Industrie sucht Wege gegen "veritables Populismusproblem"

23. Oktober 2017, 12:22
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Die Industriellenvereinigung will mit den Bürgern in Dialog treten und deren Denkart ändern

Wien – Die Industriellenvereinigung will mit der Zivilgesellschaft in Kommunikation treten. Dafür startet sie die Kampagne "Meine Arbeit. Unsere Industrie". Einerseits stellt sie damit Forderungen an die künftige Regierung, andererseits sollen sich Menschen mit Wirtschaftsanliegen direkt an die IV wenden können.

"Es geht um alles, was in einer Gesellschaft wichtig ist – Chancengerechtigkeit, Arbeitsplätze, Eigenverantwortung, Leistung, Miteinander, Armutsvermeidung", sagte IV-Präsident Georg Kapsch am Montag.

Kampfansage an Populismus

Für Kapsch ist es "der selektive Umgang mit Informationen", der die Gesellschaft spalte. Mit ihrer Kampagne wolle die IV dem "veritablen Populismusproblem in Österreich" entgegentreten. Anhand einer Umfrage eruierte sie, wie derzeit die generelle Stimmung im Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ist.

Den Ergebnissen zufolge fühlen sich 80 Prozent der Arbeitnehmer im eigenen Unternehmen fair behandelt. Neun von zehn sehen sich mitverantwortlich für den Erfolg der eigenen Firma. Und drei Viertel favorisieren Lösungen für Probleme im Arbeitsalltag auf Betriebsebene. Dass nur 60 Prozent der Meinung sind, das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sei gemeinschaftlich, führt Kapsch auf gezielte Meinungsmache zurück: "So schlecht kann es uns nicht gehen. Doch auch wir müssen mittlerweile kampagnisieren."

Sieben Punkte der Kampagne

  • Steuern: Die Abgabenquote von 43 Prozent solle unter den EU-Schnitt von 40 Prozent gedrückt werden. Der Körperschaftssteuersatz auf nichtentnommene Gewinne gehöre halbiert.
  • Pensionssystem: Das faktische Pensionsantrittsalter liege immer noch unter 60 Jahren. Es brauche einen Automatismus oder einen Umstieg auf ein beitragsorientiertes System.
  • Arbeitszeit: Das Arbeitsrecht gehöre an die Realität angepasst und Arbeitszeitregelungen flexibilisiert.
  • Vermögenssteuer: In Österreich werde die Einkommensverteilung oft falsch wahrgenommen, da die Transferleistungen nicht einbezogen würden. Mit 10.400 Euro pro Kopf habe Österreich die dritthöchsten Transferleistungen der EU. Es bedürfe einer Vermögenssteuer, die nicht an die Substanz geht.
  • Bildung verbessern: Die hohen Bildungsausgaben kommen der IV zufolge nicht in den Klassenzimmern an. Es gebe zu viele Mathematik- und Leseschwächen am Ende der Volksschule. Mit "Neustart Schule" setzt sich die IV bereits dagegen ein.
  • Exporte stärken: Menschen hätten Angst vor Freihandelsabkommen. In Österreich würden aber 53 Prozent des Bruttoinlandsprodukts über Exporte erzielt, und jedes Prozent an Exporterweiterung erschaffe 10.000 Arbeitsplätze.
  • Stärkung der Industrie im Allgemeinen: Es gehöre vor allem die Wahrnehmung der Rolle der Industrie verbessert.

"Wir sprechen in sieben Punkten die zentralen Fragen für Mitarbeiter und Unternehmen an, um das Land im wirtschafts-, sozial- und gesellschaftspolitischen Bereich positiv zu verändern", sagt Kapsch. "Dass wir einfach mehr Nachhaltigkeit in das Land bekommen und nicht immer nur von der Hand in den Mund leben."

Kommunikation auf breiter Ebene

"Die Kommunikation erfolgt in der Breite und auf Augenhöhe in einfacher Sprache – offen, fair, sachlich, faktenbezogen und sachpolitisch", sagt IV-Generalsekretär Christoph Neumayer. "Es ist ein Statement gegen den Populismus und ein nachhaltiger Dialog von dem wir uns nicht mehr zurückziehen werden."

Von Bürgern wurden und werden Fragen gesammelt, die von IV-Fachleuten beantwortet werden. Unter dialog.iv.at können Interessierte ihre Fragen einbringen. In einem bei der Pressekonferenz präsentierten Video erkundigt sich eine jüngere Frau über eine Vermögenssteuer, und sogleich bezieht ein IV-Experte deutlich Stellung gegen diese "Steuer auf die Substanz". In einem weiteren Video, in dem eine ältere Frau fragt, ob ihre Enkerln noch eine Pension bekommen werden, antwortet eine IV-Fachfrau zwar mit Ja – aber nur, wenn es Anpassungen gebe.

Die Kampagne, für die österreichweit 2.000 Plakatstellen gebucht sind, wurde lange überlegt und nun bewusst nach der Nationalratswahl gestartet, so Neumayer. In Österreich hätten Kompromisse allzu lange viele Schwächen überdeckt. Wenn jetzt auch die Kompromissstärke verschwinde, werde es wirklich kritisch.

Kapsch: "Wollen Kollektivverträge nicht abschaffen"

Neben der Präsentation der Kampagne sprach Kapsch von immer wiederkehrenden Vorwürfen, die IV wolle die Kollektivverträge abschaffen. "Das stimmt absolut nicht. Wir sind Unterstützer dieses Systems", sagt Kapsch. Er sprach sich allerdings gegen das Machtkonstrukt der Sozialpartner aus. Die Sozialpartnerschaft habe sich zu einem Staat im Staat entwickelt und habe wenig Interessen an Reformen. "In anderen Ländern sind 60 Prozent des Arbeitsmarkts mittels Kollektivvertrag abgedeckt und nicht wie bei uns 97. Dort geht es den Arbeitnehmern aber auch nicht schlechter." (APA, red, 23.10.2017)

  • Georg Kapsch und Christoph Neumayer wollen sich ein bisschen in den Gehirnen der Österreicher einnisten.
    foto: apa/hans klaus techt

    Georg Kapsch und Christoph Neumayer wollen sich ein bisschen in den Gehirnen der Österreicher einnisten.

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