Katalonien-Krise bringt wirtschaftliche Verlierer auf beiden Seiten

20. Oktober 2017, 09:00
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Die Krise fordert in Katalonien und dem restlichen Spanien ihren Tribut: Firmen wandern ab, Touristen bleiben aus

Granada – Während sich Madrid in Dialogverweigerung mit den "Putschisten" in der abtrünnigen nordostspanischen Region Katalonien übt, trüben sich die wirtschaftlichen Prognosen Gesamtspaniens ein. Im an Brüssel übermittelten Budgetentwurf geht man in Madrid für das kommende Jahr nur noch von einem BIP-Wachstum von 2,3 statt 2,6 Prozent aus.

In dem Schreiben an Brüssel begründet die Regierung ihre neue Einschätzung mit "einer leichten Eindämmung der Binnennachfrage, die sich aus den negativen Auswirkungen der Unsicherheit ergibt, die mit der derzeitigen politischen Situation in Katalonien verbunden ist". Mindestens 75.000 Arbeitsplätze würden zudem 2018 weniger geschaffen werden, ist man seitens der rechtskonservativen spanischen Regierung unter Premier Mariano Rajoy (Partido Popular, PP) überzeugt. Auf Katalonien entfällt etwa ein Fünftel der Wirtschaftsleistung in Spanien.

Konjunktur lässt nach

Alarm schlägt auch die 2013 von der Regierung ins Leben gerufene unabhängige Finanzbehörde Airef. Dem Gremium zufolge droht abhängig von der Dauer des Konflikts der Verlust von 0,4 bis 1,2 Prozent des BIP – ein Minus von vier bis zu 14 Milliarden Euro.

Die Gefahr eines Bank-Runs schloss der spanische Wirtschaftsminister Luis de Guindos (PP) indes kategorisch aus: "Man darf keine irrationalen Erwartungen schüren." Die katalanischen Banken Caixabank und Banco Sabadell stünden unter dem EZB-Schutzschirm und hätten netto zuletzt auch Einlagenzuwächse verbucht.

Laut dem Unternehmerbund CEOE, der mit Ausnahme seines Präsidenten und FC-Barcelona-Stiftungsmitglieds Juan Rosell Lastortras vehement für die Einheit Spaniens eintritt, würden bereits jetzt alle Bürger die "enormen Schäden" der Wirren um eine Unabhängigkeit der Katalanen zu spüren bekommen.

20 Firmen pro Stunde gehen

Andererseits setzen die Streitigkeiten den Tourismussektor Kataloniens unter Druck. Besonders in Barcelona, wo seit dem vom katalonischen Regierungschef Carles Puigdemont initiierten Abspaltungsreferendum am 1. Oktober die Nächtigungen um 15 Prozent zurückgegangen sind. Hält sich diese Tendenz, droht dem Sektor im Schlussquartal ein Verlust von 1,8 Milliarden Euro, prophezeit der Branchenverband Exceltur.

Zugleich geht die Verlegung von Firmensitzen aus Katalonien ungebremst weiter. Nach Versicherungen und Banken kehren nun vermehrt kleine und mittelständischen Firmen der Region den Rücken. Berichten zufolge wandern etwa 20 Firmen pro Stunde in andere spanische Regionen ab. Mehr als 800 der 230.000 katalanischen Unternehmen stünden kurz davor. Angesichts der vom Andrang überforderten Notariate und Behörden stehen sie laut Unternehmerverband CEOE auf einer "Warteliste".

"Politischer Druck"

Schwieriger ist das für Unternehmen, die in Katalonien produzieren, wie etwa die Volkswagentochter Seat mit ihrem großen Werk bei Marotell. Wie Betriebsratschef Matías Carnero bestätigte, sehe sich das Unternehmen "politischem Druck" aus Madrid ausgesetzt. Die für 15. Oktober geplante Bekanntgabe des Namens für einen neuen SUV wurde angesichts der Krise verschoben. (Jan Marot aus Granada, 20.10.2017)




  • Die Regierung in Madrid rechnet für das kommende Jahr nur noch mit einem BIP-Wachstum von 2,3 statt 2,6 Prozent.
    foto: afp / cristina quicler

    Die Regierung in Madrid rechnet für das kommende Jahr nur noch mit einem BIP-Wachstum von 2,3 statt 2,6 Prozent.

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