Datensammelnde Dienste: Es regiert das Prinzip "Friss oder stirb"

31. Oktober 2017, 11:24
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Daten sind zur wichtigen Währung geworden – für Nutzer kommt es auf das Gleichgewicht an

Im Internet gilt eine neue Währung. Nicht von Bitcoin ist die Rede, sondern von Nutzerdaten. Wer einen Dienst verwenden will, muss etwas von sich preisgeben. Und das ist zunehmend nicht nur im Netz so.

Nutzerdaten sind für Unternehmen sehr wertvoll. Denn damit lässt sich personalisierte Werbung schalten. Marketingaktionen werden genauer auf Personen zugeschnitten und – so die Hoffnung – effektiver. Immer öfter kommt es aber vor, dass man einen Dienst nicht in Anspruch nehmen kann, stimmt man der Datensammlung nicht zu. Nach dem Motto "Friss oder stirb".

Was uns Nutzer interessiert, erkennen Werber anhand verschiedener Faktoren. Welche Websites besucht wurden, welche Facebook-Seite einem gefallen hat oder welche Warengruppen in einem Shop bestellt wurden. Diese Daten werden über Tracking-Skripts erhoben, die auf Websites eingebettet sind. Seit einigen Jahren ist es in der EU Pflicht, dass Website-Betreiber darauf hinweisen, wenn Tracking-Cookies zum Einsatz kommen. Mit Browser-Erweiterungen können Nutzer eine Seite danach scannen und die Tracker blockieren. Die Datensammlung lässt sich einschränken.

Nutzern bleibt oft keine Wahl

Bei Daten, die ein Onlinedienst von seinen registrierten Mitgliedern sammelt, ist die Sache etwas anders gelagert. Denn hier bleiben Nutzern meist nur zwei Optionen: die Datensammlung akzeptieren oder den Dienst nicht verwenden. Und das ist zunehmend nicht mehr nur auf Onlinedienste beschränkt. Immer mehr Anbieter verschiedener Dienstleistungen und Produkte verlangen eine Registrierung – etwa Fahrdienste wie Uber, Fahrradverleiher per App oder auch der erste Wiener Flatrate-Supermarkt.

Der Flatrate-Supermarkt ist derzeit auf 1.000 Mitglieder beschränkt. Sie zahlen 9,90 Euro im Monat und können sich dafür 20 Produkte aussuchen. Für die Anbieter ist der Supermarkt ein Marktforschungs-Tool. Das Unternehmen weiß wann wer welche Produkte kauft. Dabei wird betont, dass man sich an Datenschutzgesetze und die neue Grundverordnung halte und keine personenbezogenen Nutzerprofile erstellt. Die Datenschutzgrundverordnung tritt 2018 in Kraft und soll personenbezogene Daten besser schützen.

Ungleiche Gegenleistung

Aber ist es überhaupt so schlimm, wenn bestimmte Daten von Nutzer gesammelt werden, und diese dafür ein Produkt kostenlos oder günstiger erhalten? Abgesehen davon, was genau mit den Daten passiert, ist es eine Frage des Gleichgewichts zwischen Anbieter und Konsument. "Die größte Gefahr ist, dass die Gegenleistung nicht stimmt – also alles preiszugeben und nichts oder viel zu wenig dafür zu erhalten", sagt Viktor Mayer-Schönberger zum STANDARD. Der Jurist beschäftigt sich damit, wie Daten den Markt verändern. Gemeinsam mit Co-Autor Thomas Ramge kam im Oktober sein neues Buch "Das Digital" heraus.

Die Gefahr einer Schieflage bei der Gegenleistung ortet Mayer-Schönberger weniger bei Anbietern wie Google, Apple oder Amazon. Das komme eher in konventionellen Sektoren wie im Bankenbereich, Mobilfunkmarkt oder bei Energieversorgern vor. Bei Smartmetern etwa gebe es "eklatant zu wenig an Gegenleistung für die reichen Datenschätze, die hier von den KundInnen abgegriffen werden", so der Jurist. Ähnlich sehe es bei Autoherstellern aus. "Gerade teurere Autos sammeln unglaublich viel Informationen darüber wo wir wann wie schnell gefahren sind, aber auch wie wir bremsen und unser Auto benutzen – selbst was wir an Musik hören während des Autofahrens. Und was bekommen wir für diese Daten: nichts."

Gegenwert nicht zu beziffern

Wieviel diese Daten wert sind, lässt sich nur schwer beziffern. Und erst recht nicht in einen für Nutzer besser zu fassenden Wert – also in Euro oder Dollar – umrechnen. "Facebook würde ja auch ohne Daten Werbung schalten können, aber die Werbung wäre weniger ‚passgenau‘, hätte also eine größere Streuung. Und das bedeutet nicht nur, dass die Werbenden weniger Erfolg damit hätten, sondern auch, dass die Facebook-KundInnen mit noch mehr unpassender Werbung konfrontiert würden", so Mayer-Schönberger.

Nutzer müssten im Grund bei jedem Dienst, bei dem sie sich anmelden und bei jedem Produkt, das Daten übertägt, sämtliche Geschäftsbedingungen und Datenschutzbestimmungen durchlesen und abwägen, ob sie genügend Gegenleistung erhalten. Nicht wirklich eine praktikable Lösung.

Keine digitalen Eremiten

Muss man sich für Datenschutz also aus der digitalen Welt zurückziehen? Für den Juristen zeigt sich, dass Leute, die am sozialen Leben teilhaben wollen, nicht zu digitalen Eremiten werden können. Das habe bereits das Volkszählungsurteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts von 1984 gezeigt. Es gilt als wichtige Errungenschaft im Datenschutz und schuf das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Menschen können selbst bestimmen, welche Daten für welchen Zweck gesammelt werden dürfen. Nur ist das heute in der Praxis kaum durchzusetzen – Nutzer können beispielsweise nicht die Datenschutzbestimmungen bei Eröffnung eines Bankkontos aushandeln. Datenschutz muss für den Experten daher neu gedacht werden – als Verpflichtung der Datennutzer im Umgang mit den Informationen. (Birgit Riegler, 31.10.2017)

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    Viele Dienstleistungen können nur mehr in Anspruch genommen werden, wenn man der Sammlung bestimmter Daten zustimmt. Dabei kommt es wie bei Geldgeschäften darauf an, dass die Gegenleistung stimmt.

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