterzogen – mit der Konsequenz, dass der im Stift Klosterneuburg bestattete Sohn von Leopold III. und seiner Frau Agnes nun vielleicht gar nicht Markgraf Adalbert der Andächtige – wie viele Jahrhunderte angenommen –, sondern doch sein wesentlich weniger bedeutender Bruder Ernst ist. Eine Klärung dieser Frage kann jedoch selbst die DNA-Analytik nicht liefern.

    Frage nach der Sinnhaftigkeit

    Die in Melk bestatteten Babenberger sind in fünf Generationen direkt miteinander verwandt, und viele dieser Beziehungen ließen sich mittels DNA einwandfrei nachweisen. Trotzdem ist bei solchen Untersuchungen auch immer die Frage nach der Sinnhaftigkeit zu stellen. Zum einen werden bei DNA-Analysen immer Knochen unwiederbringlich zerstört, was sowohl aus ethischen als auch aus konservatorischen Gründen problematisch ist. Zum anderen stellt sich die Frage, was potenzielle Ergebnisse wohl ändern würden.

    Streng wissenschaftlich gesehen müsste man natürlich argumentieren: Wir könnten endlich wirklich herausfinden, wer die Leute sind. Andererseits: Würden wir die Geschichtsbücher umschreiben? Melk seine Bedeutung verlieren? Vermutlich nicht – und die Bedeutung der Babenberger Markgrafen für die Entstehung des frühen Österreich bleibt so oder so unbestritten. (Michaela Binder, 26.10.2017)

    • Das Babenberger Epitaph von Melk bei der Exhumierung der Gebeine 1968.
      foto: archiv der anthropologischen abteilung des nhm wien

      Das Babenberger Epitaph von Melk bei der Exhumierung der Gebeine 1968.

    • Der Abtransport der Knochen zur Untersuchung nach Wien. Zweiter von links: der Anthropologe Johann Jungwirth.
      foto: archiv der anthropologischen abteilung des nhm wien

      Der Abtransport der Knochen zur Untersuchung nach Wien. Zweiter von links: der Anthropologe Johann Jungwirth.

    • Jungwirth und Ämilian Kloiber vom Landesmuseum Linz bei einer ersten Untersuchung der Skelette, die noch in Melk durchgeführt wurde.
      foto: archiv der anthropologischen abteilung des nhm wien

      Jungwirth und Ämilian Kloiber vom Landesmuseum Linz bei einer ersten Untersuchung der Skelette, die noch in Melk durchgeführt wurde.

    • Relativ vollständige Skelette nach der Zuordnung durch Jungwirth.
      foto: archiv der anthropologischen abteilung des nhm wien

      Relativ vollständige Skelette nach der Zuordnung durch Jungwirth.

    • Der vermeintliche Schädel von Adalbert dem Siegreichen – Jungwirth fotografierte damals alle Schädel in Normansichten.
      foto: archiv der anthropologischen abteilung des nhm wien

      Der vermeintliche Schädel von Adalbert dem Siegreichen – Jungwirth fotografierte damals alle Schädel in Normansichten.

    • Schwerthieb am Schädel von Ernst dem Tapferen.
      foto: archiv der anthropologischen abteilung des nhm wien

      Schwerthieb am Schädel von Ernst dem Tapferen.

    • Der Oberarmknochen mit Brandspuren, der Heinrich I. zugerechnet wird.
      foto: archiv der anthropologischen abteilung des nhm wien

      Der Oberarmknochen mit Brandspuren, der Heinrich I. zugerechnet wird.

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