Xbox One X: Microsofts schwierige Aufholjagd in 4K

Blog25. Oktober 2017, 10:52
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Mit mehr Grafik-Power will Microsoft gegen die dominierende PS4 und die aufblühende Nintendo Switch antreten

So viel hatte sich Microsoft für die Xbox One vorgenommen. Nach dem Erfolg der Xbox 360 rechnete man fest mit dem Zuspruch der Kernspielerschaft und wollte mit Kinect und TV-Integration auch gleich Gelegenheitsspieler erreichen. Die falsche Einschätzung des Marktes und die ganz auf Spiele konzentrierte Playstation 4 machten Microsoft einen Strich durch die Rechnung: Seit dem Start konnte sich Sonys Konsole mit über 60 Millionen Stück doppelt so oft verkaufen. Tendenz steigend.

Anfang November bläst der IT-Riese nach geänderter Vermarktung nun zur Aufholjagd: Eine vielfach stärkere Xbox One X soll verlorene Fans zurückgewinnen, samt all jenen Grafikliebhabern, die aktuelle Games in UHD-Auflösung auf 4K-Fernsehern genießen wollen. Das Comeback zur Spitze ist allerdings alles andere als sicher.

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Starker Gegenwind

Bei der X1X handelt es sich um ein Mid-Generation-Upgrade, wie man es von Sonys PS4 Pro kennt. Die neue Xbox unterstützt die gleichen Spiele wie die Xbox One, kann diese aber mit hübscherer Grafik ausgeben. 499 Euro sollen Kunden für die "bisher stärkste Konsole" ablegen, was ob der Technik ein guter Deal ist, aber trotzdem wohl nur Hardcore-User anspricht: Die zwar schwächere, dafür 100 Euro billigere PS4 Pro machte mit dem gleichen 4K-Fokus bisher nur ein Fünftel der laufenden PS4-Verkäufe aus. Und fallende Preise machen die normale PS4 und Xbox One auch diese Weihnachten attraktiver für die Masse – noch dazu, da sie dieselben Spiele unterstützen wie die Topmodelle.

Microsoft geht es dennoch um den Imagewandel – man möchte sich wieder als Basis für Core-Gamer etablieren. Nach Jahren der unvorteilhaften Grafikvergleiche zwischen Xbox One und PS4 will man nun endlich die stärkere Konsole bieten, auf der Multiplattform-Games wie "Middle-earth: Shadow of War" oder "Assassin's Creed Origins" besser aussehen als auf der Konkurrenz-Hardware. Selbst wenn die Detailunterschiede abermals nur die Pixelzähler der Fachmagazine wirklich ausmachen können. Das Argument für die X1X lautet quasi "ganz 4K und nicht fast 4K". Die X1X soll noch ein Schippchen drauflegen und Spiele öfter in nativer 4K-Auflösung ausgeben können als die PS4 Pro, die oftmals auf raffinierte Skalierungsverfahren setzen muss, um Spiele mit niedrigerer Auflösung auf 4K aufzublasen.

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Rückblick: Unsere Eindrücke von Microsofts Xbox One X-Ankündigung.

Viel Power für viele Pixel

Geht man nach den Entwicklungen der jüngsten PS4- und PS4-Pro-Werke, dürfte überdies auch für künftige X1X-Besitzer nicht viel mehr herausschauen, als ein Auflösungs- und Bildraten-Upgrade. Zwar erlauben es die Konsolenbetreiber Spielherstellern sehrwohl, hübschere Effekte, ausgefeiltere Animationen und schärfere Texturen für die High-end-Fassungen ihrer Spiele anzubieten, aus ökonomischen und technischen Gründen wird darauf allerdings oft und gerne noch verzichtet.

Das liegt einerseits an dem vermeintlichen Killer-Feature 4K selbst. Beim Ziel, PS4- und Xbox-One-Games mit der vierfachen Auflösung gegenüber dem bisherigen Full-HD-Standard (1080p) darzustellen, wird die Mehrheit der zusätzlichen Hardware-Ressourcen von PS4 Pro und X1X bereits genau dadurch verschlungen. Um ein neues "Call of Duty" von 1080p auf 4K aufzuwerten, wird so viel mehr an Leistung benötigt, dass nicht mehr viele Ressourcen für bessere Effekte oder zusätzliche Grafikschmankerln übrig bleiben. Und aufgrund des Mid-Generation-Konzepts, wonach PS4- bzw. Xbox-One-Spieler durch die Upgrades inhaltlich nicht benachteiligt werden dürfen, nutzen Spielhersteller die stärkeren Systeme auch nicht dazu, ausgefeiltere Spielmechaniken oder größere Spielwelten zu realisieren.

