Welle an dubiosen prorussischen Fake-News über Sebastian Kurz

25. Oktober 2017, 10:01
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Der ÖVP-Chef soll laut einer Verschwörungstheorie Aktivitäten der Stiftung von George Soros in Österreich verbieten

Das prorussische Informationsportal "Your Newswire" hat eine euphorische Kampagne zu Sebastian Kurz (ÖVP) gestartet. Seit dessen Wahlsieg sind vier Artikel über Kurz erschienen, die nachweislich falsch sind – aber auf Facebook hunderttausende Likes erhielten.

Eine der am meisten verbreiteten Falschmeldungen behauptet, dass Kurz den ungarischstämmigen Milliardär George Soros darüber informiert hat, dass dessen Stiftung binnen 28 Tagen sämtliche Aktivitäten in Österreich einstellen muss, da sie "die Demokratie untergräbt". Außerdem heißt es, dass Kurz ein "9/11-Truther" sei. So bezeichnet man Personen, die die offizielle Darstellung des Anschlags vom 11. September 2001 infrage stellen. Die Zitate, die Kurz zugeschrieben werden, sind frei erfunden.

Kurz soll gegen "New World Order" kämpfen

Ein anderer Artikel unterstellt fälschlicherweise, Kurz habe damit wahlgekämpft, die "New World Order" zu zerstören; in einem weiteren Text wird behauptet, der russische Präsident Wladimir Putin habe Kurz und dem österreichischen Volk gratuliert, sich nicht von jener "neuen Weltordnung versklaven zu lassen". Abgeschlossen wird der Reigen an Artikeln – die Kurz positiv darstellen sollen – mit einer Geschichte, der zufolge Kurz einen "hochrangigen Pädophilen-Ring auf europäischer Ebene aufdecken" wolle.

Internationale Verbreitung

Besonders der Text über das angebliche Verbot der Soros-Stiftung fand rege Verbreitung. Zahlreiche internationale Blogs und Nachrichtenportale aus der prorussischen Sphäre, etwa in Italien oder Polen, griffen den Artikel auf; ebenso Vertreter der US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung rund um breitbart.com. Tatsächlich sollen zwischen "Breitbart"-Autor und Aktivist Milo Yiannopoulos und Baxter Dmitry, dem Autor auf "Your Newswire", enge Beziehungen bestehen. Auf Twitter wurde der Artikel von Dinesh D'Souza verbreitet. Der konservative Filmemacher gilt als Verschwörungstheoretiker, der etwa behauptet, die amerikanische Linke habe ihre Wurzeln im Nationalsozialismus.

Fans von Russia Today

"Your Newswire" wird vom ehemaligen MTV-Mitarbeiter Sean Adl-Tabatabai betrieben. Er beschreibt sich selbst als "Betreiber eines Portals für alternative Nachrichten" und gibt an, Geschichten vor deren Publikation rund dreißig Minuten zu prüfen. Eine EU-Initiative, die sich mit russischen Desinformationskampagnen beschäftigt, hob "Your Newswire" bereits in drei Fällen als einen Verbreiter von Falschmeldungen hervor. Adl-Tabatabai gab gegenüber dem "Evening Standard" an, Russia Today "zu lieben". Das heute als RT bekannte Portal wird vom russischen Staat finanziert, es gilt als propagandistisch.

Soros als Zielscheibe

Der britische "Independent" hat Soros als "Zielscheibe für die Alt-Right-Bewegung" bezeichnet, "weil diese die Idee zerstören will, dass Demokratie und liberale Ideale Verbreitung finden können". Soros finanziert durch seine Stiftung zahlreiche demokratiefördernde Initiativen. Kurioserweise hatten im österreichischen Wahlkampf Fake-Seiten über Sebastian Kurz eine Rolle gespielt, in denen dieser als Soros-Freund bezeichnet wurde. Auf der "Wahrheit über Sebastian Kurz", die von Auftragnehmern der SPÖ unter Ägide von Tal Silberstein betrieben worden sein soll, wurde etwa gegen Kurz und Soros Stimmung gemacht. Auch zahlreiche FPÖ-nahe Publikationen thematisierten eine angeblich enge Beziehung der beiden.

Schüssel bei RT

Eine befürchtete Manipulation der österreichischen Wahlen durch russische Desinformation ist laut ersten Analysen ausgeblieben. Auf "Your Newswire" gab es vor dem Wahltag nur einen Artikel, in dem Kurz vorkam. In den vergangenen Tagen gab es jedoch einen Anstieg an wohlwollenden Artikeln über Kurz in prorussischen Medien.

Für Aufregung sorgte außerdem ein Auftritt des ehemaligen Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel auf RT, dort sprach er sich für die Abschaffung der Sanktionen gegen Russland aus. "Wir sehen Österreich als Brücke zwischen unseren Kulturen und werden nie antirussisch sein", sagte Schüssel dort. Schüssel gilt als Berater von Kurz. (Fabian Schmid, 25.10.2017)

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