Im richtigen Pillenfilm

    29. Oktober 2017, 14:43
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    Patrick Wahl entwickelte eine Methode zur automatischen Tablettenbeschichtung

    Graz – Man stelle sich eine Art Riesenwaschmaschine vor, in der hunderttausende Pillen gleichzeitig "gecoatet", also mit einer Beschichtung versehen, werden. Da kommt es natürlich vor, dass manche einen dickeren oder dünneren "Mantel" bekommen als andere.

    Was sich für den Laien eher irrelevant anhört, ist für die Pharmaindustrie und manche Patienten allerdings ein großes Problem – denn die Schichtstärke steuert in vielen Fällen, wie schnell der Wirkstoff einer Tablette freigesetzt wird. Ist die Beschichtung dünner als vorgesehen und löst sich deshalb zu früh auf, könnte der Wirkstoff statt an seinem Zielort, etwa im Darm, schon im Magen austreten und dort Schaden anrichten.

    Patrick Wahl und seine Forschungsgruppe am Grazer Kompetenzzentrum Research Center Pharmaceutical Engineering (RCPE) ist es nun gelungen, mittels automatischer Auswertung von gemessenen Querschnittsbildern den Beschichtungsprozess automatisch zu regeln. "Unsere Entwicklung basiert auf der sogenannten Optischen Kohärenztomografie (OCT), bei der Licht geringer Kohärenzlänge zur Entfernungsmessung genutzt wird", erklärt der Forscher.

    In der Augenheilkunde etwa werde diese Messmethode schon lange eingesetzt. Um die OCT auch für den industriellen Prozess des Pillen-Coatings zu nutzen, waren mehrere Jahre intensiver Forschungsarbeit nötig. Mittlerweile hat die Technologie bereits Marktreife erreicht, und RCPE hat sich das neue Mess- und Überwachungsgerät patentieren lassen. Produziert und vermarktet wird es von der Grazer Firma Phyllon.

    Während die Stärke des Tablettenfilms bisher zeitintensiv und fehlerbehaftet etwa über das Gewicht von Stichproben überprüft werden musste, kann das neue Gerät in bestehende Prozesse integriert werden und den gesamten Beschichtungsprozess automatisch kontrollieren und regulieren. "Damit können die Hersteller den Produktionsprozess quasi in Echtzeit überprüfen und optimieren", erläutert Wahl. Dass die von ihm mitentwickelte Technologie nicht zuletzt für die Patienten ein Plus an Sicherheit bringt, ist für den 33-jährigen Oberösterreicher, der sein Studium der Technischen Physik an der Grazer TU absolvierte, ein wesentlicher Aspekt. Obwohl die auf den Namen OSeeT getaufte neue Technologie bereits auf den Markt gebracht wird, ist für Wahl und sein Team die Arbeit noch nicht abgeschlossen: "Wir wollen die Messgenauigkeit noch weiter erhöhen und das Gerät auch für andere Anwendungen adaptieren."

    Da ihm seit seiner Studienzeit die Gefahr der intellektuellen Verengung eines rein auf technische Probleme konzentrierten Blicks sehr bewusst ist, beschäftigt sich Wahl in seiner Freizeit gerne mit philosophischen Themen. "Mir war es immer wichtig, über den Tellerrand der Technik hinaus zu schauen."

    Für den einst regelmäßigen Austausch im philosophischen Zirkel ist die Freizeit inzwischen zwar zu knapp geworden, aber die großen Menschheitsfragen kann man ja auch alleine in der Natur ganz gut wälzen. Etwa an den Wochenenden beim Bergwandern, Klettern oder Mountainbiken. Dass hier auch die eine oder andere prozesstechnische Idee ans Licht kommt, kann bei einem philosophierenden Techniker wie Patrick Wahl ja nie ganz ausgeschlossen werden. (grido, 29.10.2017)

    • Der Prozesstechniker Patrick Wahl blickt gern über den Tellerrand – und schwärmt für Philosophie.
      foto: rcpe/kunztfoto

      Der Prozesstechniker Patrick Wahl blickt gern über den Tellerrand – und schwärmt für Philosophie.

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