Ökonomischer Gegenwind

Andererseits wirkt den groß beworbenen technischen Upgrades noch ein viel stärkerer ökonomischer Faktor entgegen: Wie man es vom PC-Spielemarkt kennt, fokussieren sich Hersteller fast ausnahmslos auf den am weitesten verbreiteten Hardware-Standard und nicht auf die leistungsstarke Spitze. Das hat zur Folge, dass selbst absolute High-end-Rechner neue Spiele trotz vielfach schnellerer Prozessoren nicht vielfach schöner darstellen können, als Mittelklasse-PCs oder Konsolen, da Studios ihre Ressourcen in die Optimierung für die breite Masse investieren und nicht in die Möglichkeiten einer kleinen Hardware-Elite. So kommt es nicht von ungefähr, dass die Top 20 der Steam-Charts sich nicht aus auserkorenen Grafikkrachern, sondern aus Games zusammensetzt, die auf einer Vielzahl an Systemen gut spielbar ist.

Den bisherigen Erfahrungswerten bezüglich der PS4 Pro sowie den Verkaufsprognosen zur Xbox One X nach gibt es wenig Anzeichen dafür, dass Hersteller bei den neuen Konsolen-Upgrades anders verfahren werden. Denn von einem wahren Trend zu den High-end-Geräten kann noch keine Rede sein: Sonys eigenen Angaben zufolge ist aktuell etwa jede fünfte verkaufte PS4 eine Pro. Bedenkt man, dass die Xbox One X sogar noch 100 Euro teurer sein wird, stehen die Chancen auf einen echten Kassenschlager noch schlechter. Schätzungen nach wurden bisher rund 90 Millionen PS4- und Xbox-One-Konsolen verkauft. PS4 Pro und Xbox One X werden daher selbst bei starken Verkaufszahlen in den ersten Jahren noch lange kein dominierender Faktor bei der Spielentwicklung sein.

Weshalb der ganze Aufwand?

"Warum", fragt man sich also? Weshalb der ganze Aufwand? Die Antwort darauf liefern die seit Jahren bei Fachseiten-Lesern und -Sehern populären Grafikvergleiche zwischen den unterschiedlichen Plattformen. Das Pixelzählen zwischen PC versus Playstation 4 versus Xbox One wird nun um zwei weitere Wettbewerber erweitert, der Kampf und die Grafikkrone noch etwas spannender. Und die wenigen, aber stimmkräftigen Forennutzer einer an sich schon nicht gigantisch großen Kernspielerschaft überschlagen sich mit den immergleichen Kommentaren für und gegen die jeweiligen Systeme.

Für Fachmagazine und Youtube-Kanäle waren und sind die Etablierung und Professionalisierung dieser Vergleiche, die mit der vergangenen Konsolengeneration dank Breitbandinternet so richtig an Fahrt aufnahmen, ein gutes Geschäft. Wie viel besser ein Spiel auf PC, Xbox oder Playstation aussieht, egal wie klein der Unterschied auch sein mag, ist ein sicherer Zugriffsbringer und für die Hersteller mittlerweile ein Fixpunkt in der PR. Welchen Stellenwert diese Art der Berichterstattung nicht nur bei Medien und deren Lesern, sondern auch bei den Plattformherstellern selbst eingenommen hat, lässt sich am besten anhand der Art und Weise bezeugen, wie Microsoft die Xbox One X der Öffentlichkeit präsentierte.

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Spiele wie "Middle-earth: Shadow of War" sollen zeigen, wie viel schöner Games auf der Xbox One X aussehen können.

Mehr Power, aber für wen genau?

Anstelle ein exklusives Blockbuster-Game vorzustellen oder ein multimediales Event für die Massen zu veranstalten, wandte man sich für die Erstvorstellung exklusiv an den professionellsten und angesehensten aller Pixelzähler der Branche: Den Gaming-Technologieblog Digital Foundry, der dann dankend in einer fast schon fragwürdigen Anzahl an Artikeln kleinweise über die Art und Weise referierte, wie die Xbox One X die gleichen Xbox-One-Games mit schärferer Grafik darstellen können wird. Auch einige Wochen später auf Microsofts E3-Pressekonferenz blieb man dieser Linie treu.

Die "We heard you"-Konsole wurde mit Sicherheit auch dafür geschaffen, Besitzern von 4K-Fernsehern ein schärferes Bild zu bieten. Doch vor allem wurde sie kreiert, um die Marke Xbox bei künftigen Vergleichen besser aussehen zu lassen und die kleine, aber lautstarke Menge an grafikaffinen Core-Gamern wieder auf die eigene Seite zu holen, die wiederum die Massen für Microsofts Konsole begeistern soll. Die PS4 und die PS4 Pro hatten für Sony die gleiche Aufgabe erfüllt.

Die Marketingstrategien leuchten ein. Neue, stärkere Hardware treibt die Verkäufe an. Doch wenn der tatsächliche Mehrwert wie bei diesen Mid-Generation-Konsolen aus spielerischer Sicht so beschränkt ist, stellt sich die Frage, wer oder was bei all diesem Buhlen um Grafikfanatiker und Fanboys auf der Strecke bleibt.

Wo bleibt Microsofts "Zelda"?

Denn was haben Spieler wirklich davon? Der ganze Aufwand, die Millionen-Investitionen und Marketingschlachten nur dafür, um die gleichen Spiele mit mehr Pixeln sehen zu können? Dabei hieß es doch immer, die Games verkaufen am Ende des Tages die Konsolen.

Und genau hier liegt das Problem mit den neuen 4K- oder Fast-4K-Konsolen. Das ganze Geld, dass in neue Hardware investiert wurde, die aufgrund ihrer Ausrichtung keine neuen Spielerfahrungen ermöglichen, sondern nur bestehende Games hübscher darzustellen, hätte man auch in neue Spiele oder innovativere Technologien stecken können.

Anstelle dessen fuhr Microsoft seine interne Videospielproduktion in den vergangenen Jahren sukzessive zurück und kann auch drei Jahre nach dem Marktstart der Xbox One kein einziges neues und exklusives Xbox-Spiel aufweisen, das in der Außenwirkung den Stellenwert von "Halo", "Uncharted" oder "Zelda" hat. Und auch die Xbox One X wird im November abseits der zigten Fortsetzung des Rennspiels "Forza Motorsport" ohne Must-Have-Kracher starten.

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Mit erstklassigen Games wie "Super Mario Odyssey" macht auch Nintendo der neuen Xbox starke Konkurrenz.

Starke Konkurrenz

Wie wichtig hochwertige Eigenproduktionen und Ausflüge zu innovativeren Technologien sind, zeigen die ungebrochenen Anstrengungen von Sony und Nintendo. Sony investiert weiter kräftig in neue exklusive PS4-Marken wie "Horizon: Zero Dawn", "Spider-Man" oder "Days Gone" und leistet mit Playstation VR Pionierarbeit im bereich der virtuellen Realität. Ungelegen kommt für Microsoft gleichzeitig Nintendos Rückkehr zur Höchstform mit der Nintendo Switch, die mit erstklassigen Exklusivspielen wie "Zelda: Breath of the Wild" und "Super Mario Odyssey" und einem frischen Hybrid-Konzept einen sehr erfolgreichen Marktstart hingelegt hat und nun auch als attraktive (Zweit-)Konsole so manche bestehenden PS4-Kunden anlockt. Kunden, die sich sonst vielleicht für eine neue Xbox entschieden hätten.

Strategie im Hintergrund

Dass Microsoft mit der Xbox One X mit der höherpreisigen Ausrichtung nicht die Massen für sich gewinnen können wird, weiß der Redmonder IT-Konzern aber gewiss selbst. Doch langfristig geht es Microsoft mit der X1X aber wohl um eines: Die Marke Xbox soll im Rennen bleiben, um den lukrativen Medienservice Xbox Live nicht nur mehr Konsolennutzern, sondern auch Windows-Kunden schmackhaft zu machen und Microsoft für die Zeit nach den Konsolen rüsten. Nicht umsonst veröffentlicht man seit geraumer Zeit die meisten Xbox-exklusiven Games auch für Windows 10. Wie erfolgreich diese neue Doppelgleisigkeit sein wird, bleibt abzuwarten. Denn mit den mächtigen PC-Portalen Steam, Battle.net und Co gilt es auch am von Windows dominierten PC-Markt noch schwere Schlachten zu schlagen. (Zsolt Wilhelm, 25.10.2017)

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